Karlstadt
Elterntaxi

Elterntaxis laut Studie schädlich für Kinder: Landkreis zahlt Eltern trotzdem Prämie

Immer mehr Kinder werden von den Eltern zur Schule kutschiert. Das soll jetzt mancherorts sogar durch Prämien gefördert werden. Eine Studie stuft Elterntaxis als kritisch ein und auch der ADAC spricht von einer ganz falschen Richtung. Den Kindern könnten Elterntaxi sogar schaden.
Prämie für Elterntaxis: mancherorts werden sie gefördert. Doch eine Studie zeigt deutlich, wie schlecht sie für die Entwicklung der Kinder sind.

Parken an der Bushaltestelle oder Wenden auf dem Gehweg: Gestresste Eltern lösen vor Schulen regelmäßig Chaos aus, wenn sie ihren Nachwuchs absetzen oder abholen. Viele ärgern sich über die sogenannten Elterntaxis. In der Corona-Pandemie hat sich der Alltag vieler Menschen aber verändert, was vor allem zum Ferienende deutlich wird. Die Schulen mussten mit Hygienekonzepten auf die Situation regieren. Manche Eltern denken neu über den Weg ihrer Kinder nach: Setzen wir sie in einen vollen Bus oder bringen wir sie doch lieber selbst?

Um überfüllte Busse mit zu wenig Abstand zu vermeiden, wollte der Landkreis Peine in Niedersachsen den Eltern helfen. Die Verwaltung bot zunächst für das Bringen der Kinder eine Pauschale von 30 Cent pro Kilometer an und sorgte damit seit dem Schulstart in Niedersachsen überall für einigen Wirbel. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) zeigte sich überrascht und räumte ein, sich an den Gedanken erst gewöhnen zu müssen. Der Neuen Osnabrücker Zeitung (Donnerstag, 03.09.2020) sagte er aber: "Ich habe auch Verständnis dafür, wenn Eltern unter den gegenwärtigen Bedingungen ihre Kinder öfter mit dem Auto zur Schule fahren." Noch gesünder sei allerdings Fahrradfahren.

ADAC warnt: "Aktion geht eindeutig in die falsche Richtung"

Ganz so gelassen und moderat reagierten aber längst nicht alle auf den Vorstoß aus Peine. "Auch wenn Kreativität in Corona-Zeiten grundsätzlich wünschenswert ist, geht diese Aktion eindeutig in die falsche Richtung", sagte Alexandra Kruse vom ADAC. Aus Sicht des Automobilclubs entsteht das Chaos oft durch den wenigen Platz vor Schulen. "Es wird verkehrswidrig an Bushaltestellen oder in zweiter Reihe gehalten, wo ein Aussteigen nicht sicher ist", so Kruse. Die angedachte Kilometerpauschale sei vor allem mit Blick auf die Rolle der Kinder als eigenständige Verkehrsteilnehmer "ein ganz falsches Signal".

"Es geht darum, die Busunternehmen zu entlasten", hatte der Peiner Landkreissprecher, Fabian Laaß, in der vergangenen Woche zur Begründung gesagt. Den Eltern sollte damit vor allem mehr Flexibilität gegeben werden, auch die Monatsprämie von zehn Euro für radfahrende Schüler gebe es weiter. Kurz nach dem Start berichtete Laaß, dass es eine Vielzahl von Eltern gebe, die sich nach der Kilometerpauschale erkundigten. Um ein Verkehrschaos vor den Schulen zu vermeiden, bat der Kreis die Eltern aber, die Kinder im Umfeld der Schulen aussteigen zu lassen, möglichst nicht direkt davor.

Am Freitag (04.09.2020) revidierte der Landkreis Peine wegen zu starker Kritik seine Entscheidung, den Eltern eine Prämie auszuzahlen, wenn sie ihre Kinder selbst zur Schule bringen. Demnach soll die Kilometerpauschale nicht wie geplant bis Ende September getestet werden, teilte Kreissprecher Fabian Laaß ebenfalls am Freitag (04.09.2020) mit. "Eine erste Auswertung und zahlreiche Gespräche unter anderem mit Schulen, Beförderungsunternehmen und der Polizei haben gezeigt, dass die geplante Entschädigung für Eltern, die ihre Kinder statt mit dem Bus mit dem Auto zur Schule bringen, viele andere Probleme mit sich bringt", so Laaß. Die Aktion wurde beendet. Ein paar Kilometer südlich, im Landkreis Northeim, ist allerdings eine ähnliche Förderung mittlerweile sogar bis zu den Herbstferien verlängert worden. Seit Ende April können dort 20 Cent pro Kilometer beantragt werden. Um Verkehrsprobleme zu vermeiden, sollten Eltern nicht ganz an die Schule fahren und auf langwierige Abschiedsrituale verzichten, hieß es aus Northeim.

Die Lage in Bayern: Verkehrsclub sieht keine Notwendigkeit für Elterntaxis

Dennoch hagelt es für die Förderung der Elterntaxis viel Kritik. Die Polizei warnt immer wieder vor den Risiken und kontrolliert auch vor den Schulen. Das Sozialministerium in Hannover wirbt eher dafür, den Schülertransport zu stärken; der Städte- und Gemeindebund in Niedersachsen sieht einen beträchtlichen Verwaltungsaufwand. Nur wenige Kommunen seien finanziell in der Lage, solche Prämien auszuschütten.

Kurz vor dem Schulstart in Bayern in der kommenden Woche riefen das Deutsche Kinderhilfswerk und der Verkehrsclub VCD dazu auf, Elterntaxis zu vermeiden. "Es gibt meist keinen Grund, Kinder morgens mit dem Auto in die Schule zu chauffieren", betonte Holger Hofmann, Geschäftsführer des Hilfswerkes, in einem gemeinsamen Aufruf.

Eltern, die ihre Sprösslinge jeden Morgen mit dem Auto kutschieren, verursachen einer schwedischen Studie zufolge nicht nur Chaos vor dem Schultor, sondern können den Kindern richtig schaden.

Studie deckt auf: Darum können Elterntaxis Kindern enorm schaden

"Wir müssen neu über die Schulwege unserer Kinder nachdenken", fordert Psychologin Jessica Westman von der Universität Karlstad. Sie hat Schüler aus 4., 6. und 8. Klassen beobachtet. Das Ergebnis: "Die Autofahrt macht sie müde und passiv. Am besten ist es, wenn sie mit Freunden zur Schule kommen, laufen, radfahren oder im Schulbus." Kinder, die gebracht würden, verlören die Chance, die Umgebung auszukundschaften und mit anderen zu interagieren. "Dadurch werden sie weniger selbstständig und weniger sicher in ihrer Umgebung", sagt Westman.

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Viele Eltern aber hätten Angst um ihre Kinder oder glaubten fälschlicherweise, ihnen einen Gefallen zu tun, meinen die Experten. "Ein Teil der Eltern kümmert sich zu viel um die Kinder und möchte jede Gefahr ausschließen", sagt der Psychologe Klaus Seifried. "Manche fahren ihre Kinder auch mit 16 Jahren noch täglich zur Schule." Westman vermutet Bequemlichkeit als häufigen Grund für das Elterntaxi: So können morgens alle ein paar Minuten länger schlafen.

Was den Kindern vorenthalten wird: in einer Gruppe unterwegs zu sein, Geschichten zu erzählen und Geheimnisse zu haben, Umwege und Hinterhöfe zu erkunden, mal einen Abstecher zum Kiosk zu machen oder einen Klingelstreich zu spielen. Seifried meint, dadurch nehme man ihnen Entwicklungsmöglichkeiten. "Es ist wichtig für Kinder, etwas selbst zu bewältigen", sagt er. "Gehen sie allein zur Schule, schaffen sie sich ihren eigenen kleinen Lebensraum, den sie mit ihren Freunden entdecken."

Elterntaxi als gefährliche Botschaft: "Du kannst das nicht allein."

Taxi-Eltern dagegen sendeten ihren Kinder die gefährliche Botschaft: Das traue ich dir allein nicht zu. Dabei, so betont der Schulpsychologe, reifen Kinder, wenn sie Verantwortung übernehmen. "Man tut ihnen keinen Gefallen, wenn man ihnen alles abnimmt. Sie müssen auch lernen, dass man sich für etwas anstrengen muss."

Das Elternargument, Schulwege zu Fuß seien viel zu gefährlich, widerlegt Hannelore Herlan von der Deutschen Verkehrswacht mit einer Statistik. Demnach verunglücken die meisten Kinder im elterlichen Auto, nicht als Fußgänger auf dem Schulweg. "In der Regel ist es keine Unfallquelle, wenn Kinder gemeinsam zur Schule gehen", sagt sie. Kinder, die immer gebracht würden, hätten dagegen häufig Probleme im Verkehr. "Sie werden erst viel später mündige Verkehrsteilnehmer, lernen später, sich mit anderen Verkehrsteilnehmern zu verständigen", sagt Herlan.

Auch der ADAC warnt vor dem Elterntaxi. Das Bewusstsein für Gefahrensituationen sei bei Kindern größer, die den kurzen Schulweg allein laufen dürften. Zugleich seien die Kinder im Unterricht besser drauf und konzentrierter, fitter und sozial besser integriert. "Kinder, die nicht mit anderen laufen oder den Bus nehmen, fühlen sich oft auch außen vor", ergänzt Westman. Unterhaltung, Pläne schmieden, Freunde finden, vieles gehe an ihnen vorbei. Die Kinder, die sie befragt habe, hätten einfach mehr Spaß am Schulweg mit Mitschülern und Freunden.

Wenn eine Autofahrt trotzdem unbedingt nötig sei, so rät die schwedische Psychologin zu Fahrgemeinschaften mit Mitschülern und Freunden. "Der Schulweg kann die Grundlage für den ganzen Tag legen", betont Westman. Und wenn Eltern keine andere Wahl hätten, als ihre Kinder allein zur Schule zu fahren? "Dann sollten sie Spaß mit ihnen haben, Spiele spielen und lauthals zum Radio mitsingen."

Foto: Ralf Hirschberger/dpa