Aufgrund von Platzmangel im Gehege tötete der Tiergarten Nürnberg vor knapp einem Jahr insgesamt zwölf seiner Guinea-Paviane. Nach Angaben des Tiergartens hatte man zuvor jahrelang vergeblich nach einem neuen Zuhause für die Tiere gesucht und schließlich keinen anderen Ausweg mehr gesehen, um weiterhin eine artgerechte Haltung zu gewährleisten. Die umstrittene Maßnahme sorgte in der Folge auch überregional für Aufsehen und befeuerte die ohnehin bereits hitzig geführte Debatte über Ethik, Artenschutz und Zoopraxis.
Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen riefen zu Protesten auf und beschuldigten den Tiergarten eines Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz. Da die Tötung gesunder Tiere ohne triftigen Grund nach dem deutschen Tierschutzgesetz eine Straftat darstellt, sind innerhalb weniger Wochen hunderte Strafanzeigen wegen mutmaßlicher Verstöße bei der Staatsanwaltschaft eingegangen. Seither laufen die Ermittlungen. Knapp ein Jahr später meldet sich nun die Tier- und Artenschutzorganisation "Pro Wildlife" zu Wort. In einer Pressemitteilung, die inFranken.de bereits vor der geplanten Veröffentlichung am Mittwoch (22. Juli 2026) vorliegt, üben die Tierschützer erneut heftige Kritik am Tiergarten Nürnberg.
Tierschützer mit heftiger Kritik an Pavian-Zucht im Tiergarten Nürnberg - "hat mit Artenschutz nichts zu tun"
Wie "Pro Wildlife" in der Mitteilung erklärt, habe sich trotz laufender strafrechtlicher Ermittlungen auch knapp ein Jahr später nichts an der Vorgehensweise des Tiergartens Nürnberg geändert. Dass der Zoo "aus der Tötung keine Konsequenzen gezogen" habe, belegen demnach die jüngsten Daten. Denn seit der Erschießung der zwölf Paviane am 29. Juli 2025 wurden neun Pavianbabys im Tiergarten geboren, von denen jedoch sieben bereits kurz nach ihrer Geburt wieder verstorben sind. Der Tiergarten Nürnberg bestätigt diese Zahlen am Dienstag (21. Juli 2026) auf Nachfrage von inFranken.de.
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"Trotz des laufenden Ermittlungsverfahrens züchtet der Tiergarten weiter Guinea-Paviane, angeblich für den Artenschutz", sagt Laura Zodrow, Zoo-Expertin bei "Pro Wildlife". "Unsere Auswertung der Bestandsbücher belegt jedoch, dass diese Zucht mit Artenschutz nichts zu tun hat", so Zodrow. Demnach wurden in den vergangenen 35 Jahren 187 Guinea-Paviane im Tiergarten Nürnberg geboren, ohne dass Tiere von außen dazugekommen seien. Dabei sei es eigentlich üblich, dass Tiere zwischen Einrichtungen ausgetauscht werden, um Inzucht zu verhindern. In Nürnberg ist demnach jedoch seit 35 Jahren "kein einziges Tier aus einer anderen Haltung aufgenommen" worden.
Zudem sei "bei keinem einzigen der in Nürnberg gezüchteten Tiere der Vater erfasst". Bei 76,5 Prozent der in Nürnberg geborenen Tiere fehlen laut "Pro Wildlife" sogar Angaben zu beiden Elternteilen. "Das hat mit seriöser Erhaltungszucht nichts zu tun", kritisiert Zodrow. "Es widerlegt die Behauptung, der Tiergarten züchte Guinea-Paviane als genetische Reserve für den Artenschutz." Außerdem seien die Nürnberger Paviane für eine Auswilderung gar nicht geeignet. Das liege zum einen an der "jahrzehntelangen Inzucht", zum anderen aber auch daran, dass "kein Auswilderungsprojekt oder geeignetes Schutzgebiet" existiere.
"Produziert enormes Tierleid": Pro Wildlife befürchtet erneute Pavian-Tötungen - Tiergarten wehrt sich gegen Vorwürfe
Weil die letzten Abgaben von Guinea-Pavianen an andere Einrichtungen laut "Pro Wildlife" zehn Jahre zurückliegen, gleichzeitig aber kein Ausbau des Geheges geplant sei, werde das Platzproblem somit früher oder später wieder auftauchen. "Wir befürchten, dass bald schon die nächsten Paviane erschossen werden könnten", heißt es deshalb vonseiten der Tierschützer. Deshalb fordere man nun, "die Zucht der Guinea-Paviane im Tiergarten Nürnberg unverzüglich zu beenden".
"Statt wirksamen Artenschutz im natürlichen Lebensraum zu finanzieren, verschwendet der Tiergarten Ressourcen in einer unkoordinierten Zucht – ohne den notwendigen Platz, ohne Auswilderungsperspektive – und produziert dabei enormes Tierleid", so Zodrow. "Das ist verantwortungslos – und schon gar kein Beitrag zum Artenschutz." Zudem fordert Pro Wildlife eine rechtliche Verpflichtung für Zoos, wonach nur dann gezüchtet werden dürfe, wenn der Nachzucht eine "dauerhafte artgemäße Unterbringung und ein geeignetes Auswilderungsprojekt" geboten werden könnten. Auf Nachfrage von inFranken.de hat sich der Tiergarten Nürnberg am Dienstag (21. Juli 2026) zu den Vorwürfen geäußert.
"Wenn der Tiergarten seinem gesetzlichen Auftrag gerecht werden soll, Arten zu schützen, muss er auf begrenztem Raum gesunde und fortpflanzungsfähige Bestände über Jahrzehnte erhalten und deswegen auch Tiere für die Generationenfolge züchten", teilt eine Sprecherin mit. Eine Geburtenkontrolle habe teils erhebliche Auswirkungen auf das Sozialgefüge der Tiere, weshalb man davon Abstand genommen habe. Die Entscheidungslage habe sich seit dem Sommer 2025 nicht geändert, betont die Sprecherin weiter. Einen wie von den Tierschützern geforderten Zuchtstopp lehne man deshalb auch weiterhin ab.
Tiergarten Nürnberg verweist auf Rolle von Zucht zur "Sicherung der Art"
Dass im letzten Jahr sieben der neun neugeborenen Paviane kurz nach der Geburt verstorben sind, habe derweil unterschiedliche Gründe. "Ein Jungtier ist tot geboren, ein anderes hatte Anzeichen von Lebensschwäche und ein stumpfes Trauma und starb nach einem Tag", heißt es vonseiten des Tiergartens. Ein weiteres habe nicht ausreichend Milch erhalten. "Bei diesen beiden Tieren steht die Todesursache fest, weil sie rechtzeitig geborgen und in die Pathologie geschickt werden konnten", so die Sprecherin. Zudem seien fünf Jungtiere den Müttern von anderen Pavianen weggenommen worden. Demnach haben die Mütter ihre Jungtiere in diesen Fällen "nicht rechtzeitig zurückerobern" können, sodass sie verstarben.
Der Kritik an mangelndem genetischen Austausch innerhalb der Pavian-Gruppe begegnet der Tiergarten mit dem Hinweis, dass keine Erkrankungen oder Inzuchtprobleme zu beobachten seien. Die Sprecherin erläutert: "Die Integration externer Tiere, die mit der Gruppe nicht verwandt sind, hat in der Vergangenheit stattgefunden, jedoch nicht zu Nachzuchten geführt." Die Population werde zudem im Rahmen eines europäischen Koordinationsprogramms wissenschaftlich betreut. "Wann die Nürnberger Linie durch Tiere der europäischen Population diversifiziert werden soll, werden die Analysen des EAZA Ex-situ-Programms ergeben", heißt es aus dem Tiergarten.
Auch den Vorwurf einer fehlenden Dokumentation der Elterntiere weist der Tiergarten zurück. "Das Sozialsystem der Guinea-Paviane ist so aufgebaut, dass nicht ersichtlich ist, welches Jungtier welchen Vater hat", erklärt die Sprecherin. "Deswegen werden in Paviangruppen grundsätzlich Verpaarungen nicht gesteuert, sondern dem natürlichen Sozialgefüge überlassen." Für die Bestimmung der Vaterschaft müsse jeder Pavian regelmäßig gefangen und Blutproben genommen werden, was nur dann geschehe, wenn es unbedingt notwendig sei. "Wann immer wir einen Pavian fangen, behandeln oder einschläfern müssen, nehmen wir Blutproben, die auch für genetische Analysen verwendet werden können", so die Sprecherin.
Kein Ausbau des Pavian-Geheges geplant - "würde die grundlegende Frage nicht beantworten"
Mit Blick auf die Auswilderungsfähigkeit der Nürnberger Guinea-Paviane, wie sie von Tierschützern infrage gestellt wird, betont die Vertreterin des Tiergartens: "Unsere Gruppe ist zurzeit ein Modell für isolierte Populationen, wie sie wegen menschengemachter Lebensraumfragmentierung zunehmend in der Wildbahn vorkommen." Eine Auswilderung sei durchaus möglich, wenn es dafür künftig geeignete Schutzräume gebe. Bis dahin diene die Zucht in Nürnberg insbesondere der "Sicherung und dem Überleben der Art".
Um einer Überpopulation vorzubeugen, wolle man auch zukünftig versuchen, die Paviane an geeignete Einrichtungen zu vermitteln. Ein Ausbau des Geheges komme hingegen nicht infrage. "Der Tiergarten hat die Paviananlage im Jahr 2009 erweitert und dabei die Kapazitäten im Innenraum verfünffacht", erklärt die Sprecherin. "Eine zweite Erweiterung würde die grundlegende Frage nicht beantworten und darüber hinaus zulasten anderer, dringend anstehender Kapazitätserweiterungen für weitere bedrohte Tierarten wie Harpyien, Schabrackentapire und Gorillas gehen", heißt es aus dem Tiergarten Nürnberg. Weitere Nachrichten aus Nürnberg findet ihr in unserem Lokalressort.