Im Bauch vergessene Tupfer, wund gelegene Stellen, der Patient vor einer Operation verwechselt: Immer wieder kommt es laut den Prüfern der Krankenkassen zu teils folgenschweren Behandlungsfehlern beim Arzt oder im Krankenhaus. "Wir sehen immer wieder die gleichen Fehler, auch solche, die nie passieren dürften", sagte der stellvertretende Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes der Kassen, Stefan Gronemeyer, am Dienstag in Berlin. Er präsentierte dort die Behandlungsfehlerstatistik 2017. Ergebnis: In mehr als 3300 Fällen wiesen die Prüfer im vergangenen Jahr Fehler nach, die einen Schaden für den Patienten bedeuteten. Die Gutachter wiederholten ihre Forderung nach einer Fehler-Meldepflicht, weil diese nach ihrer Einschätzung vorbeugen würde.


Behandlungsfehler: Vier Prozent der Fehler führten zum Tod
 

Die Sachverständigen der Krankenkassen erstellen Gutachten, wenn Versicherte den Verdacht auf Behandlungsfehler äußern. 2017 gingen sie 13519 Verdachtsfällen nach. Die Zahl ging damit erstmals seit vier Jahren zurück. 2016 wurden noch mehr als 15000 Gutachten erstellt. In 3778 Fällen bestätigten die Prüfer im vergangenen Jahr einen Fehler - in 3337 Fällen davon mit Konsequenzen für die Patienten. In fast zwei Dritteln dieser Fälle (61 Prozent) erlitten sie einen vorübergehenden Schaden, in 34 Prozent einen dauerhaften. In vier Prozent der Fälle führte der Fehler zum Tod des Patienten, in einem Prozent der Fälle wurden lebensrettende Maßnahmen notwendig.


Besonders viele Fehler in der Pflege
 

Am häufigsten richteten sich Vorwürfe gegen orthopädische oder unfallchirurgische Maßnahmen (31 Prozent). Bestätigt wurden Fehler dagegen am häufigsten in der Pflege. In fast der Hälfte der Fälle (49,8 Prozent) wiesen die Sachverständigen dort Fehler nach. Der Dekubitus - ein Druckgeschwür, das durch das sogenannte Wundliegen entsteht - führt die Liste der vermeidbaren Fehler an.
Rückschlüsse auf besondere Fehleranfälligkeit bei der Pflege im Krankenhaus oder in Heimen will der Medizinische Dienst daraus aber nicht ziehen. Fehler in der Pflege seien besonders leicht ersichtlich und könnten entsprechend leicht erkannt werden, erklärte die Expertin Astrid Zobel. Man könne aus den Daten nicht ableiten, dass die Pflege besonders schlecht wäre.


100.000 Behandlungsfehler: Inoffizielle Zahlen weitaus höher
 

Die Statistik des Medizinischen Dienstes sei nicht repräsentativ, betonen dessen Mitarbeiter. Weil er nur den geäußerten Verdachtsfällen nachgeht, könne keine Aussage über die Gesamtzahl der Behandlungsfehler in Deutschland gemacht werden, erklärte Gronemeyer. Schätzungen gingen von mehr als 100.000 Fällen pro Jahr aus. Für mehr Transparenz drang der leitende Arzt auf eine Meldepflicht. Im Bereich der Arbeitsunfälle habe sie zu einem Rückgang geführt, sagte er.


"Never Event": Fehler, die nie passieren dürfen
 

Besonders wichtig sei eine Meldepflicht bei den sogenannten Never Events, sagte Gronemeyer. Das sind Fehler, die nie passieren dürften, weil sie besonders schwerwiegend und dazu nahezu vollständig vermeidbar sind wie etwa Verwechslungen oder der Dekubitus. Fehler seien hier nicht Schuld des einzelnen Arztes, sondern systemisches Versagen, das analysiert und abgestellt werden müsste, erklärte er.

Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte insbesondere mit Blick auf die Pflege ein Melderegister, das darüber hinaus aber nicht nur ärztliches Versagen erfassen soll. "Für den Betroffenen ist egal, ob dies durch den Arzt oder eine Pflegekraft geschieht", sagte Vorstand Eugen Brysch. "Schließlich leidet er darunter." Behandlungsfehler und Pflegefehler müssten in einem Zentralregister gemeinsam erfasst werden.