Um 1900 dauerten Reisen von und nach Italien länger als heute. Dennoch kamen italienische Arbeiter an den Obermain, um beim Bau der Lichtenfelser Wasserleitung mitzuwirken. Stukkateure von jenseits der Alpen brachten ihr Können bei Kirchenrenovierungen mit ein. Länderübergreifend tätige Baumeister prägten Städte und Dörfer. Dieser verbindende Aspekt steht heuer besonders im Fokus. 2018 ist das Europäische Jahr des Kulturerbes.
Eine kleine Kapelle im Jurastädtchen Weismain darf im Landkreis Lichtenfels als Beispiel dienen. Der Entwurf für die ab 1701 errichtete Kreuzkapelle wird dem Tiroler Maurermeister Christoph Leidner zugeschrieben. Er arbeitete an etlichen Kirchen und (Amts-)Schlössern in der Region und ließ sich schließlich in Bamberg nieder.


Verbindung nach Österreich

Die Kreuzkapelle hat aber noch eine weitere Verbindung nach Österreich. 1880 setzte der von dort angereiste General Viktor Freiherr von Handel-Mazzetti seiner Familie mit der Anbringung ihres Wappens an einer der Chorbänke ein Denkmal. Die Erforschung seiner Ahnen in den Bamberger Archiven hatte ihn nach Weismain geführt, wo die Familie Ende des 16. Jahrhunderts ihren Ursprung hat. Hans Handel ließ sich in Weismain als Metzger nieder (deshalb der Stierkopf im Wappen). Seine Frau Margaretha, eine geborene Knauer, war die Cousine des gebürtigen Weismainer Geistlichen Abt Mauritius, der in Klosterlangheim wirkte und seinen Bekanntheitsgrad durch den von ihm verfassten Hundertjährigen Kalender erlangte. Diese Verwandtschaft bewahrte Margaretha Handel allerdings nicht davor, noch im Alter von 74 Jahren der Hexerei verdächtigt zu werden. Sie starb nach sieben Wochen anhaltenden Verhören in Bamberg und wurde 1674 als unschuldig Befundene in Weismain beigesetzt. Das Ehepaar Handel hatte neun Kinder. Aus ihnen hervorgegangen sind etliche Personen des öffentlichen Lebens, etwa die Schriftstellerin Enrica von Handel-Mazzetti (*1871 Wien , † 1955 Linz).
Die Verbundenheit nach Weismain hat Bestand: Es gab Besuche hier, und auch über die jüngste Restaurierung der Kapelle wurde die Familie informiert. Die Arbeiten sind fast abgeschlossen, wie Kirchenpflegerin Maria Bauer berichtet. Bis zum Herbst soll auch der neue Volksaltar an seinem Platz sein.
Bis Ende Mai läuft die Anmeldefrist für die Aktionen zum Tag des offenen Denkmals bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Die Weismainer Kreuzkapelle, da ist sich Kreisheimatpflegerin Andrea Göldner sicher, wird auf alle Fälle einer der Programmpunkte im Landkreis Lichtenfels sein. "Wir waren schon immer europäisch!" betont Maria Bauer auf das Motto eingehend und erinnert an die Verbindungen der Meranier zur Burg Niesten und damit nach Weismain. Geplant sind an jenem Tag mehrere Führungen in der Kreuzkapelle sowie ein Mittagsläuten mit Meditation und ein Kaffeenachmittag, dessen Erlös der Kirchenverwaltung helfen soll, den erforderlichen Eigenanteil von fast 89 000 Euro zu erreichen. Insgesamt dürften sich die Sanierungskosten auf rund 410 000 Euro belaufen.


Europäisches Kulturerbejahr 2018

"Sharing Heritage" ist der Slogan des Europäischen Kulturerbejahrs in Deutschland. Das Gemeinschaftliche und Verbindende soll im Mittelpunkt stehen. Zugleich wird das Jubiläum 25 Jahre Tag des offenen Denkmals begangen. Passend zum Jahresthema lautet das Motto des Denkmaltages "Entdecken, was uns verbindet". Es geht darum, europäische Einflüsse aufzuzeigen, etwa auf länderübergreifend tätige Baumeister hinzuweisen. Der Tag des offenen Denkmals wird am 9. September bundesweit begangen. Auch im Kreis Lichtenfels wird es ein Programm geben. Die Weismainer Kreuzkapelle wird eine der Besichtigungsstationen sein.