Im Rahmen einer versorgenden Pflege werden dem Pflegebedürftigen viele Aufgaben und Tätigkeiten abgenommen. In vielen Fällen lässt sich das nicht vermeiden, manchmal kann jedoch die aktivierende Pflege eine Alternative darstellen, die dem Pflegebedürftigen ein Stück Selbstständigkeit zurückgibt und verhindert, dass seine Fähigkeiten noch weiter abnehmen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Im Rahmen der aktivierenden Pflege sollen Pflegebedürftige dabei unterstützt werden, bestimmte Aufgaben wieder selbst zu übernehmen und die vorhandenen Fähigkeiten zu erhalten. Dabei wird die pflegebedürftige Person zum eigenen Handeln ermutigt, um auf lange Sicht die Selbstständigkeit zu erhöhen. Zu Beginn geschieht dies unter Beaufsichtigung und mit der nötigen Unterstützung. In welchem Umfang Aufgaben wieder selbstständig erledigt werden können, hängt dabei immer individuell von der speziellen Situation und den Ressourcen des Betroffenen ab.

Das Hauptanwendungsfeld der aktivierenden Pflege ist die geriatrische Pflege, also die Altenpflege. Dabei werden überwiegend Patienten betreut, die von alterstypischen Mehrfacherkrankungen betroffen sind. Besondere Risiken, wie zum Beispiel eine erhöhte Sturzgefahr, müssen immer bei der Entwicklung eines individuellen Konzeptes beachtet werden. Um den Ansatz ganzheitlich zu betrachten, sollten sowohl der Pflegebedürftige und die Pflegekräfte, aber auch die Angehörigen miteinbezogen werden.

Solange den Fähigkeiten und Bedürfnissen des Pflegebedürftigen die nötige Aufmerksamkeit geschenkt und er nicht überfordert wird, kann durch das Anleiten zur Selbstständigkeit die Lebensqualität deutlich gesteigert werden. In vielen Fällen bleibt für den Pflegebedürftigen im Rahmen herkömmlicher Pflegeformen nicht mehr viel übrig von dem Alltag, den er einst kannte. Durch das Zurückerlangen von Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit können wieder Tätigkeiten in der eigenen Pflege übernommen werden, was sich in der Regel auch positiv auf die psychische Gesundheit auswirkt. Grundsätzlich kann die aktivierende Pflege in jeder Pflegeform, das heißt sowohl ambulant als auch im Pflegeheim, Anwendung finden.

Erhöhter Zeitaufwand

Besonders zu Beginn ist die aktivierende Pflege in der Regel deutlich zeitaufwendiger und mühsamer als die reine Versorgungspflege. Das gilt sowohl für die Pflegekraft als auch für den Pflegebedürftigen. Hat das Konzept jedoch Erfolg, so sinkt der Mehraufwand mit der Zeit wieder, da die Pflegebedürftigkeit in einigen Bereichen abnimmt. Natürlich ist es jedoch unter den ohnehin schon teils schwierigen Bedingungen und Zeitdruck in der Pflegebranche oft schwierig, sich genug Zeit zu nehmen, um den einzelnen Betroffenen zur Selbstständigkeit anzuleiten. An diesem Punkt besteht nicht zuletzt in der Politik ein großer Handlungsbedarf. Haben Angehörige die Möglichkeit, einen Betroffenen im Rahmen einer häuslichen Betreuung zu unterstützen, so lässt sich die aktivierende Pflege oft leichter anwenden.

Mögliche Tätigkeiten

Die Anleitung zur Selbstständigkeit kann zum Beispiel beim Essen beginnen. Es sollte genug Zeit eingeplant werden, damit der Pflegebedürftige soweit wie möglich selbstständig essen kann. Dabei tritt die Etikette zurück und die Eigenständigkeit in den Vordergrund. Gibt es sehr starke Einschränkungen, dann kann die Pflegekraft die Hand des Betroffenen führen. Auch beim An- und Ausziehen kann man mehr Selbstständigkeit schaffen. Dies gelingt, wenn der Pflegebedürftige im ersten Schritt seine Kleidung selbst auswählt. Beim Umkleiden wird er dann nur soweit unterstützt, wie es nötig oder gewünscht ist. Auch beim Thema Körperpflege und Toilettengang kann die aktivierende Pflege zur Anwendung kommen. Dies ist jedoch ein sehr sensibles Thema und muss mit großer Vorsicht und unter Beibehaltung der größtmöglichen Intimsphäre einhergehen. Oft ist es darüber hinaus hilfreich, wenn der Pflegebedürftige gewisse Freizeitangebote wahrnehmen kann, die Körper und Geist wachhalten.

Natürlich lässt sich nicht allgemeingültig vorschreiben, wie die aktivierende Pflege im Alltag umgesetzt werden soll, da dies sehr stark vom gesundheitlichen Zustand des Betroffenen sowie von den pflegerischen Rahmenbedingungen abhängt. Daher muss jeder Fall im Einzelnen betrachtet werden. Grundsätzlich ist es jedoch gerade für die häusliche Pflege unabdingbar, dass sich die pflegenden Personen professionellen Rat suchen und sich die nötigen Fähigkeiten und Kenntnisse aneignen, um dem Betroffenen wieder zu mehr Selbstständigkeit und Lebensqualität zu verhelfen.

Anna Traut