Jo Cameron spürt keine Schmerzen, ihre Wunden heilen extrem schnell

Es klingt nach einer neuen Marvel-Superheldin, ist aber Realität: Die 71-jährige Rentnerin Jo Cameron aus Schottland spürt keinen Schmerz. In ihrem Leben hat sie zahlreiche Verletzungen erlitten, beispielsweise Verbrennungen oder Schnitte. Diese heilen übermenschlich schnell - und meist ohne Narbengewebe zu hinterlassen. Grund dafür ist eine genetische Mutation. Ärzte und Wissenschaftler wurden erstmals auf Jo Cameron aufmerksam, als sie im Alter von 65 Jahren eine künstliche Hüfte benötigte. Die Ärzte stellten fest, dass die Seniorin an schwerer Arthritis litt, die ihr eigentlich das Leben zur Hölle hätte machen müssen. Zwei Operationen später, die Jo Cameron schmerzfrei überstand und von denen sie sich erstaunlich schnell erholte, entschieden die Ärzte im Raigmore Hospital in Inverness, Schottland, dass dies eine nähere Untersuchung rechtfertige.

Genetische Mutation: Wertvolle Erkenntnisse für die Schmerztherapie

Der bizarr anmutende Fall wurde jetzt im British Journal of Anaesthesia veröffentlicht. Es handelt sich bei der "Frau mit den Superkräften" um weit mehr als eine Jahrmarktsattraktion: Wissenschaftler erhoffen sich von der Untersuchung ihres Falls und ihrer genetischen Disposition eine Vielzahl neuer Erkenntnisse und Behandlungsmethoden, beispielsweise im Bereich der Schmerztherapie, bei der Wiederherstellung von Patienten nach chirurgischen Eingriffen oder bei chronischen Schmerzen sowie bei der Behandlung von Angststörungen.

Jo Cameron: Keine Angst, kein Schmerz, schnelle Wundheilung

Denn Jo Cameron lebt nicht nur nahezu schmerzfrei und heilt deutlich besser und schneller als gewöhnliche Menschen, sie verspürt noch dazu keinerlei Angst. Panik ist ihr völlig fremd - was sie in einem kürzlich überstandenen Autounfall einmal mehr unter Beweis stellte. Klinische Tests zu Ängsten und Depressionen bestand sie mit Bravour (sie erzielte 0 Punkte, das bestmögliche Ergebnis). "Sie erzählte von zahlreichen Verbrennungen und Schnitten ohne Schmerz, mitunter roch sie ihr brennendes Fleisch, ehe sie irgendeine Verletzung bemerkte, und diese Wunden verheilten schnell, mit wenig oder gar keinem Narbengewebe", so die Autoren des Artikels. In Tests habe Jo Cameron außerdem extrem scharfe schottische Bonnet-Chilis gegessen, ohne Beschwerden, aber laut eigenen Angaben einem "kurzen, angenehmen Glühen" im Mund.

 

Zwei genetische Mutationen gefunden: FAAH/FAAH-Out

"Bis vor wenigen Jahren hatte ich keine Ahnung, dass irgendetwas ungewöhnlich daran war, dass ich so wenig Schmerz fühle - ich dachte einfach, das sei normal", so Jo Cameron. "Jetzt mehr darüber zu lernen, fasziniert mich genauso sehr wie irgendjemand sonst." Die Ärzte im schottischen Raigmore Hospital überwiesen die Seniorin an Genetiker am University College London und der renommierten University of Oxford. Diese stellten zwei entscheidende Mutationen bei Jo Cameron fest, die sie von gewöhnlichen Menschen unterscheiden. Die eine betrifft ein Gen namens FAAH (Fatty Acid Amide Hydrolase, auf Deutsch: Fettsäureamid-Hydrolase), das Schmerzforschern bestens bekannt ist. Das FAAH-Gen spielt eine Rolle im körpereigenen Endocannabinoid-System, das ein Teil des Nervensystems ist und die Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 umfasst.

Interessant wird es beim zweiten Gen, das die Forscher zunächst für "DNA-Müll" hielten. Es stellte sich heraus, dass dieses Gen das FAAH-Gen kontrolliert - und es in Jo Camerons Fall abschaltet. Die Forscher nannten es dementsprechend "FAAH-Out".

Ärzte hoffen auf neuartige Medikamente und schnellere Heilung

"Die Bedeutung dieser Entdeckung ist immens", so Dr. Devjit Srivastava vom Raigmore Hospital in Schottland, die Jo Cameron als erste behandelt hatte. "Was wir herausgefunden haben, deutet in Richtung eines neuartigen Schmerzmedikaments, das möglicherweise post-chirurgische Schmerzlinderung liefern und auch die Heilung beschleunigen könnte. Wir hoffen, dass das den 330 Millionen Patienten weltweit helfen kann, die sich jedes Jahr einem chirurgischen Eingriff unterziehen."

Möglicherweise gibt es noch viel mehr Menschen, die mit diesen Mutationen leben, ohne sie jemals bemerkt zu haben. "Ich wäre begeistert, wenn die Erforschung meiner Genetik anderen Menschen helfen könnte, die leiden", so Jo Cameron.

Jo Cameron auf BBC: Bei Geburt keine Schmerzen gespürt

Gestern (28. März 2019) war Jo Cameron zu Gast in der morgendlichen Fernsehshow BBC Breakfast. Dort sagte sie zum Erstaunen der Moderatoren, sie habe auch bei der Geburt ihrer Kinder keinerlei Schmerzen verspürt. Sie sei sich darüber im Klaren gewesen, dass es eigentlich sehr schmerzhaft sein sollte, und sie habe den Ärzten gesagt, sie werde sie wissen lassen, wenn der Schmerz zu groß wird. Doch das wurde er nicht. Auch bestätigte sie nochmals, dass sie nie emotionale Angst verspürt habe und in ihrem Leben noch nicht nervös gewesen sei.