Wo beginnen? Rudi Krug sitzt in seinem Wohnzimmer und geht sich erinnernd mal durch diese Zeit, mal durch jenes Ereignis. Hinzu kommt, dass für den 68-Jährigen so ziemlich "alles normal" ist, was einen Zuhörer staunen lässt. Aber wo beginnen? Beim Riesenrad? Bei den Rolling Stones? Oder bei der großelterlichen Schlangenfarm?

Rudi Krug öffnet die Tür. Der Mann ist groß. Er füllt den Türrahmen aus und lächelt freundlich. Seine Frau Henriette bittet zum Kaffee, und so durchschreitet man den Flur zum Wohnzimmer. Ahnenreihe - das ist das Wort, welches einem im Flur begegnet. An mehreren Gangseiten reihen sich in zwei Meter Höhe Bilderrahmen aneinander und bilden genealogische Linien.

Spätestens jetzt wird einem etwas zum Gastgeber klar: Der Mann ist in eine Tradition gestellt. Auf einem enorm großen Fernsehbildschirm ist eine alte Schwarz-Weiß-Fotografie zu sehen. Krug hat seine Sachen geordnet, hat Fotoalben digitalisiert und kann die Bilder in dutzendfacher Vergrößerung am Fernsehschirm aufrufen. Auf dem Tisch liegt ein dicker Ordner, und Krug bemerkt zu ihm mit leicht bayerischem Akzent, dass er dann und wann Gedichte schrieb.

Also wo beginnen? Plötzlich lässt Krug ein interessantes Wort fallen: Krinoline. Es ist die französische Vokabel für Reifrock, und ähnlich wie der ist diese alte Karussellart auch gebaut und verstrebt worden. Sich im Kreise hebend und senkend machte sie Menschen vor über 100 Jahren jauchzen, und eine solche Krinoline besaßen auch Krugs Vorfahren aus der einen Linie. Aber Krugs Traditionen reichen weiter zurück als 100 Jahre, viel weiter. Eine Spur führt ans Mittelmeer und zur Klärung eines Missverständnisses.

Die lange Ahnenreihe

Vater, Großvater, Urgroßvater, Altvater - Ahnenreihen bieten solche Begriffe. Eine Ahnenreihe Krugs setzt bei dem Begriff Obervater ein. Er ist der Opa eines Altvaters und in Krugs Fall heißt das, dass er 1780 geboren wurde. Der Vorname des Mannes ist unbekannt, der Nachname nicht. Horz hieß er und er tummelte sich rund ums Mittelmeer, weil er in Besitz einer aus Russland stammenden Seltenheit war, die sich zur damaligen Zeit mangels Eisenbahn nicht über Land verfrachten ließ.

Aber es gab Häfen und entlang dieser konnte man ziehen, entladen, aufbauen, abbauen, verladen und weiterziehen. "Der Obervater hatte aus Russland ein Rad mitgebracht", erklärt Krug und setzt einem auseinander, dass im Laufe der Zeit aus dem Wort Russenrad das Wort Riesenrad wurde.

Ein anderes Kuriosum findet sich entlang der Feldl-Linie. Feldl - das ist unter Schaustellern ein Begriff. Krugs Mutter war eine Feldl, und es ist interessant, wie es zu dem Namen kam. An seinem Beginn steht ein gewisser Fafschamps und der Begriff lässt aufhorchen, denn -champs ist die französische Entsprechung für Feld. Es kam zu einer Eindeutschung des Namens, die Hintergründe sind nicht ganz klar. Aber T.H.J. Fafschamps war ein Hauptmann mit Sinn für Konstruktionen, und gemeinsam mit einem Montigny brachte er 1851 die Mitrailleuse zuwege. "Das war ein Maschinengewehr noch vor der berühmten amerikanischen Gatling Gun."

Leider keine Zeitmaschine

"Ich würde mal gerne in eine Zeitmaschine steigen und zurückfahren um dabei zu sein", sinniert der gebürtige Münchener. Und obwohl sich der Mann mittlerweile eigentlich im Ruhestand befindet, spricht daraus eine ungebrochene Liebe zum Schaustellertum, seinem Wesen und auch seinen Anfängen. 1892 beispielsweise hatten seine Vorfahren auf dem Oktoberfest ein Velocipedum, ein Karussell, welches mit Beinmuskelkraft in Betrieb gehalten wurde. Oder die schwebende "Arche Noe's", von der gleichfalls eine alte Fotografie kündet.

An dieser Stelle fällt mir das Teufelsrad vom Oktoberfest ein, jene Drehscheibe, von welcher Menschen unter Lachen nach und nach abrutschen. Es tauchte mal prominent in einem spannenden Spielfilm auf und darauf angesprochen, schmunzelt Krug und hält fest, dass es entweder das seiner Eltern oder seines Onkels war.

Er tut es beiläufig, denn er selbst findet es ja nicht allzu erstaunlich. "Es gab immer wieder mal Dreharbeiten bei uns, so für Fernsehen und Nachrichten und so." Mit dem Teufelsrad, so erzählt Krug, ist er aufgewachsen. Es hat ihn begleitet, bis er 30 Jahre alt war. Dabei knipst er auf der Fernbedienung und so tauchen nacheinander weitere Karussells und Patriarchen seiner Familie auf, Mitarbeiter von einst, Onkel, Tanten, Großelterliche und seine Mutter.

Es fallen noch mehr Karussellnamen. Da wären eine Luftschiff-Schaukel namens Zeppelin, gebaut wohl bald nach 1900 und wohl auch nach familieneigenen Plänen. Zu sehen sind auch Losbuden und Besitzerstolz. Auf einem Foto stehen Männer schwarzweiß verewigt, und einer hält ein Schwungrad in Händen. Es gehörte zu einer Dampfmaschine, und wer hatte zu jener Zeit schon eine Dampfmaschine.

1,3 Millionen Besucher

Ein Bild macht besonders Eindruck. Es ist eine Fotografie einer "Schlangen-Farm" der Großeltern. 1 300 000 Besucher, so steht auf der Kulisse zu lesen, seien dort 1935 während der Weltausstellung in Brüssel eingelassen worden. "Meine Oma erzählte mir, da war eine Schlange, die konnte den Zoologen (ein Angestellter) nicht ausstehen (...) aber die war zu meiner Oma treu wie ein Hund." Die Oma, erzählt er weiter, habe die Schlange von quälenden Ekzemen befreit, das habe sie ihr nie vergessen.

Krug knipst weiter und nach und nach werden die Bilder bunt und die Fahrgeschäfte auch. Man ist jetzt in den 60ern, 70ern, die Ungetüme aus Stahl sind Einzelanfertigungen und wiegen 35 Tonnen. Aber mit denen hatte er ab 1974 dann auch weniger zu tun. Er begann mit dem Kandieren von Süßigkeiten und bekam einen Stand in der Olympiahalle. Dort erlebte er auch einiges: Pink Floyd, Fats Domino, The Who, Paul Simon, Tina Turner. Er sah Muhammad Ali boxen und brachte den Rolling Stones Süßes.

Früchte-Krug auf dem Schützenfest

Was sind Schausteller für Menschen? Rudi Krug braucht nicht lange nachdenken, um das zu beantworten. "Das sind arbeitsame Leute, die immer kreativ waren", lässt er wissen. "Ich habe gelernt, die Motoren zu zerlegen, ich habe Schweißen gelernt, Elektrik - man hat viel mit den Augen gelernt."

Das Auf und das Ab dieser Branche haben die Generationen der Linien Feldl und Hüttemann und jetzt auch Krugs auch zu spüren bekommen. Zwei Weltkriege machen etwas mit einem Geschäft. Dann zeigt Krug das Foto eines Grabes. Es liegt in bei Kreuznach, dort kam ein Opa 1935 unter die Räder einer Zugmaschine. Sein Sohn verunglückte im vergangenen Jahr, Glück im Unglück.

Was zur nächsten Frage führt - sind Schausteller Optimisten? "Ja klar, wenn ich kein Optimist wäre, würde ich die Flinte ins Korn werfen." Eigentlich habe er sich zur Ruhe setzen wollen, aber nun wird er doch noch ein wenig länger arbeiten.

Seit 1983 ist Früchte-Krug ein Begriff auf dem Lichtenfelser Schützenfest. Ohne ihn, so hieß es von allen Seiten, hätte es dieses Mini-Volksfest gar nicht erst gegeben. Er selbst war die Nummer 7 der Schausteller-Generationenfolge, seine Söhne Simon und Josef sind die Nummer 8. Es gibt viel zu erzählen.