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Corona-Impfung

Erlanger Impfexperte erklärt: Warum der AstraZeneca-Impfstoff besser ist als sein Ruf

Der Corona-Impfstoff von AstraZeneca hat ein schlechtes Image: Studiendaten zufolge ist er weniger wirksam als die Vakzine von Biontech oder Moderna - viele wollen sich deshalb nicht mit dem "schlechteren" Wirkstoff impfen lassen. Doch die Kritik ist nicht berechtigt - Experten klären auf.
Aufgrund seiner geringeren Wirksamkeit stehen dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca viele Menschen kritisch gegenüber. Aber ist die Sorge tatsächlich berechtigt? Symbolbild: Expa/Jfk/APA/dpa

 Coronavirus: "AstraZeneca"-Impfstoff umstritten. Ist das Vakzin wirklich schlechter? Impfstoff gegen das Coronavirus ist in Deutschland noch immer Mangelware. Jedes weitere Vakzin, das zugelassen wird, sollte daher eigentlich willkommen sein - der Impfstoff des schwedisch-britischen Herstellers AstraZeneca wird jedoch immer unbeliebter. Woran liegt das und sind die Sorgen der Bürger berechtigt?

Bereits vor seiner Zulassung in der Europäischen Union war bekannt, dass der Vektorimpfstoff eine geringere Wirksamkeit erreicht als die mRNA-Vakzine von Biontech/Pfizer oder Moderna. Im Zusammenhang mit der niedrigeren Wirksamkeit gibt es nun jedoch Berichte über eine geringere Bereitschaft zur Impfung mit dem Vakzin.

Corona-Impfung von AstraZeneca weniger wirksam: Impfbereitschaft sinkt

So kritisierte die saarländische Gesundheitsministerin Monika Bachmann, dass am Wochenende bei einer "Sonderimpfung im medizinischen" Bereich 54 Prozent von 200 zur Impfung angemeldeten Personen nicht erschienen seien, ohne den Termin abzusagen. Auch das Ministerium in Nordrhein-Westfalen berichtet von abgesagten Terminen aufgrund der öffentlichen Skepsis gegenüber des Impfstoffes.

Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, sprach sich indes in der Rheinischen Post gegen eine AstraZeneca-Impfung bei medizinischem Personal aus wegen der geringeren Wirksamkeit - die Probleme ließen sich nicht "wegdiskutieren".

Montogmery sieht das Problem hauptsächlich darin, dass medizinisches Personal und Pflegekräfte durch ihren Beruf einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Daher halte er es für geboten, Menschen aus dieser Berufsgruppe mit "besser wirksamen Vakzinen" zu impfen. Geht man nach den Daten bisheriger Studien, ist die Wirksamkeit des AstraZeneca-Impfstoffes tatsächlich geringer: Während Biontech und Moderna auf eine Effektivität von 95 Prozent kommen, erreichte das Vakzin vor seiner Zulassung "nur" rund 60 Prozent. 

Das bedeutet die Wirksamkeit von Impfstoffen wirklich

Nach aktuelleren Daten der Universität Oxford und der britischen Medicine and Healthcare Products Regulatory Agency (MHRA) geht man zwar inzwischen von einer Wirksamkeit von rund 70 Prozent aus - weitere Daten weise sogar darauf hin, dass der Impfschutz auf 80 Prozent steige, wenn zwölf oder mehr Wochen zwischen den beiden Impfdosen liegen, erklärte Impfexperte und Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO) Christian Bogdan vom Uniklinikum Erlangen der Deutschen Presse-Agentur. Dennoch lässt sich nicht bestreiten, dass die Wirksamkeit geringer ist als die, der beiden mRNA-Wirkstoffe. Doch was bedeutet Wirksamkeit in diesem Zusammenhang eigentlich?

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"Der technische Begriff Wirksamkeit ist irreführend, weil er mit der Alltagsbedeutung verwechselt wird", erklärt der Risikoforscher Gerd Gigerenzer vom Harding-Zentrum für Risikokompetenz im Gespräch mit Zeit OnlineWenn es um Impfstoffe geht, wird die Wirksamkeit nämlich durch einen Vergleich von Geimpften und Nicht-Geimpften bestimmt.

Am Beispiel des AstraZeneca-Wirkstoffes bedeutet eine Wirksamkeit von 70 Prozent also nicht, dass 30 Prozent der Geimpften trotzdem erkranken, sondern dass es unter den Geimpften 70 Prozent weniger Krankheitsfälle gibt. Nach den Studiendaten, auf die sich auch die Empfehlung der STIKO stützt, erkrankten pro 1.000 Studienteilnehmer rund 18 der nicht geimpften Erwachsenen. Von den geimpften Probanden wurden dagegen nur fünf krank, also 13 Menschen beziehungsweise 70 Prozent weniger. Beim Begriff der Wirksamkeit geht es also eher darum, wie sehr das Risiko zu Erkranken reduziert wird.

AstraZeneca-Vakzin schützt ebenfalls sehr gut vor schwerem und tödlichem Verlauf

Außerdem ist zu beachten, dass in den Studien symptomatische Infektionen untersucht werden, sprich: ob die Probanden Symptome wie Husten, Fieber oder Geschmacksverlust entwickeln. Vor einem schweren oder tödlichen Verlauf scheinen dagegen alle bisher zugelassenen Impfstoffe und mögliche Kandidaten sehr gut zu schützen, die in größeren Studien getestet wurden. Von den vollständig geimpften Teilnehmern der Studien von Biontech/Pfizer, Moderna, AstraZeneca, Johnson & Johnson, Novavax sowie dem russischen Impfstoff Sputnik V und dem chinesischen Vakzin Sinovac aus China musste nicht einer wegen einer Corona-Infektion ins Krankenhaus oder verstarb in Folge.

Wie die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim ("maiLab") in einem YouTube-Video betont, muss die Risikoreduktion aber auch in Bezug auf die Verteilung des AstraZeneca-Impfstoffes betrachtet werden: Das Vakzin wird bisher nur an Menschen unter 65 Jahren verimpft, auf diese Weise können auch Menschen, die laut Impfpriorisierung erst in Stufe 2 oder 3 an der Reihe wären, früher geimpft werden. Für diese Menschen ist das Risiko, an Corona zu erkranken, bereits von vornherein niedriger und die geringere Wirksamkeit des AstraZeneca-Wirkstoffes hätte damit weniger Auswirkungen auf sie.

Der Vorsitzende des Virchowbundes der niedergelassenen Ärzte, Dirk Heinrich, betonte zudem, dass jeder unter 65-Jährige, der nicht mit dem AstraZeneca-Impfstoff geimpft werde, einem Über-80-Jährigen aktuell das Vakzin von Biontech oder Moderna wegnehme. "Weil diese dadurch ein höheres Sterberisiko haben, wird damit billigend in Kauf genommen, dass Über-80-Jährige nach Infektionen durch das Coronavirus vermehrt sterben", sagte er.

Ärzteverband: Wer AstraZeneca schlechtredet, hat Mitschuld an Corona-Toten

Auch Menschen, die das Vakzin offen schlecht reden, verurteilte Heinrich aufs Schärfste: "Wer aus Gründen des Populismus und der Selbstdarstellung den Impfstoff von AstraZeneca schlechtredet, indem er die Wirksamkeit anzweifelt (...), macht sich mitschuldig daran, wenn der Lockdown länger dauert als nötig und gerade die älteren Menschen weiter an COVID-19 sterben."

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Die Frage nach dem am besten für sich selbst geeigneten Impfstoff muss man sich Fachleuten zufolge eigentlich erst gar nicht stellen. "Für die Impfentscheidung ist es derzeit nicht relevant, welchen Impfstoff man bekommt", so der fränkische STIKO-Experte Bogdan. "Jeder, der ein Impfangebot wahrnimmt, erhält nicht nur einen zugelassenen Impfstoff, sondern auch ein von der Stiko je nach Altersgruppe empfohlenes Präparat." Alle drei derzeit in Deutschland verfügbaren Impfstoffe erfüllten die Kriterien der Wirksamkeit und Sicherheit.

Zudem könne der Vergleich der Wirksamkeit zwischen den Impfstoffen trügen: "Die Impfstoffe wurden nicht gegeneinander verglichen", erklärte Bogdan. "Wir müssen sehen, dass sie in unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Populationen getestet wurden." Die bisherigen Studien erlaubten demnach keine Aussagen darüber, ob es wirklich relevante klinische Wirksamkeitsunterschiede zwischen den Präparaten gibt.

Drosten: Vieles in Diskussion um Impfstoff "falsch verstanden"

Der Virologe Christian Drosten hält ebenfalls grundsätzliche Bedenken gegen den AstraZeneca-Impfstoff für unbegründet und ist für einen breiten Einsatz des Präparats. Er sehe keine Veranlassung, das Vakzin in Deutschland nicht zu spritzen, sagte der Charité-Virologe im Podcast "Coronavirus-Update" vom Dienstag bei NDR-Info. Wenn er sich die öffentliche Diskussion um diesen Impfstoff anschaue, habe er den Eindruck, dass vieles falsch verstanden worden sei.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) unterstrich, dass der Impfstoff von AstraZeneca sicher sei. Er selbst würde sich impfen lassen, sagte er dem TV-Sender RTL. "Ausdrücklich auch mit AstraZeneca. Das ist ein sicherer und wirksamer Impfstoff", unterstrich er.

Spahn appellierte zudem an Pflegekräfte und Ärzte, Impfangebote zu nutzen. Er warnte davor, Skepsis zu nähren. Man müsse jetzt ein bisschen aufpassen, dass man sich auch als Gesellschaft nicht "in etwas hineinrede" und eine Impfung mit einem zugelassenen und wirksamen Stoff infrage stelle. "Wer damit wartet, riskiert schwer zu erkranken, und er riskiert auch, das Virus weiter zu verbreiten."

Inzwischen seien fast 740.000 AstraZeneca-Dosen an die Länder geliefert worden, davon seien bisher knapp 90 000 verimpft. Dies laufe je nach Bundesland unterschiedlich, weil nicht alle am ersten Tag mit Impfungen begonnen hätten - etwa wegen nötiger organisatorischer Vorbereitungen.

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