Schon länger ist bekannt, dass Diabetes-Erkrankte ein erhöhtes Risiko für einen schweren Corona-Verlauf haben. Jetzt deuten einige Studien jedoch auch darauf hin, dass es einen weiteren Zusammenhang zwischen den Erkrankungen gibt: Offenbar kann eine Covid-19-Erkrankung auch Auslöser der Zuckerkrankheit sein.

In Singapur war vor einiger Zeit dieser Fall aufgetreten. Ein Patient ohne chronische Erkrankungen war mit dem Coronavirus eingeliefert worden. Die Mediziner aus Singapur berichteten, dass sich während der Covid-19-Infektion Diabetes entwickelt habe. Zuvor hatte es keine Anzeichen auf Diabetes gegeben. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass im Schnitt um die 15 Prozent der hospitalisierten Covid-19-Patienten einen neu diagnostizierten Diabetes erleiden. 

Bei einer Corona-Infektion kann sich Diabetes entwickeln 

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Stanford University School of Medicine (USA), an der auch Forschende der Universität Basel und des Universitätsspital Basel beteiligt waren, konnte jetzt zeigen, dass das Coronavirus tatsächlich die Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse infizieren kann. 

Davon berichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Cell Metabolism. Wie in der Studie erklärt wird, produzieren Beta-Zellen das Hormon Insulin, das Gewebezellen dazu anregt, Zucker aus dem Blut aufzunehmen - und dadurch den Blutzucker zu senken. 

Anders als im Lungengewebe, wo SARS-CoV-2 vor allem ein Protein namens ACE2 als Eintrittspforte in die Zellen benutzt, besitzen die Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse nur geringe Mengen ACE2. Daher war bisher unklar, ob und wie das Coronavirus in diese Zellen eindringt. Um diese Frage zu beantworten, analysierten die Forscher Gewebeproben sieben verstorbener Covid-19 Patienten aus Basel. 

Das Coronavirus kann Zellen in der Bauchspeicheldrüse infizieren 

Die Analyse zeigte, dass sich in den Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse der Verstorbenen SARS-CoV-2 nachweisen ließ. Zudem enthielten diese Zellen große Mengen eines Proteins, welches das Virus alternativ zu ACE2 als Eintrittspforte nutzen kann: Nuropilin 1. 

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Des Weiteren zeigten Laborversuche mit kultivierten Beta-Zellen, dass infizierte Zellen weniger Insulin produzierten und Zeichen des Absterbens aufwiesen. Wenn die Wissenschaftler zudem Neuropilin 1 mit einem Hemmstoff blockierten, gelang es dem Virus viel schlechter, in die Zellen einzudringen. 

Dass sich die Infektion der Beta-Zellen zumindest im Laborversuch so reduzieren ließ, zeigt, dass man diese Zellen womöglich auch bei Patientinnen und Patienten mit schwerem Covid-19-Verlauf schützen könnte. 

Wie häufig ein bleibender Diabetes entstehen kann, ist derzeit noch unklar 

"Ob sich der Zuckerstoffwechsel nach einer überstandenen Infektion bei allen Covid-19-Patienten wieder normalisiert und wie häufig ein bleibender Diabetes entstehen kann, lässt sich nach derzeitiger Studienlage nicht mit Sicherheit sagen", erläutert Pathologe Matthias Matter von der Universität Basel. 

Den Angaben zufolge gebe es Hinweise, dass bei Betroffenen mit Long-COVID, also anhaltenden Beschwerden nach der Infektion, auch mehrere Wochen bis Monate danach noch ein Diabetes feststellbar sei.  

Daher sei es sinnvoll, eine Möglichkeit zu entwickeln, bleibende Schäden der Bauchspeicheldrüse zu verhindern. 

Veränderte Werte bei Covid-19 Patienten auffällig hoch

Ein Team von Endokrinologen warnte zudem im Fachblatt "New England Journal of Medicine"(NEJM), dass die Folgen des Coronavirus noch dramatischer ausfallen können. Bei Menschen mit Diabetes kann es zu schweren Stoffwechselentgleisungen kommen bis hin zur tödlichen Ketoazidose. Bei einer Stoffwechselentgleisung ist der Organismus nicht mehr in der Lage, eine Stoffwechselstörung auszugleichen. Dadurch reichern sich bestimmte schädliche Stoffwechselprodukte im Körper an. Besonders schwerwiegend ist eine Ketoazidose, sie kann bei schwerem Insulinmangel lebensgefährlich sein und muss intensivmedizinisch behandelt werden.

Schwere Virusinfektionen bringen für gewöhnlich Stoffwechselentgleisungen mit sich. Das kommt durch den vom Virus ausgelösten Stress, der dazu führt, dass mehr des Stresshormons Cortisol ausgestoßen wird. Das lässt den Blutzuckerspiegel steigen. Im aktuellen Fall der Corona-Pandemie gibt es eine auffällige Häufung dieser Fälle. Forscher der Universität in Wuhan berichteten dies in dem Fachjournal "Cardiovascular Diabetology. "Die Wissenschaftler schreiben, dass bestimmte Werte, die ein Hinweis auf eine Insulinresistenz sind, bei zahlreichen Covid-19-Patienten auffällig erhöht sind. Das lässt das Sterberisiko ansteigen. 

Bereits nach der SARS-Pandemie 2002/2003 stellten chinesische Forscher eine Vermutung auf, warum es im Zuge einer Coronavirus-Erkrankung bei einigen Patienten zu Veränderungen des Zuckerstoffwechsels kam. Die Infektion mit dem Coronavirus schädigt bestimmte Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die das blutzuckersenkende Hormon Insulin produzieren und ins Blut ausschütten. Dies könnte erklären, warum bei Covid-19 ebenfalls eine Veränderung eintritt. 

Bleibt die Zuckererkrankung nach der Genesung?

Ob die Veränderung des Stoffwechsels bestehen bleibt oder wieder geht, ist bisher unklar. Ein Forscherteam möchte sich dessen aber annehmen. So soll nun herausgefunden werden, ob es sich bei den Stoffwechselveränderungen durch das Virus SARS-CoV-2 um Typ-1- oder Typ-2-Diabetes handelt. Es könnte aber auch eine neue Art der Erkrankung sein.