Auch angesichts des Ukrainekrieges zeige sich Joachim Schneider überzeugt, dass eskalierend wirkende Gewalt keine Option zur Konfliktlösung darstellt. Der Friedensaktivist empfiehlt, basierend auf einer inneren Haltung aus "Respekt und Wahrhaftigkeit", unter anderem eine Qualitäts-Mediation zu etablieren, so die Katholische Stadtkirche Nürnberg.

Herr Schneider, was empfinden Sie bei den Nachrichten und Bildern aus der Ukraine?

Schneider: Diese militärische Eskalation hat mich nicht überrascht, eher bin ich traurig. Das liegt daran, weil ich gerne hätte, dass weltweit genügend Menschen wissen, wie sie ihre Konflikte einvernehmlich lösen können, bevor sie außer Kontrolle geraten. Das gäbe Sicherheit auf der Basis guter Beziehungen.

Leider scheiterten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mehrere Versuche, Sicherheit in Ost und West neu zu organisieren, z.B. weil die westliche Seite nicht bereit war, Russland als gleichwertigen Partner in die NATO aufzunehmen. Andere osteuropäische Staaten jedoch traten dem Bündnis nach und nach bei.

Seit Jahren rüsten Ost und West regelmäßig auf und führen (völkerrechtswidrige) Kriege. Viel lieber hätte ich stattdessen erlebt, dass neue friedenswissenschaftliche Erkenntnisse im Zusammenhang mit der Mahnung Jesu, erlittene Gewalt nicht durch Gegengewalt zu erwidern, helfen würden, die Logik des Kalten Krieges endlich zu stoppen.

Geraten Ihre persönlichen Friedensüberzeugungen angesichts des Ukrainekonflikts ins Wanken?

Nein, sie sind eher gefestigt. Die aktuellen Kämpfe verstehe ich als Lektion dafür, dass für ein nachhaltiges und friedliches Zusammenleben noch ganz andere Qualitäten nötig sind als die Berufung auf das Völkerrecht oder auf militärische Stärke. Vielmehr braucht es genügend Menschen, die sich im Sinne aktiver Gewaltfreiheit einschalten, wenn das Gemeinwohl in Gefahr gerät. Viel mehr Achtsamkeit als bisher benötigen auch Spannungen auf der internationalen Ebene.

Sie zeigen uns, wo es gerade an Gerechtigkeit, Respekt oder Sicherheit mangelt und wo Klärung, bzw. Versöhnung gefragt ist, bevor Gewalt sich entlädt.

Sie haben einen Brief an den russischen Präsidenten geschrieben und versuchen, diesen über die russische Botschaft zu lancieren. Darin schlagen Sie eine Qualitäts-Mediation nach der Methode der Gewaltfreien Kommunikation vor. Gibt es eine Reaktion?

Schneider: Bislang gibt es keine Antwort – und ich habe auch kaum damit gerechnet. Doch man weiß nie, welche Botschaft bei den Lesern ausgelöst wird. Es ist mir wichtig, Menschen im Sinne von Wertschätzung zu inspirieren. Dabei nehme ich in Kauf, dass Manches ohne sichtbaren Erfolg bleibt.

Glauben Sie, dass unter den gegebenen Verhältnissen aktive Gewaltfreiheit eine Chance hat?

Schneider: Jesus hat uns in der Bergpredigt drei Beispiele wirksamer Feindesliebe und zivilen Ungehorsams aufgezeigt – als sicherste Möglichkeit, wie Menschen die von Gott geschenkte Würde zurückgewinnen können. Dazu braucht es respektvolles Verhalten gegenüber dem Feind, ohne auf Wahrhaftigkeit zu verzichten.

Mitglieder von pax christi haben immer wieder kreativen Widerstand praktiziert und damit Unrechtsstrukturen ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Ich selbst habe 2011 den Teil meiner Steuern verweigert, der den Militärausgaben entspricht, und wurde gepfändet. Darüber haben Zeitungen berichtet.

Glauben Sie, dass Sanktionen oder ein Embargo hilfreich sein können, ein Ende des Krieges herbeizuführen?

Schneider: Das hängt von der Absicht ab: Wenn Sanktionen jemandem schaden sollen, bis er sich durch äußeren Druck ändert, entsteht Hass und Gewalt. Ich bin für ein Embargo, wenn es allein dem Schutz der Menschen in der Ukraine dient, indem die Mittel für eine Fortsetzung des Krieges ausbleiben. Wenn ein Embargo so begründet wird, ist die Eskalationsgefahr geringer.

Finden Sie es richtig, zur Verteidigung Waffen an die Ukraine zu liefern?

Schneider: Waffen verführen dazu, in Gewinner – Verlierer – Maßstäben zu denken. Ich kenne kein Beispiel, wo durch Waffeneinsatz Frieden entstand. Der 2. Weltkrieg hat uns gezeigt, dass Gewalt über Generationen hinweg Traumata nach sich zieht. Gewalt verlischt nicht. Das einzige, was hilft, ist Versöhnung. Die christliche Botschaft von der Feindesliebe ist durch nichts zu ersetzen.

Wie könnte Ihrer Meinung nach eine weitere Eskalation des Krieges gestoppt und nachhaltiger Friede erreicht werden?

Schneider: Erstens durch Soziale Verteidigung, d.h. durch kreativen, gewaltfreien Widerstand. Damit er wirkt, ist der Verzicht auf Gegengewalt und auf „Tyrannenmord“ die Voraussetzung. Je mehr Opfer ein Konflikt schon gefordert hat, desto schwieriger wird es sein.

Ein Besatzer verliert Macht, wenn viele nicht gehorchen und die Zusammenarbeit verweigern. Dann muss er aufgeben, wie z.B. 1989 nach friedlichen Demonstrationen in Leipzig. Das Wissen über Soziale Verteidigung nimmt ständig zu. Interessierte können Aktuelles über unsere monatlichen Rundmails erfahren:

Wenn dann zweitens die Bereitschaft zur Mediation besteht, können die Bedürfnisse aller Beteiligten in den Blick genommen werden für eine nachhaltige Lösung. Einfühlsames Verstehen ohne zu verurteilen ist dabei das Allerwichtigste.

Menschen haben Gründe für ihr Handeln – auch Putin. Das ist Schwerstarbeit und setzt innere Klarheit über die eigenen Bedürfnisse voraus. So wirkt Gewaltfreie Kommunikation bei der Mediation.

Vielen Dank, Herr Dr. Schneider, für dieses Gespräch!