Das Gewissen isst mit: An der Fleischtheke wird - zumindest gefühlt - der Kampf gegen den Klimawandel entschieden. Vegetarische und vegane Lebensmittel gelten als moralisch saubere Alternative zum Billigfleisch aus Massentierhaltung. Fair gehandelte Lebensmittel sollen die Arbeitsbedingungen von Landwirten weltweit verbessern - und auch hierzulande für eine gerechte Entlohnung von Bauern sorgen. Geiz ist also nicht mehr so geil. Zumindest rühmt man sich heute selten damit, wie billig man mal wieder eingekauft hat. Lieber verweist man darauf, dass man ja "Bio"-Produkte gekauft habe oder vielleicht sogar einmal komplett auf Fleisch verzichtet hat. Dabei bleibt es - natürlich - dabei: Letztlich entscheidet immer noch der Preis darüber, ob die Konsumenten ein Produkt kaufen oder nicht. 

Trotzdem: Auch die großen Discounter können nicht mehr allein über den Preis punkten. Bei Aldi versucht man beispielsweise seit Jahren, sich ein moderneres, nachhaltigeres Image zu verpassen. Der Supermarkt soll mehr sein, als ein einfaches Geschäft. Er wird zum Konsumtempel, in dem man sich wohlfühlen und der den Kunden das Gefühl vermittel soll, sie hätten mit ihrem Einkauf etwas Gutes für sich und die Welt getan. Dass dann die Tierrechtsorganisation Peta Aldi als "veganfreundlichsten Supermarkt" auszeichnet und Aldi Süd und Aldi Nord den "Vegan Food Award 2020" überreicht, kommt dann gerade recht. Was ist davon zu halten?

Ein sehr einseitiger Blick von Peta

Aus der Perspektive von Peta ist die Auszeichnung zumindest zu einem gewissen Maß nachvollziehbar: Der Organisation geht es - vordringlich aus ethischen Gründen - darum, dass kein oder kaum noch tierische Produkte verzehrt werden. Andere Ziele - eine ökologischere Landwirtschaft, eine gesunde Ernährung oder eine gerechte Entlohnung in der Lebensmittelbranche - spielen, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Und aus dieser Perspektive kann man sagen: Ja, Aldi hat tatsächlich sein Sortiment an veganen Produkten ausgebaut. 

Oder wie es Peta selbst ausdrückt: "Ob Fleischalternativen, veganes Eis oder tierfreie Plätzchen: Bei den Geschwistern Aldi lässt sich der vegane Wocheneinkauf für kleines Geld erledigen – und das weit über Gemüse, Pasta und andere Basics hinaus. Hier kommen neben „eingefleischten“ Veganern auch Neugierige auf ihre Kosten, die einfach mal einen veganen Burger auf den Grill werfen möchten." Die Hoffnung also: Billige Veggie-Produkte vom Discounter könnten eine vegane/vegetarische Ernährung auch jenen Menschen näher bringen, die sich einen Einkauf im Bio-Laden nicht leisten können oder wollen. 

Die PR-Abteilung von Aldi wird es freuen: Auf ihrer Facebook-Seite taucht der Verweis auf die Auszeichnung gleich mehrmals auf. Auch auf der Internetseite von Aldi wird die Auszeichnung ausgiebig erwähnt.

Keine Erwähnung findet etwas anders: Ende Mai 2020, mitten in der Corona-Krise, preschte Aldi nach vorne und forderte Senkungen für Wurst- und Fleischwaren - während gleichzeitig deutschlandweit über schlechte und unhygienische Arbeitsbedingungen in der Fleischbranche diskutiert wurde. Die Kritik an Aldi war groß. "Wer nur den Profit sieht und die Marktlage ausnutzt, jegliche Missstände offenen Auges ignoriert und Verbrauchern Fleisch und Wurst als Ramschware anpreist, der offenbart das Fehlen jeglichen Verantwortungsbewusstseins: für die Landwirte, die Lohnarbeiter und für die Tiere!" Das sagte Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbund Ende Mai gegenüber der dpa

Aldi treibt die Perversion der Lebensmittelindustrie an

Etwas mehr als zwei Wochen später hat sich die Lage verändert: Aldi hat tatsächlich, wie der Stern berichtete, seine Preissenkungen für Wurstwaren durchgesetzt. Und eben eine Auszeichnung von Peta bekommen. "Der 'Vegan Food Award' ist kein Tierwohl-Award. Bei dem Preis geht es ausschließlich um veganes Essen", rechtfertigte sich Frank Schmidt, Head of Corporate Affairs bei Peta, gegenüber dem Stern

So kann man jetzt (Stand 10.06.2020) bei Aldi Süd den "Wonder Burger" für 11,10 Euro pro Kilo kaufen - oder eben Hamburger-Patties aus Rindfleisch für 6,23 Euro pro Kilo. Der Wonder Burger besteht hauptsächlich aus Soja. Das ist und bleibt pervers: Man zahlt fast doppelt so viel für ein Produkt, dass hauptsächlich aus jenem Material besteht, dass Rinder und Schweine bei ihrer Aufzucht tonnenweise verzehren. Was genau ist daran veganfreundlich?

Wonder Burger von Aldi: Vielleicht vegan, aber auch gut?

Apropos "Wonder Burger": Das vegane Vorzeigeprodukt von Aldi, der fleischlose Burger-Patty, wurde im November 2019 von der Stiftung Öko-Test getestet - mit vernichtendem Fazit. Mit dem Gesamturteil "ungenügend" wurde vor allem der stark erhöhte Mineralölbestandteil des veganen Patty kritisiert. Zudem schmecke der Wonder Patty nicht fleischähnlich, enthalte zu viel Salz und das verwendete Soja sei häufig genmanipuliert. Von den 18 getesteten Produkten landete Aldis Wonder Burger auf dem letzten Platz. 

Wie man es auch dreht und wendet: Egal wie viel "Green-Washing" und Image-Kampagnen Aldi auch betreibt und startet, Aldi ist Teil des Problems und nicht die Lösung. Natürlich ist es besser, dass man bei Aldi vegane Produkte kaufen kann, als wenn das nicht der Fall wäre. Doch Aldi treibt wie andere Discounter und Supermärkte weiter die Preisspirale an. In Deutschland zahlen Kunden - im Verhältnis zu ihrem Einkommen - relativ wenig für Lebensmittel. Der mdr kam in einer Untersuchung auf etwa 10,7 %. In anderen Ländern Europas seien es meist deutlich mehr. 

So trägt Aldi dazu bei, dass Tiere und Umwelt leiden müssen, Landwirte schlecht bezahlt werden  und sich in vielen Lebensmitteln aus Kostengründen ungesunde oder gar gesundheitsschädliche Inhaltsstoffe befinden. Insofern kann man Aldi ja vielleicht zu der Auszeichnung als "veganfreundlichster Supermarkt" gratulieren. Aber die Auszeichnung ist und bleibt eben nicht mehr als ein schlechter Scherz.