Die meisten Leute, die sich an Hans-Werner Herold wenden, sind erst einmal aufgebracht. Denn der Hochstadter ist Biberberater. Ihn schickt die Untere Naturschutzbehörde direkt zum Ort des Geschehens, wenn es Ärger mit so einem Nager gibt. Und das kommt immer wieder einmal vor. Die geschützten Tiere sind seit Anfang der 2000er-Jahre auch in der hiesigen Region wieder heimisch. Rund hundert Jahre waren Biber in Bayern ausgerottet, zu begehrt waren ihr Pelz und ihr Fleisch.

1966 initiierten Naturschützer in Absprache mit den Behörden die Neuansiedlung. Es hat funktioniert - nach Ansicht mancher Menschen allerdings zu gut. So niedlich der auf Gewässer angewiesene Nager auf Bildern ausschauen mag (in Natura bekommt man das dämmerungs- und nachtaktive Tier selten zu Gesicht) - mit seiner Lebensweise macht er sich nicht nur Freunde. Der Biber mag Holz, vor allem weiches. Dem Vegetarier schmecken auch Blätter, Kräuter und Sträucher. An Bach- und Flussläufen knabbert er Bäume nicht nur zum Zwecke der Ernährung an. Seine keilförmigen Fraßspuren sind geeignet, die Stämme zu Fall zu bringen und damit Wasser anzustauen. Denn auf dem Trockenen unterwegs sein zu müssen, wäre für ihn viel beschwerlicher. Er baut seine "Burg" in die Uferzonen, legt Dämme an. Umweltschützern und Naturfreunden gefallen seine Umgestaltungen, denn es entstehen Biotope, bessere Lebensräume für verschiedene Insektenarten, Amphibien oder auch Spechte.

Wenn Landwirte allerdings vernässte Flächen nicht mehr bewirtschaften können, sie zuschauen müssen, wie Feldfrüchte weggefuttert werden oder wegen der Biberröhren das Gelände beim Bearbeiten einbricht und dabei sogar Maschinenschäden entstehen, ist nachvollziehbar, dass das für die Betroffenen alles andere als erfreulich ist.

Geld vom Freistaat

Aus diesem Grund hat der Freistaat einen Ausgleichsfonds eingerichtet. In diesem werden 450 000 Euro pro Jahr zur Verfügung gestellt, um durch den Biber entstandene Schäden zu ersetzen. "Das soll Akzeptanz schaffen", erklärt Katrin Wagner, Sachbearbeiterin im Naturschutzrecht am Landratsamt Lichtenfels. Dort, bei der Unteren Naturschutzbehörde, kommen "immer mal Anfragen" in Sachen Biber. Sie ist auch die richtige Adresse, wenn es um Fraß- oder sonstige Schäden geht. Zumeist sind es land-, forst- oder fischereiwirtschaftliche Betriebe, die sich melden, keine Privatleute. Schäden mit einem Schätzwert von unter 50 Euro wird nicht nachgegangen. Die Betroffenen sollten zügig handeln, binnen einer Woche Meldung machen. Denn es geht ja nicht nur um die finanziellen Ansprüche.

150 bis 200 Exemplare im Landkreis

"Vorrangig ist es, weitere Schäden zu verhindern", erklärt Katrin Wagner. An einzelnen Bäumen könne dann beispielsweise ein Fraßschutz aus Draht angebracht werden. Elektrozäune sind nicht immer möglich, auch nicht immer erfolgreich. Ein Einfangen und Umsiedeln von Tieren, wie es vor einigen Jahren noch gemacht wurde, wird inzwischen nicht mehr praktiziert, weil es kaum noch geeignete, freie Reviere gibt. Am Main und seinen Nebenflüssen sowie an den Baggerseen haben sich Biber über den Landkreis verteilt in etwa 70 Revieren niedergelassen; Hans-Werner Herold schätzt die Population auf 150 bis 200 Tiere.

Die Aussage, dass der Biber keine natürlichen Feinde habe, womit Jäger- und Bauernvertreter schon vor Jahren das Abschussverbot kritisierten, will der Biberberater so nicht stehen lassen. Der Fuchs hole sich beispielsweise auch Jungbiber. Doch am meisten dezimierten sich die Biber selbst in ihren Revierkämpfen. Die Bisse enden in der Regel tödlich: entweder sofort, oder durch sich im Wasser infizierende Wunden. Nach zwei Jahren wird der Nachwuchs von den Eltern gnadenlos in diesen Überlebenskampf geschickt: Er darf dann im angestammten Zuhause nicht mehr bleiben. Doch ein Biber, der auch nur durch bereits besetztes Terrain schwimmt, wird attackiert. Deshalb ist sich Herold sicher, dass der Bestand nicht überhand nehmen wird.

Wertvolle Naturschutz-Arbeit

Überhaupt wirbt er um Wertschätzung für das Pelztier, das auf sanfte Weise Renaturierungsmaßnahmen vornimmt. Um so etwas von Menschenhand erledigen zu lassen, müssten um die 30 000 Euro pro Hektar ausgegeben werden. "Der Biber macht's umsonst", unterstreicht Herold. Schaden und Nutzen des Tieres sieht er im Verhältnis 1:10. Eine Freigabe zum Abschuss ist für ihn "die letzte Lösung" in sehr seltenen Problemfällen.

Die tatsächlichen Beträge, die im Landkreis Lichtenfels als Ausgleich für den Appetit und die Staulust des schwimmenden Nagers ausgezahlt werden, sind nicht sehr hoch. Für das Jahr 2019 beläuft sich die Summe insgesamt auf 6686 Euro. Sie entspricht einem Anteil von 67 Prozent der beantragten Mittel. Diese "Ausgleichsquote" wird in jedem Jahr neu festgelegt. Sie errechnet sich anhand der in ganz Bayern gemeldeten Schäden. Da das zur Verfügung gestellte Budget des Freistaates immer gleich bleibt und gerecht verteilt werden soll, ergibt sich bei einer dieses übersteigenden Anforderung die Situation, dass jeder einzelne Schaden eben nur anteilig ersetzt wird. Die geschilderte Handhabung führt auch dazu, dass Antragsteller viel Geduld haben müssen, bis ihnen - etwa in der Mitte des Folgejahres - letztlich eine Entschädigung zuteil wird. Die Berechnung für 2019 liegt Katrin Wagner noch nicht lange vor. "Wir veranlassen dann die Auszahlung", sagt die Sachbearbeiterin.

Doch mit Geld allein ist es nicht getan. Wenn Hans-Werner Herold als Gutachter losgeschickt wird, bemüht er sich neben der objektiven Einschätzung der entstandenen Schäden auch darum, Wogen zu glätten. Er möchte für mehr Verständnis für den Biber sorgen, gibt sein Wissen gerne weiter. "Wir haben verlernt, mit dem Biber zu leben." Manch einer, der erst seinem Ärger Luft gemacht hat, kann die Sache dann auch von einer anderen Seite sehen.