Die Unsicherheit in Deutschland wächst. Hat die Republik die Pandemie bereits überwunden? Sind die Corona-Maßnahmen überhaupt noch gerechtfertigt? Wie soll es weitergehen, falls eine zweite Welle auftritt? Fragen über Fragen - Antworten sind rar, aber in einem Punkt sind sich Mediziner und Politiker einig: Eine zweite Corona-Welle wird kommen, falls auf Schutzmasken und Abstandsregeln keinen Wert mehr gelegt wird. Jüngst nahm der Ärzteverband "Marburger Bund" die aktuelle Lage zum Anlass, davon zu sprechen, dass die zweite Corona-Welle bereits da sei. Gegenüber der Augsburger Allgemeinen sagte Susanne Johna, Vorsitzende des Ärzteverbandes: "Wir befinden uns ja schon in einer zweiten, flachen Anstiegswelle."

Deutschlands wohl bekanntester Virologe Christian Drosten von der Charité in Berlin sieht die zweite Welle noch nicht angekommen. Allerdings empfiehlt der 48-Jährige einen Strategiewechsel. Grund seiner Empfehlung sei, dass sich das Ausbruchsverhalten verändert habe, erklärt er in einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung Zeit. "Waren bisher die meisten Infektionsketten nachvollziehbar, können neue Fälle bald überall gleichzeitig auftreten, in allen Landkreisen, in allen Altersgruppen", so der Virologe. Als Vorbild einer neuen Strategie nennt Drosten Japan. Dort sei es gelungen, die erste Corona-Welle ohne einen Lockdown zu überstehen, erklärt er. Statt auf Ausgangsbeschränkungen zu setzen, die unter anderem der Wirtschaft schadeten, setzten die Japaner auf eine sogenannte "Cluster"-Strategie.

Japans Corona-Strategie: Was sind "Cluster"?

Infektionswissenschaftler bezeichnen Situationen, die typisch für die Verbreitung von Viren, wie "Sars-CoV-2", sind als "Cluster". Privatfeiern, Veranstaltungen in Diskotheken oder Gottesdienste sind oft genannte Beispiele. Auch der Corona-Ausbruch auf einem "Tönnies"-Schlachthof zählt dazu. "Offizielle Listen von typischen sozialen Situationen" seien deshalb erstellt worden, "in denen Übertragungscluster entstehen", so Drosten. Im Anschluss war es Aufgabe der japanischen Gesundheitsämter in der Kontakthistorie eines Falls gezielt nach "Cluster"-Situationen zu suchen. Japans Strategie sah vor, relativ schnell Menschenversammlungen und enge Kontakte in geschlossenen Räumen zu vermeiden. Auch dabei spielte die Analyse, was typische soziale Orte waren, eine Rolle. 

Teil des Strategiewechsels sei es, lediglich auf positive Corona-Tests zu reagieren, die auf einem "Cluster"-Umfeld stammen. So könne verhindert werden, dass Behörden Fälle recherchieren, von denen keinerlei weiteres Infektionsrisiko ausgehe, erklärt er: "Schließlich kann man das Virus ja nicht wegtesten, man muss auf positive Tests auch reagieren."

Vor allem die Verbreitungsart habe sich am Ausbruchsgeschehen verändert, sagt der Charité-Virologe: "Nehmen wir einen R-Wert von zwei als Beispiel, dann infiziert jeder Patient zwei weitere. Allerdings nur im Mittel. In unserem Beispiel stecken neun von zehn Patienten jeweils nur einen anderen an, aber einer der zehn infiziert gleich elf weitere. In der Summe haben dann zehn Patienten zwanzig Folgefälle verursacht."

Durch diesen einen Patienten, der eine Mehrfachübertragung verursacht, entstehe ein sogenanntes Cluster, aus dem wiederum mehrere neue Infektionsketten entstehen könnten. Bei Einzelübertragungen könnte die Ketten hingegen abreißen. Sie seien also nicht ausschlaggebend für exponentielles Wachstum der Infektionszahlen, so der Virologe. 

Kontakt-Tagebuch soll bei Identifikation von Clustern helfen

In Zukunft müsse die Quarantäne-Regelung überdacht werden. Stattdessen empfiehlt Drosten, dass jeder Bürger in Deutschland ab dem Winter ein "Kontakt-Tagebuch" führen solle. "Das Gesundheitsamt muss zurückblicken: War der Patient in einem Großraumbüro tätig, feierte er mit Verwandten, während er wirklich infektiös war, also etwa seit Tag zwei vor Symptombeginn? Noch wichtiger: Wo könnte sich der Patient eine Woche vor dem Auftreten der Symptome infiziert haben – könnte das in einem Cluster geschehen sein?"

"Durch die Fokussierung auf die Infektionsquelle wird der neu diagnostizierte Patient nämlich zum Anzeiger eines unerkannten Quellclusters, das in der Zwischenzeit gewachsen ist", so Drosten. Die Cluster-Mitglieder müssten sofort in Quarantäne und innerhalb von fünf Tagen getestet werden.

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