26. Mai 2001, Samstagnachmittag, kurz nach Vier, Wacker-Arena in Burghausen: Es steht 1:1. Das reicht den Gastgebern zum Klassenerhalt in der Regionalliga Süd. Und dem FC  05 Schweinfurt zum Aufstieg in die 2. Bundesliga. Aber es läuft erst die 80. Minute. Und im Parallel-Spiel würde Trier ein Tor gegen die Reserve des VfB Stuttgart genügen, um die Nullfünfer zu überholen. Die gehen das Risiko ein, spielen mit Burghausen die "Schande von Gijon" zwischen Deutschland und Österreich bei der WM 1982 nach. Endloses Ballgeschiebe, doch zehn Minuten später ist es Gewissheit: Die "Schnüdel" sind hinter Meister Karlsruhe und dem nicht aufstiegsberechtigten VfB Dritter und damit Zweitligist.

Regional und ohne große Namen

Am Abend warten 300 Fans am Willy-Sachs-Stadion auf den Mannschaftsbus, in dem überwiegend Glatzköpfe sitzen. Die meisten Spieler haben sich noch in Burghausen im Überschwang einer feuchtfröhlichen Kabinen-Sause die Haare abrasieren lassen. Es wird eine lange Nacht. Schließlich hat die Mannschaft wahrhaft Großes geleistet. Ende April 2000 schienen die Schweinfurter in die Bayernliga abgestiegen, in der darauf folgenden Saison schafften sie als eine im Grundgerüst von Trainer Djuradj Vasic regional zusammengesetzte Mannschaft, ohne großen Namen, das Fußball-Wunder.

Mit Steffen Rögele, Heiko Gröger, Dieter Wirsching, Matthias Gerhardt, Ralf Scherbaum, Steffen Stockmann, Dirk Dorbarth, Florian Galuschka, Jürgen Hein, Cristian Tremel, Daniel Rinbergas und Thomas Gerhardt stehen zehn Unter- und Oberfranken im Kader. Rögele ist auch der überragende Spieler der Saison und der einzige Akteur neben dem kaum weniger starken Müjdat Karagöz, der alle 34 Partien absolviert hat.

Erste Siege locken Fans in Massen

Der 26. Mai 2001 ist ein besonderer Tag für den FC 05, der zuvor zwar von 1945 bis 1963 in der erstklassigen Oberliga Süd, nach der Bundesliga-Gründung jedoch nur von 1974 bis 1976 und 1990/91 in der Zweiten Liga gespielt hatte.

Es ist aber auch ein Tag, der die Zukunft des Vereins verändert. Auch wenn es zunächst für den Aufsteiger in der höheren Liga gut losgeht: im ersten Heimspiel vor 7205 Zuschauern ein 2:1 gegen Saarbrücken, im zweiten vor 11 516 Fans ein 1:0 gegen Bielefeld, nach zehn Spielen nur vier Niederlagen bei zwölf Punkten. Dieses zehnte Spiel aber ist ein erster Knick: Nach 3:0-Führung "nur" 3:3 gegen Bochum.

Die sportliche Talfahrt folgt. Daran kann auch das legendäre 4:2 über Ahlen im TV-Livespiel an diesem magischen Montagabend Ende November nichts ändern, als der kurz vorher verpflichtete Ermin Melunovic alle vier Schweinfurter Treffer erzielt. Als Absteiger stehen die Nullfünfer Mitte der Rückrunde fest - nach sieben sieglosen Partien im neuen Jahr 2002. Auswärts sammeln sie letztlich nur ein Pünktchen, die größte Abfuhr gibt's beim 0:6 in Hannover vor 42 000 Fans.

Windige Geschäfte

So was darf einem Aufsteiger passieren. Doch der sportliche Abstieg findet einen fiesen Begleiter: eine Finanzkrise, im Schlepptau windige Geschäfte. Die Insolvenz der TV-Vermarktungsgesellschaft Kirch-Gruppe hatte den Verein schon einen hohen sechsstelligen Betrag an im Etat fest eingeplanten Fernsehgeldern gekostet. 2002/03 dümpelt der FC 05 durch die Regionalliga Süd, doch bereits im April 2003 erreicht Schweinfurt die Aufforderung der Deutschen Fußball-Liga (DFL), für die Lizenzerteilung nachzubessern.

Im Mai kündigt der damalige Präsident und Geldgeber Gerhard Hertlein nach seiner Wiederwahl an, dass er gemeinsam mit dem neuen Vize, einem bisher in Schweinfurt unbekannten Schwaben, den mit 900 000 Euro verschuldeten Verein aufpäppeln werde. Besagter Schwabe, von dem sich zuvor der VfR Aalen nach Differenzen wegen eines Sponsoring-Konzepts getrennt hatte, verspricht die Vermittlung eines Hauptsponsors. "Wunderheiler oder Windei?", ist ein Artikel aus jener Zeit überschrieben.

Der Autor stellt nach intensiven Recherchen die Finanzkraft einer ominösen Geldgeberin infrage. Diese "Sponsorin" ist eine damals 64-Jährige, die Minitrikots für Autofenster erfunden hat und wegen angeblichen Verstoßes gegen Patentrecht auf rund 250 000 Euro Schadensersatz klagt. Die sollen in den FC 05 fließen. Virtuelles Geld. Das Unternehmen ist nach einer Insolvenz aus dem Handelsregister gestrichen; privat hat die Frau ihre Mittellosigkeit eidesstattlich versichert. Doch Präsident Gerhard Hertlein sagt: "Wir haben einen Vertrag."

Der reicht der DFL für die Lizenzerteilung. Nur bleibt das Geld aus; die Schulden wachsen 2003 auf über 1,5 Millionen Euro. Gehaltsschecks platzen, der Ärmelsponsor - ein Vermarkter chinesischer Nahrungsergänzungsmittel - zahlt nicht. Weitere angebliche Investoren wie der Vertreiber von Energy Drinks oder ein thailändisches Medienunternehmen entpuppen sich als Fantasterei. Mitte Juni 2004 steht es fest: keine Regionalliga-Lizenz mehr für den FC  05.

Gerede von Insolvenz

Die neue Mannschaft, durch nicht nachvollziehbaren Geldfluss erstaunlich stark besetzt, verkauft sich später in der Bayernliga zunächst ordentlich, muss sich neue Trikots jedoch selbst kaufen. Plötzlich wird offen von Insolvenz geredet.

Im September 2004 erhält der FC 05 eine Räumungsklage für die Geschäftsstelle. Präsident und Stellvertreter legen ihre Ämter nieder, ein "Zukunftsteam" um den späteren Vorsitzenden Edgar Gleinser übernimmt. Das Minus im Herbst 2004  beträgt zwei Millionen Euro; Notvorstand Thomas End stellt den Insolvenzantrag.

Der Rest ist eine unsägliche Schmierenkomödie, die in der Räuberpistole gipfelt, dass ein Geldbote angeblich überfallen und beklaut wird. Wenig später wird das Insolvenzverfahren eröffnet. Im März 2005 akzeptiert die Gläubigerversammlung den Insolvenzplan bei zwei Prozent Vergleichsquote und ermöglicht so den Fortbestand des FC 05.

Ach, ja: Sportlich spielen die Schweinfurter nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens mit einer Mischung aus A-Jugendlichen und Oldies die Saison außer Konkurrenz mit Anstand und sogar einem Sieg zu Ende, um im Sommer 2005 zum 100. Geburtstag in der Landesliga neu anzufangen. Drei Jahre nach dem Zweitliga-Abstieg.

Weitere 15 Jahre später steht der FC 05 Schweinfurt aktuell auf Platz zwei der Regionalliga Bayern - und finanziell auf solidem Fundament. Unter dem Vorsitzenden Markus Wolf, der auch Hauptsponsor ist, hat sich der Verein wirtschaftlich konsolidiert und strebt die Rückkehr in den Profifußball an. In der durch die Corona-Krise unterbrochenen Saison 2019/20 wird der Aufsteiger in die Dritte Liga nach dem aktuellen Tabellenstand benannt. Sollte der noch zaudernde Spitzenreiter Türkgücü München verzichten, wären die Nullfünfer Nachrücker.