Es ist wohl ein letzter lauer Septembertag und einer der Vorabende eines bedeutsamen Ereignisses: Bayerns Bars und Kneipen dürfen heute, am 19. September, unter Auflagen wieder öffnen. Und: Bei größeren Versammlungen draußen gilt bald eine Maskenpflicht. Alles in allem eigentlich ein Grund zur Freude und ein Datum, dem von Gastronomen überwiegend entgegengefiebert wird.

Aber hier im "Paunchy Cats", jener Lichtenfelser Musikkneipe, in der internationale Bands Station machen, ist das anders. Aus irgendeinem Fenster steigt Musik von Klaus Schulze und wirkt unterschwellig bedrohlich. Sie könnte auch aus einem David-Lynch-Film stammen und "sie spiegelt meine Gefühlslage", sagt der im Freien neben dem Eingang sitzende Wirt Sebastian Alsdorf (39).

Tatsächlich ist sein Blick auf den 19. September eher nüchtern, mit einer Spur von Ratlosigkeit. Der Mann lebt eine eigenwillige Situation und es kommt gerade alles zusammen. In wenigen Tagen wird er erstmals Vater werden, er hat einen Kredit für das von ihm gekaufte Haus zu bedienen, ist seit einem halben Jahr nahezu einkommenslos und sein Hauptberuf ist gerade nicht gefragt. "Ich war DJ und die braucht derzeit ja auch keiner, darfst ja nicht tanzen", sagt er über Corona. Wie es finanziell wann weitergeht, weiß Alsdorf noch nicht. Doch eines weiß er: Er wird am 19. September nicht öffnen. Wie lange haben Sie geschlossen?Sebastian Alsdorf: Seit dem 15. März, am 14. März hatte ich letztmalig offen. Wie ist die Stimmung unter den Wirten, spricht man sich gegenseitig Mut zu? Es kommt mehr Feedback von den Musikern als von Wirten. Da kommt eher mal ein Mail und ich unterhalte mich mit Kumpels aus USA. Gab es nach der Schließung einen Plan B? Der existierte mit dem Verkauf von Merchandising wie T-Shirts ja schon, aber es ist das Einzige, was über die Marke "Paunchy Cats" funktioniert, mal abgesehen davon, dass der Laden für private Feiern gemietet werden kann. Werden eigentlich die Bestände an Getränken schlecht, mussten Sie seit März Getränke wegschütten? Ich konnte viel zurückgeben, einiges selber trinken, vor allem Säfte. Aber 20 Prozent des damals vorrätigen Bieres konnte ich wegschmeißen. Sind seit März viele beruflichen Kontakte weggebrochen? Ich habe die über den Einkauf entstandenen Kontakte mit Tontechnikern und DJs gerade nicht. Die haben alle aktuell Probleme. Und dann ist da noch die Sache mit den Stammgästen ... Kommt allgemein betrachtet die Öffnung am 19. September zu früh oder zu spät? Dazu kann ich nichts sagen, ich bin da zwiegespalten. Ich denke, sie erfolgt undurchdacht. Am 19. September soll wieder offen sein, aber einen umfassenden Schriftsatz (zu Richtlinien) gibt es - meines Wissens - zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Was war Ihre erste Reaktion nach Bekanntwerden der Öffnung am 19. September? Ich habe investiert und Mobiliar gekauft. Für das Mobiliar habe ich Trennwände aus Plexiglas anfertigen lassen. Es ist jetzt komplett durchbestuhlt und es gibt keine Stehplätze. Für einen Barbetrieb ist das ungewöhnlich. Corona hat gezeigt, dass es zu einer Kaufzurückhaltung gekommen ist. Werden sich die Kneipen- und Barbesuche wieder auf den Vor-Corona-Stand einpendeln? Das kommt auf die Art der Gäste an. Konzertgäste warten ja nur darauf und wir haben den Konzert-Background. Man muss sich überraschen lassen. Vielleicht muss ich sogar neu anfangen, aber bevor ich den Laden an den Nagel hänge, verkaufe ich noch ne Niere. Warum bleibt am 19. September geschlossen? Der Staat erlaubt zwar die Öffnung, aber man darf keine Fehler machen. Man braucht ein Sicherheitskonzept (...), das von mehreren Türstehern überwacht wird. Die Musik im Laden darf nur Hintergrundmusik sein, weil es ja Barbetrieb ist. Aber wir sind eine Musikkneipe. Und du brauchst zwei Türsteher, um den Biergarten mit den Abstandsregeln im Griff zu haben. Aber ab einer gewissen Anzahl von Leuten und wenn Alkohol im Spiel ist, hast du das nicht mehr im Griff. Das ist der klare Menschenverstand, der dir das sagt. Die Verantwortung für den kleinsten Fehler und die Kosten sind so extrem, dass es unwirtschaftlich wird, zu öffnen. Das Gespräch führte Markus Häggberg.