Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD), unterstrich es während der Pressekonferenz im September 2015 mehrfach: "Sie werden kaum ein anderes Land weltweit finden, in dem sich die mittlere Generation ähnlich zufrieden über die Lebensqualität äußert wie in Deutschland derzeit".
Anlass der Veranstaltung war die Auswertung der dritten Umfrage des Instituts zur "Generation Mitte". Vor dem Hintergrund der Regierungskampagne "Gut Leben in Deutschland" sollte das IfD mit einer repräsentativen Befragung herausfinden, welche Anforderungen die 30- bis 59-Jährigen an eine gute Lebensqualität stellen und wie sie ihre individuellen Lebensbedingungen einschätzen. Interviewt wurden dazu im Juni bundesweit 1020 Personen der betreffenden Altersgruppen. 91 Prozent der Befragten bezeichnete die Lebensqualität in Deutschland als gut oder sogar sehr gut. Das sei laut Köcher praktisch eine Umkehr jener skeptischen Grundhaltung, die vor zehn Jahren zu vergleichbaren Themen deutlich wurde. Positiv beurteilten die Befragten insbesondere das Sozialsystem, die wirtschaftliche Lage und die politische Stabilität.


Defizite beim Bildungssystem

Aber bereits bei der Einschätzung der individuellen Lebensqualität traten deutliche Unterschiede zwischen den sozialen Schichten zutage: Aus der Gruppe mit "niedrigem sozioökonomischen Status" bejahte nicht einmal die Hälfte die Frage nach einer guten oder sehr guten persönlichen Lebenssituation. Bei Personen mit mittlerem und hohem Status lagen diese Werte deutlich darüber. Defizite sahen eine große Mehrheit der Befragten vor allem beim Bildungssystem, bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bei der Chancengerechtigkeit und beim sozialen Frieden im Land. Befragt nach geeigneten staatlichen Maßnahmen zur Wohlstands-Steigerung steht die Forderung nach einer Senkung der Steuer- und Abgabenlast weiter an oberster Stelle - aber ohne signifikante prozentuale Veränderung hinsichtlich früherer Umfragen. Zwar rangiere laut Köcher der Ruf nach einer stärkeren Bekämpfung der Kriminalität noch weit dahinter, habe aber im Vergleich zu älteren Untersuchungen rasant zugenommen.
Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, wies als Auftraggeber der Umfrage vor allem auf die widersprüchlichen Aussagen zum Thema Altersvorsorge hin. Einerseits ist "der Lebensstandard im Alter" den Befragten besonders wichtig. Gemeinsam mit der "Qualität des Bildungssystems" setzten sie diesen mit je 71 Prozent auf Platz Eins im Ranking jener Faktoren, woran man Wohlstand jenseits des Bruttosozialprodukts messen sollte.


Ohne Plan

Andererseits gaben gleichzeitig über 70 Prozent der interviewten 30- bis 59-Jährigen an, ihre finanzielle Zukunft gar nicht zu planen oder bestenfalls grobe Vorstellungen davon zu haben. Laut IfD-Geschäftsführerin Köcher bestätige das einen immer stärkeren Trend: Speziell Jüngere sind immer weniger bereit, sich mit gesamtgesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen. Das schließe wirtschaftliche und finanzielle Fragen ein. Hinzu käme als Folge der Niedrigzinsphase "die Erfahrung der Deutschen, dass Sparen plötzlich nicht mehr attraktiv ist - bei bleibender Abneigung gegen Risiken bei der Geldanlage". Erdland sieht die Ursachen auch bei den politischen Entscheidungsträgern: "Anders als bei den Vorgängerregierungen steht die Notwendigkeit zur privaten Altersvorsorge nicht mehr im Fokus der Regierungspolitik." Angesichts der demografischen Entwicklungen sei aber die private Vorsorge für einen entsprechenden Lebensstandard im Alter unverzichtbar.
Erdland sieht die Versicherungswirtschaft selbst auch in der Pflicht, für eine Trendwende beizutragen. So müssten Angebote der Unternehmen etwa für die staatlich geförderte Riester-Rente einfacher, finanziell attraktiver und transparenter werden. Gleichzeitig forderte er die Bundesregierung auf, das Antragsverfahren zu flexibilisieren und vor allem das Fördervolumen, das seit Einführung der Riester-Rente 2002 eingefroren ist, der Einkommensentwicklung anzupassen. Der Staat habe von der Niedrigzinsphase den größten Nutzen. Einen Teil davon könne man durch bessere Förderbedingungen an die Sparer zurückgeben.
Andreas Brate/be.p