Gegenmittel gegen Coronavirus: Seit Dezember 2019 breitet sich die neuartige Lungenkrankheit Covid-19 in rasender Geschwindigkeit auf der ganzen Welt aus. Bislang wurden mehr als 54 Millionen Infizierte und mehr als eine Million Todesfälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus bestätigt (Stand: 18.11.2020). Das bislang einzige Medikament, das schwer erkrankten Patienten helfen kann, ist Dexamethason. Das zuvor in Fachkreisen präferierte Remedesivir wurde den Erwartungen nicht gerecht und hatte nur eine mäßige Wirkung. Bei diesem Mittel konnte in mehreren Studien nachgewiesen werden, dass es den Krankheitsverlauf einer Coronavirus-Infektion positiv beeinflussen kann.

Trotzdem braucht es weitere Medikamente, denn manche Menschen könnten gegen den Wirkstoff allergisch reagieren, keine Wirkung verspüren oder schlichtweg nicht vertragen. Aus diesem Grund arbeiten zahlreiche Forscher mit Hochdruck an der Identifikation von neuen Wirkstoffen. Doch dem Drang nach neuen Wirkstoffen und Medikamenten stehen die Regularien der Wissenschaft entgegen. Denn bevor neue Wirkstoffe bei einem Patienten zum Einsatz kommen dürfen, müssen sie im Vorfeld diverse Stufen klinischer Studien durchlaufen. Das ist ein sehr zeitaufwändiges Prozedere.

Corona-Gegenmittel: Uni Würzburg mit neuem Forschungsansatz

Und weil diese Zeit kostbar ist, hat sich ein Forscherteam der Universität Würzburg auf einen anderen Ansatz verständigt. „Wir haben uns in unseren Untersuchungen auf bereits zugelassene Medikamente konzentriert und erforscht, ob diese sich als wirksame Inhibitoren von SARS-CoV-2 eignen“, erklärt Jochen Bodem, der gemeinsam mit seinem Team vom Institut für Virologie und Immunbiologie für die Studie verantwortlich ist. Zusätzlich wird das Team von Professor Jürgen Seibel vom Institut für organische Chemie unterstützt. Für ihre Forschung beschäftigte sich das Team vorrangig mit den sogenannten „Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern“ (SSRI). SSRI gelten als besonders effektive Wirkstoffgruppen bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen.

Einer der SSRI ist beispielsweise „Fluoxetin“. Das wurde bereits in den 1970er-Jahren in Kliniken eingeführt und gilt als sehr gut erforscht. Für einen Test haben die Wissenschaftler im Forschungslabor nun menschliche Zellen mit dem Wirkstoff des Medikamentes in Verbindung gebracht. Dabei wurde der Wirkstoff so hoch dosiert, wie es bei der Therapie von Depressionen üblicherweise der Fall ist. Nach der Behandlung der menschlichen Zellen mit dem Antidepressivum wurden sie mit SARS-CoV-2 infiziert.

Die Auswirkungen auf dieses Experiment überprüften die Wissenschaftler nach einigen Tagen. Und die Ergebnisse sind durchaus vielversprechend: „Fluoxetin hemmt SARS-CoV-2 bereits in einer sehr geringen Konzentration“, freut sich Bodem. Doch für die positiven Effekte des Medikamentes in Bezug auf das Coronavirus scheint nicht die initiale Aufgabe von Fluoxetin zu sein – der Eingriff in den Serotin-Wiederaufnahme-Prozess.

Antidepressivum ist nur gegen SARS-CoV-2 effektiv

Ein Indiz dafür ist, dass in der Studie andere Medikamente aus der Gruppe der SSRI wie Paroxetin und Escitalopram die Vermehrung von SARS-CoV-2 nicht verlangsamen konnten. Der Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer hat also keinen Einfluss auf das Coronavirus. Dennoch hemmt Fluoxetin die Proteinexpression in dem Virus. Das zeigen etwa Analysen von einem Antiserum, das infizierte Menschen gebildet hatten. Dadurch wird das Coronavirus daran gehindert, die Bausteine zu bilden, die für seine Vermehrung benötigt werden. Aus der Studien der Wissenschaftler der Würzburger Universität wird ebenfalls ersichtlich, dass Fluoxetin sehr speziell auf Viren vom Typ SARS-CoV-2 wirkt.

Bei anderen Viren, wie etwa dem Tollwutvirus, dem Humanen Respiratorischen Synzytial-Virus, dem humanen Herpesvirus 8 oder dem Herpes-simplex-Virus Typ 1, konnten die Wissenschaftler keine Effekte beobachten. „Es spricht also alles dafür, dass Fluoxetin virusspezifisch wirkt, dennoch muss die Wirkung im Erkrankten bestätigt werden“, so der Virologe. Für eine Behandlung wäre das der Idealfall: Das Medikament ist seit mehr als 40 Jahren im klinischen Einsatz, gut erforscht, das Patent ist längst abgelaufen, es ist von verschiedenen Firmen erhältlich und relativ günstig.

Aus Sicht der Wissenschaftler spricht danach vieles dafür, Fluoxetin bei der frühen Behandlung von SARS-CoV-2-infizierten Patienten in Heilversuchen und Studien einzusetzen, zumal bekannt ist, dass Fluoxetin die Zytokin-Ausschüttung stark vermindert und somit einen zusätzlichen Nutzen für Erkrankte hätte. Denn Zytokin entsteht bei Entzündungen und sollte vom Körper schnellstmöglich wieder abgebaut werden.