Nein, eine Bewerbung bei einem der anderen Schweinfurter Großbetriebe wäre für Kai Hemmerlein und seinen jüngeren Bruder Chris nie in Frage gekommen. Wie für den Vater Andre und den Großvater und eine ganze Reihe Verwandter aus Werneck, sollte es der Sachs sein. Das Traditionsunternehmen, das am 1. August auf den Tag genau vor 125 Jahren offiziell als "Schweinfurter Präcisions-Kugellagerwerke Fichtel & Sachs" gegründet wurde. Eigentlich sollte dies als Jubiläum groß gefeiert werden. Pandemiebedingt wurde dies jedoch auf das kommende Jahr verschoben. Dann gibt es am 26. Juni einen Innovationstag.

Immer noch "zum Sachs"

Wenn man sich mit Andre Hemmerlein unterhält, wird deutlich, was das Besondere an dieser Firma ausmacht. Vor nunmehr fast zehn Jahren hat sie zwar den eigenen Namen verloren, ist auf dem Papier nur noch Teil der ZF Friedrichshafen AG, was die meisten der rund 9100 Mitarbeiter hier jedoch nicht daran hindert, immer noch zum Sachs zu gehen. Nimmt man die vielen Handwerksbetriebe aus der Region, Zulieferer und Angehörigen dazu, dann sind es geschätzt 50 000 Menschen, die vom ihm abhängig sind.

Erich Hemmerlein kam 1964 ins Unternehmen, 19 Jahre später begann Andre seine Ausbildung zum Betriebsschlosser. Später war er in der Arbeitsvorbereitung tätig, heute kümmert er sich um Prozessstoffe für die Produktion. Noch recht jung wurde er mit Führungsaufgaben betreut, und es ist ihm anzumerken, dass er stolz auf das Vertrauen ist, das in ihn gesetzt wird.

"Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, mich bei einem anderen Unternehmen zu bewerben", sagt der 26-jährige Kai. "Sachs stand für mich schon als Schüler fest." Sein Bruder Chris erinnert sich an Ferienjobs, die Informationstage und sagt "Sachs ist cool".

Dass es früher beim Einstellungstest, zu dem sich jährlich bis zu 1300 Bewerber meldeten, einen kleinen Bonus für die Kinder von Werksangehörigen gab, spielte noch die geringste Rolle.

Wie der größere Bruder

2014 begann Chris wie sein größerer Bruder zuvor mit der Ausbildung zum Industriemechaniker. Heute würde er sich eher in Richtung Elektrik bewegen, sieht für ZF dort klar die Zukunft. Dabei weiß er, dass er eine gute "Grundausbildung" erhalten hat, die ihm viele Möglichkeiten offen lässt. Ausbildung bei Sachs früher und ZF heute heißt, dass es nicht allein um das Fachliche geht. So gibt es unter anderem regelmäßig Sportangebote, einen Zuschuss zum Fitnessstudio, die jungen Leute bekommen Fahrtkosten ersetzt, der Gang in die Kantine wurde früher auch noch bezuschusst, denn beim Essen sollen die Azubis zusammensitzen, miteinander reden.

In der Berufsschule sind die ZFler der gleichen Ausbildungssparte meist in eigenen Klassen zusammen. Da ist auch mal ein Abiturient oder ein Studienabbrecher dabei. "Wir helfen uns gegenseitig", beschreibt Chris das System. Andre erinnert sich noch gut an seine Ausbildung. Zum Beispiel an die Station in der Schmiede, wo es laut und vor allem heiß war. Die Erfahrungen dort waren Ansporn, fleißig zu lernen. "Ich wollte nicht in die Schmiede."

Ein Blick zurück. Schlimm war die Krise der metallverarbeitenden Industrie 1993. Von rund 11 000 Kollegen musste mehr als ein Drittel gehen. Es gab einen Sozialplan, plötzlich sei der Schreibtisch nebenan nicht mehr besetzt gewesen. Immerhin sei es gelungen, das Stammpersonal zu halten.

Dann kam das Mannesmann-Aus, die Übernahme durch Vodafone. Sachs gehörte zu Mannesmann-Atecs nachdem sich der einstige Röhrenproduzent auf die Telekommunikation konzentrieren wollte. Im Jahr 2000 wurde der Bereich an ein Konsortium von Siemens und Bosch verkauft. "Von Atecs habe ich noch eine Anstecknadel", erzählt Andre Hemmerlein lachend. Gut erinnert er sich daran, dass trotz der großen Unsicherheit vom damaligen Management kräftig investiert wurde.

Mehr Eigenverantwortung

Andre Hemmerlein kann nun auf rund 37 Jahre im Betrieb zurückblicken. Was hat sich in dieser Zeit geändert? Vor allem der Führungsstil. "Die Meister hatten das Sagen." Heute gebe es deutlich mehr Eigenverantwortung für die Mitarbeiter und Gruppengespräche.

Dass die Hemmerleins stolz sind, bei ZF zu arbeiten, ist unverkennbar. "Was wir machen, kann sich sehen lassen, sagt Kai. "Wir produzieren nicht irgendwas, sondern auch für die Pkw-Oberklasse." Keine Frage, als vor einiger Zeit die Kupplung an seinem VW ausgetauscht wurde, hat er darauf geachtet, dass das Ersatzteil aus dem eigenen Haus und nicht von einem Mitbewerber kam.

In den nächsten Wochen beschäftigen wir uns an dieser Stelle mit der Unternehmsgeschichte, die vor 125 Jahren mit dem "Schweinfurter Präcisions-Kugellagerwerke Fichtel & Sachs" begann. Berichtet wird über den Firmengründer Ernst Sachs. Über seinen Sohn Willy und dessen Verstrickung in der Nazizeit. Gezeigt wird die Geschichte von Schloss Mainberg, die Zeit mit Ernst Wilhelm und Gunter Sachs, das Leben des Playboys und Kunstsammlers Gunter, der Übergang zu ZF, die Sammlung, die die Unternehmensgeschichte dokumentiert.

1895 Ernst Sachs und Karl Fichtel gründen die Schweinfurter Präcisionskugellagerwerke Fichtel & Sachs GmbH.

1889 die erste Freilaufnabe kommt auf den Markt

1903 die Torpedofreilaufnabe verbindet Freilauf und Rücktrittbremse.

1905 das Unternehmen zählt 1800 Beschäftigte und produziert 382 000 Torpedonaben

1911 Tod von Karl Fichtel

1918 während des ersten Weltkrieges stieg die Zahl der Beschäftigten auf 8000 an.

1923 Umwandlung in eine Aktiengesellschaft

1929 Verkauf der Wälzlagersparte an die Vereinigten Kugellagerfabriken, heute SKF

1930 Beginn der Motorisierung des Fahrrads

1932 Tod von Ernst Sachs

1932 Eröffnung des Ernst- Sachs-Bades

1937 die Saxonette kommt auf den Markt

1936 Eröffnung des Willy-Sachs-Stadions

1945 Im Weltkrieg werden fast 70 Prozent der Produktionsanlagen zerstört. Sachs war ein wichtiger Zulieferer für die Rüstungsindustrie und beschäftigte viele Zwangsarbeiter

1956 Tod von Willy Sachs

1960 Produktion des Wankelmotors

1969 Grundsteinlegung Werk Süd

1977 Tod von Ernst Wilhelm Sachs

1987 Verkauf an Mannesmann

1997 Einstellung des Motorenbaus und Verkauf der Fahrradkomponenten

2000 Vodafone übernimmt Mannesmann, Sachs geht an Mannnesmann Atecs, eine Gemeinschaftsfirma von Bosch und Siemens

2001 Verkauf an ZF

2002 Eröffnung des großen Entwicklungszentrums

2011 Verschmelzung mit ZF, der Name Sachs verschwindet weitgehend.