• Der Begründer: A.S. Neill
  • Geschichte der Summerhill School
  • Die pädagogischen Ansätze und deren Umsetzung
  • Inspiration Neills und die Auswirkungen seiner Pädagogik

Ein demokratisches Schulsystem klingt sicherlich im ersten Moment befremdlich; denkt man jedoch eine Weile darüber nach, erscheint es doch attraktiv, den Schulalltag etwas befreiter für die Kinder zu gestalten. Genau diese Idee verfolgte der Pädagoge A.S. Neill mit seiner Summerhill-School.

A.S. Neills Leben: Der Ursprung reformativer Ideen

Wirft man einen Blick auf die Kindheit und den weiteren Lebenslauf Neills, wird deutlich, wie seine Ideen entstanden sind. Er wurde am 17. Oktober 1883 in Schottland als einer von acht Kindern geboren. Mit einem Alter von gerade einmal viereinhalb Jahren wurde er eingeschult. Seine Klasse wurde von seinem Vater unterrichtet. Damals waren autoritäre Erziehungsmaßnahmen wie Schläge und Strafen auch in der Schule alltäglich; besonders Neill hatte stark darunter zu leiden.

Mit vierzehn stieg er in das Berufsleben ein. Zunächst versuchte er sein Glück als Buchhalter zu finden, dann als Einzelhändler; letztlich fand er es in der Tätigkeit des Lehrers. Er bekam nach einer umfassenden Ausbildung sein Lehrerdiplom und unterrichtete an vielen verschiedenen Schulen. Obwohl ihm die Tätigkeit selbst Freude bereitete, wuchs in ihm eine Abneigung gegen jene Lehr- und Erziehungsmethoden, die in der Zeit üblich waren. Sein persönlicher geistiger Wendepunkt fand statt, als er während der Kriegszeit in einer Schule als Rektor eingesetzt wurde. Die Schulaufsichtsbehörde führte kaum Kontrollen durch, sodass er seine Ideen, einen ungezwungeneren und Freude bereitenden Unterricht zu führen, umsetzen und weiterentwickeln konnte.

An der King Alfred School, an der er sich nach der Kriegszeit bewarb, setzte er seine Visionen weiterhin um. Proteste innerhalb des Kollegiums führten dazu, dass er die Schule verlassen musste. Es hinderte ihn aber nicht, sein Konzept weiterzuentwickeln und weiterhin überzeugt an seine Ideen heranzugehen.

Die Entstehung der Summerhill-School

1921 wurde ein Internat gegründet, das ein ganz neuartiges und revolutionäres Konzept verfolgte. Der Gründer und Pädagoge Alexander Sutherland Neill nannte es die "Summerhill School", unter welchem Namen es weltweit bekannt wurde. In der Schule wurde ein demokratisches Grundkonzept verfolgt, was vor allem für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich war; sie war somit eine der ersten Schulen, die eine Demokratie umsetzte.

Die Idee hat ihren Ursprung in der "Neuen deutschen Schule", welche bei Dresden angesiedelt war. Hier wurden viele Ansätze der Reformpädagogik vertreten, aber auch eine grundlegende liberale Haltung wurde geschätzt. Somit wandte man sich gegen die "klassischen" Schulformen, in denen es nicht darum ging, was den Schülern wirklich wichtig war. Neill war einer der Sponsoren und unterrichtete selbst für ein halbes Jahr an der Schule. Zuerst war er begeistert von dem Konzept, fand jedoch bald einige Punkte, die ihn störten. So entschloss er sich, seine erste eigene Schule an dieser anzugliedern. Konflikte mit dem Konzept seiner Kollegen bewirkten, dass seine Schule nach Österreich verlegt wurde; doch auch hier kam es zu Problemen mit der örtlichen Bevölkerung und der Schulbehörde, sodass er sich entschloss, seine Schule nach Südengland zu verlegen. Der Standort auf dem Summerhill bewegte Neill dazu, seine Schule "Summerhill School" zu nennen. Der Name blieb auch nach einem letzten Umzug der Schule an ihren heutigen Standort, Suffolk in England, bestehen.

Die Gemeinschaft der Summerhill School setzt sich aus etwa 70 internationalen Schülern zusammen. Neill selbst übernahm die Leitung seiner Schule bis zu seinem Tod im Jahr 1973. Seitdem übernahm erst seine Frau, Ena Neill, und ab 1985 dann auch seine Tochter, Zoë Readhead, die Leitung der bis heute konsequent antiautoritär geführten Summerhill School.

Neills Ansätze und das Schulkonzept

Für Neill war es maßgeblich, dass jedes Kind sich frei entfalten konnte. Seine Haltung war antiautoritär: Er wollte nicht, dass Kinder in der Schule dies erleben mussten, was er erfahren hatte. Neill selbst benutze auch das Stichwort selbstregulative Erziehung. Ungewöhnlich war vor allem auch seine Offenheit gegenüber der Sexualität: Auf den Annahmen der Psychoanalyse basierend ging er davon aus, dass die freie Entfaltung der Sexualität entscheidend für eine gesunde Entwicklung sei. Für ihn waren Kinder grundsätzlich und von Natur aus interessiert daran, neue Dinge zu lernen. Der "Lernzwang", der Kindern in den Schulen meist auferlegt wurde, war ihm nicht verständlich: Der Druck sorge nur dafür, dass die Kinder passiv, unselbstständig und demotiviert werden. Dies führe außerdem zu einer Selbstentfremdung, sodass das Kind seiner eigenen Bestimmung und seinen Interessen im weiteren Leben nicht mehr frei folge.

Neill vertraute darauf, dass die Kinder ihren eigenen Interessen folgen würden.
CC0 / Pixabay / Viki_B

Sein Schulkonzept basierte auf drei Hauptmerkmalen:

  1. "Self-Government" (Selbstregulierung)
  2. Freiwilliger Unterrichtsbesuch
  3. Werkstätten für die Schüler

Neues Schulkonzept: Die Umsetzung

Die Schule sollte so unkonventionell wie möglich gestaltet werden. In dem Internat sollte es den Kindern möglich werden, frei von jeglichen Zwängen seitens Erwachsener aufzuwachsen. Auf der Seite des Internats wird die Gemeinschaft weniger als klassische Schul-Gemeinschaft, sondern als eine Familie mit realen Gefühlen, Spaß und Zusammenhalt beschrieben. An der Schule werden viele verschiedene Kurse, die einerseits die klassischen Unterrichtsfächer, aber auch handwerkliche Aktivitäten mit einschließen, angeboten. Die Teilnahme an den Kursen ist den Kindern vollständig freigestellt: Noten, Zeugnisse oder Ähnliches gibt es nicht.

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Regeln gibt es an der Summerhill; diese sollen jedoch grundlegend nur dazu beitragen, dass eine Gleichberechtigung zwischen Kindern und Erwachsenen umgesetzt wird und der Alltag gut funktioniert. Aber auch beim Festlegen der Regeln geht es demokratisch zu: Die über 200 Regeln werden in wöchentlichen Versammlungen beschlossen. In diesen "General Meetings" hat jedes Kind und jeder Erwachsene jeweils eine Stimme. Verstöße oder Regelbrüche, die während einer Woche stattfinden, werden in einem zweiten Treffen besprochen. Dieses wird "Tribunal" genannt. Sogenannte Ombudspersonen sorgen dafür, dass Probleme, die im Alltag auftauchen, sofort geklärt werden. Diese werden alle 14 Tage neu gewählt. Damit die vorgeschriebene Bettzeit eingehalten wird, gibt es auch die "Beddie Officers": Dies sind ältere Schüler, die für die Einhaltung dieser Regeln sorgen. Die Bettzeit wird grundsätzlich von den Kindern selbst beschlossen. Eine Beschwerde gegen die Bettzeit kann jederzeit wieder beim Tribunal eingelegt werden.

Wird ein Schüler negativ auffällig, wird dies nicht verurteilt. Im Gegensatz zu der sonst typischen Bestrafung wird ein "Tag der Aufmerksamkeit" für diesen Schüler auferlegt. Dies meint, dass sich an diesem Tag die Gemeinschaft in besonderem Maße um ihn kümmert und ihm hilft, wo es möglich ist. Auch sogenannte paradoxe Sanktionen wurden als Methodik angewandt: Wer ein Fahrrad unverantwortlich benutzt, bekommt eines geschenkt.

Vorteile der Unterrichtsmethoden

Für Neill war die Schule ein voller Erfolg: Er beobachtete, dass die Kinder tatsächlich nach einer Weile die Eigeninitiative ergriffen, sich in Kursen zu engagieren, die sie tatsächlich interessierten. Dies sorgte einerseits für ein angenehmeres Lernklima, andererseits aber auch für einen höheren Lernerfolg.

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Auch für die Eingliederung in die Arbeitswelt sah Neill das Schulkonzept als Hilfestellung an: Schüler*innen lernten schon hier, wie man für sein eigenes Leben Verantwortung übernimmt und wie man wichtige Entscheidungen für sich und eine Gesellschaft trifft. Er beobachtete bei den Kindern eine Vielzahl an wichtigen Eigenschaften wie Selbstachtung, Toleranz, Integrität, Fairness, Verständnis, Einfühlsamkeit und Selbstbehauptung, Organisationsfähigkeit, Kreativität, Individualität, Humor, Motivation und gesunden Menschenverstand.

Im Jahr 1999 wurde der Summerhill-School mit einer Schließung gedroht. Grund dafür war, dass die notwendige und grundlegende Bildung der Schüler infrage gestellt wurde. Die Anklage wurde fallen gelassen, als anhand standardisierter, fachbezogener Tests festgestellt wurde, dass Summerhill-Schüler*innen mit ihrem Wissen sogar über dem Landesdurchschnitt lagen. 

Einflüsse auf Neill und Auswirkungen seiner Pädagogik

Homer Lane ist ein Sozialreformer und ein Pädagoge, welcher vor allem durch sein Wirken in einem Heim namens "Little Commonwealth" bekannt wurde. In dem Heim, welches von 1913 bis 1918 bestand, war es ihm möglich, seine therapeutischen Ideen an Kindern und Jugendlichen auszuprobieren. Bei diesen handelte es sich entweder um Waisen oder um Kinder, die Bewährungsmaßnahmen ableisten mussten. Andere wurden von ihren Eltern dorthin geschickt, da diese nicht mit den Kindern zurechtkamen. Seine reformative Idee beinhaltete das "Self-Government": Die Kinder sollten selber über Regeln entscheiden. Dafür gab es wöchentliche Zusammenkünfte, in denen auch demokratische Organe wie Richter oder Schatzmeister gewählt wurden. Dieses Grundmuster wurde von seinen therapeutischen Methoden durchzogen, wenn auch nur im Hintergrund: Er griff, wenn auch nur selten, hauptsächlich in Form paradoxer Sanktionen ein. Dies meint, dass er beispielsweise Täter nicht bestrafte, sondern im Gegenteil noch belohnte. Ein Beispiel dafür ist, dass er einen Jungen, nachdem er Geschirr zertrümmert hatte, noch dazu aufforderte, seine Uhr zu zerschlagen. Eine weitere "Bestrafung" für einen Täter war beispielsweise ein Urlaub, für dessen Kosten die Gemeinschaft aufkam.

Lanes Ansätze inspirierten Neill maßgeblich. Viele der Begriffe und Methoden, wie die paradoxen Sanktionen und das Self-Government sind auf den Pädagogen zurückzuführen. Die Ansichten Neills wurden häufig kritisiert: Sein Glaube, das Kind habe das "Gute" in sich und entfalte sich am besten, wenn es von einer Autoritätsperson unbeeinflusst bleibt, gelte als naiv. Auch die Signifikanz, die er der Sexualität des Kindes zuordnete, sei beispielsweise laut des Psychoanalytikers Erich Fromm überschätzt. Ein weiterer Kritikpunkt war, dass man keinen Kontakt mit der "realen Welt" habe: Im Laufe des Lebens ist es normal, dass jeder einmal Dinge tun muss, die ihn nicht interessieren oder die er langweilig findet. Diesen Tätigkeiten könne man beispielsweise oftmals nicht ausweichen, wenn es darum geht, dass man damit seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Kinder der Summerhill-School könnten entsprechend große Schwierigkeiten haben, sich einzugliedern.

Grundsätzlich sind in dem Terminus "Reformpädagogik" jegliche Ideen und Ansätze, die zu einem Wandel beziehungsweise eine Reform in den Bereichen Schule, Unterricht oder Erziehung anstreben, eingeschlossen. Neills Ansätze inspirierten die Pädagogik grundlegend. Einen signifikanten Einfluss hatten seine Ansätze vor allem in Bezug auf eine demokratische Kindererziehung. Er wird häufig auch als "Gründer der antiautoritären Erziehung" betrachtet.

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