Lieferengpässe bei Arzneimitteln in Deutschland: Über 400 Medikamente werden auf der Seite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) aufgeführt - sie alle sind nicht oder nicht in ausreichender Menge lieferbar. Unter ihnen sind Krebsmedikamente, Narkose-Mittel oder Mittel gegen Epilepsie.

In Zeiten des Coronavirus in Deutschland sind das beunruhigende Nachrichten. So sahen das scheinbar auch viele Deutsche: Wie die dpa berichtet, haben die Deutschen zu Beginn der Corona-Krise nicht nur Vorräte an Nudeln und Toilettenpapier angelegt, sondern offensichtlich auch Medikamente gebunkert. Das zeigen Zahlen der Techniker Krankenkasse (TK). Demnach gab es in der zweiten Märzhälfte einen starken Anstieg der Ausgaben für Arzneimittel. In der zwölften Kalenderwoche zwischen dem 16. und 22. März hätten die Ausgaben bei knapp 104 Millionen Euro gelegen, eine Steigerung um 18 Prozent im Vergleich zur Vorwoche und gut 30 Millionen Euro mehr als in der gleichen Kalenderwoche 2019. Ab 16. März wurden in Deutschland flächendeckend Schulen und Kitas geschlossen.

Probleme durch Corona-Krise verschärft?

Doch das Problem begann lange vor Corona. Bereits im Januar 2020 hatte inFranken.de berichtet, dass fast 300 Medikamente in Deutschland knapp sind. Nun gab es zwar nochmals einen deutlichen Anstieg - doch das Grundproblem ist bereits älter und seit vielen Jahren bekannt.

Die Engpässe bei der Medikamentenbeschaffung hätten sich bereits in den vergangenen zehn Jahren verschärft - erst in den USA und zunehmend auch in Europa, hatte Wolf-Dieter Ludwig von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) bereits im Januar gewarnt. Das verursache psychischen Stress bei den Patienten und führe zu Fehlern in der Medikation sowie deutlich höheren Kosten für alternative Arzneien.

Ärzte fordern deshalb schon länger internationale Lösungen. Der stockende Nachschub bei lebenswichtigen Medikamenten sei kein nationales oder europäisches, sondern ein weltweites Problem, sagte Frank Ulrich Montgomery von der Europäischen Ärztevereinigung. Europa müsse die Führung bei der Suche nach Lösungen übernehmen. 

Rückblick: Auswirkungen des Medikamentenmangels

Die Diskussionen um die Medikamentenknappheit sind bereits älter. "Ich fordere von der Bundesregierung rasche Schritte für eine verstärkte Arzneimittelproduktion in Deutschland und der Europäischen Union", hatte beispielsweise Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) Anfang des Jahres gefordert. Ziel müsse es demnach sein, die Abhängigkeit von außereuropäischen Drittstaaten zu verringern.

"Es betrifft uns in unserer täglichen Arbeit", erklärte Stephan Hofmeister vom Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung (KBV) im Januar 2020. Ärzte müssten ihren Patienten erklären, warum sie die Medikation veränderten: "Das kostet Zeit, die in unserer Arbeit sehr wertvoll ist." Mehrere Teilnehmer der Runde betonten, die Engpässe untergrüben das Vertrauen der Patienten in die Behandlung.

Schon wenn sich die Farbe der Pille ändere, sei das für manche Patienten nur schwer zu akzeptieren, sagte Direktor Andrzej Rys von der Generaldirektion Gesundheit der EU-Kommission. Auch Rys verlangte: "Wir brauchen globale Lösungen für ein globales Problem."

Fixierung auf Preis sorgt für Probleme

Aus Sicht der Fachleute sind komplexe Lieferketten für einen Teil der Schwierigkeiten verantwortlich. Diogo Piedade vom Generika-Herstellerverband Medicines for Europe sprach von einer einseitigen Fixierung auf den Preis, die Folgen habe: "Die Hersteller ziehen sich von verschiedenen Märkten zurück." Das wirkt sich auf das Angebot der Apotheken aus, wenn die Generika-Hersteller 70 Prozent der verschriebenen Medikamente liefern, wie Piedade sagte. Seine Forderung: "Nicht nur der Preis sollte eine Rolle spielen."

Dem hielt die geschäftsführende Direktorin des Internationalen Dachverbands der Krankenkassen, Sibylle Reichert, entgegen, dass die Preise für Medikamente in den vergangenen Jahrzehnten stetig gestiegen seien - "vor allem für neue Therapien". Arzneimittel sollten jedoch für jeden Patienten erreichbar und bezahlbar sein. Der EMA-Experte Ludwig verwies darauf, dass von den Engpässen oft ganz grundlegende, bewährte und keinesfalls teure Krebsmedikamente betroffen seien. Ähnliches gelte für Antibiotika, sagte der Europaabgeordnete Peter Liese (CDU), der von einem "wirklich ernsten Problem" sprach.

Abhängigkeit von China und Indien

Auch wegen des Kostendrucks lassen viele Pharmahersteller ihre Pillen, Impfstoffe und anderen Arzneien in Fernost herstellen. Die EU diskutiere deshalb mit China und Indien über eine verlässliche Versorgung mit Medikamenten in hoher Qualität, sagte der Kommissionsfachmann Rys. Eine Option sei auch, die Produktion nach Europa zurückzuholen. Da stelle sich jedoch die Frage, wie man die Industrie zu diesem Schritt bewegen könne.

"Bringt die pharmazeutische Produktion zurück nach Europa", forderte auch Präsident Klaus Reinhardt von der Bundesärztekammer. Dann wären nicht nur die Lieferwege kürzer. Eine europäische Autarkie bei der Versorgung sei jedoch kein Allheilmittel, meinte der Ärztevertreter Montgomery. Fiele dann - etwa nach einem Fabrikbrand - die Produktion eines Impfstoffs aus, hätte das monatelange Folgen. Nötig seien deshalb Abkommen mit produzierenden Ländern.

Unterdessen scheint Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) an europäischen Ansätzen zu arbeiten. Spahn kündigte bereits  im November an, das Thema in der deutschen EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Hälfte 2020 anzugehen. Ziel sei, das europäische Vergaberecht zu überarbeiten. Es solle bei Zuschlägen nicht nur nach dem Preis gehen, sondern auch danach, wo Produktionsstandorte seien. Ob in Zeiten der Corona-Krise der Fokus verstärkt auf die Medikamentenproduktion gelegt wird - oder das Thema von anderen Aufgaben verdrängt wird, wird sich in den nächsten Wochen zeigen.  mit dpa