Im Juni 1996, anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Gladbach-Fanclubs "Korbmacher-Mönche", gastierte Fußball-Bundesligist Borussia Mönchengladbach beim FC Michelau. 3500 Zuschauer kamen damals beim Freundschaftsspiel auf der Anlage der Korbmacher am Maindamm voll auf ihre Kosten. Elf Treffer, davon drei auf Seiten der Gastgeber, und eine Fohlenelf gespickt mit den Stars der damaligen Zeit. Angeführt von "Tiger" Stefan Effenberg, der das 2:0 erzielte, brachten Christian Hochstätter, Martin Schneider und Michael Sternkopf die Gladbacher schnell auf die Siegerstraße.

Aber auf das Ergebnis kam es natürlich nicht an, wie es Gladbach-Trainer Bernd Krauss nach dem Spiel zu Protokoll gab: "Der sportliche Wert ist natürlich gleich Null, aber uns geht es darum, raus zu unseren Fans zu gehen, uns volksnah zu zeigen. Wir haben noch Zeit, bis es in den Urlaub geht, da machen wir halt so eine Tingeltour. Dabei soll auch der Gegner seine Chancen bekommen und den einen oder anderen Treffer schießen. Das sehen wir nicht so ernst."

Gesagt, getan, dachte sich der damalige A-Klassist vom Obermain und hielt die Niederlage durch Treffer von Michael Marr, Michael Nemmert und Kai Zetzsche in Grenzen. Für die Fohlen netzten noch Carsten Nielsen und Jörg Neun ein.

Gerd Bergmann, seit Gründung in den 80er Jahren Vorsitzender des Fanclubs Korbmacher-Mönche, erinnert sich noch gut an die Partie. "Eigentlich wollten wir die Gladbacher schon 1995 zur 800-Jahr-Feier der Gemeinde Michelau zum Spiel einladen, da hat es aber nicht geklappt. Wir sind aber am Ball geblieben, so dass es im Jahr darauf zum Match kam", erzählt der 57-Jährige. Zusammen mit dem FC Michelau, in dem Bergmann ebenfalls Funktionsträger war (später dann und bis heute Vorsitzender) stellte der Fanclub die Organisation. Etwa 100 Helfer waren mit Einlasskontrollen, Ordnerdienst, Verkauf und dem Drumherum beschäftigt. "Finanziell hat sich das auf jeden Falle gelohnt", sagt Bergmann. Die Erlöse seien dann zwischen beiden Vereinen aufgeteilt worden. "Wir vom Fanclub haben uns unter anderem Trainingsanzüge gekauft." Der Kontakt mit den Profis war damals noch enger, die Abschottung der Stars nicht so wie in diesen Tagen. "Effenberg und Sternkopf wurden in der Pause ausgewechselt. Denen haben wir in die Kabine schon Bier und Bratwürste gebracht."

Trinkfeste Profis

Die Kontaktpflege der Fanclubmitglieder ging dann am Abend weiter. Die Mönchengladbacher waren im Kurhotel in Bad Staffelstein untergebracht. Die Korbmacher-Mönche waren zum Abendessen und beim Absacker in der Hotelbar dabei.

"Effenberg und die anderen waren ja damals trinkfest. Das ging bis morgens um 4 Uhr", erinnert sich Bergmann. Schließlich war die Saison für die Profis schon zu Ende. Da drückte dann auch Borussen-Trainer Krauss ein Auge zu. joe/us

Die Statistik

C Michelau -

Bor. Mönchengladb. 3:8 (1:4) FC Michelau: Lother (46. Angermann) - Lauer (46. Mario Wehner), Markus Wehner, Löffler, M. Marr (46. Pavel), Dietz, R. Marr, Schmitt (46. Pfaff), Zetzsche, Hornung (46. Stammberger), R. Wehner (46. Nemmert) / Borussia Mönchengladbach: Kaessmann - Hoersen, Schulz-Winge, Dreßen, Hochstätter (46. Kiv), Neun, Wynhoff (46. Krisnavic), Schneider, Effenberg (46. Krauss), Klasen (34. Kamps), Sternkopf (46. Nielsen) / SRin: Günthner (Bamberg) / Zuschauer: 3500 / Tore: 0:1 Hochstätter (12.), 0:2 Effenberg (19.), 0:3 Sternkopf (30.), 0:4 Schneider (34.), 1:4 M. Marr (37.), 1:5 Kiv (55.), 2:5 Nemmert (61.), 2:6 Nielsen (75.), 2:7 Nielsen (77.), 3:7 Zetzsche (79.), 3:8 Neun (84.)

Erinnerungen von Christoph Böger : Lieber ein Bierchen mit "Effe", als ein trockener Flachschuss von CR 7

Was war das für ein cooler Typ? Stefan Effenberg trug schon immer sein Herz auf der Zunge. Auf dem Platz ließ das "Großmaul" aber auch Taten folgen. Dreimal Deutscher Meister, Champions-League-Sieger. Oft genug durfte ich mich als Augenzeuge von seine längst ausgestorbene Führungsqualitäten überzeugen.

Zum Beispiel 2001 in Mailand: Gut, "King Kahn" hielt zwei Elfer, doch "Effe" war im Giuseppe-Meazza-Stadion der eigentliche Held des Champions-League-Finales. Der "Tiger" holte nach dem 0:1-Rückstand gegen den FC Valencia mit seiner außergewöhnlichen Siegermentalität den Rest der Bayern-Truppe aus dem Dornröschenschlaf. Der ungeliebte Kurzzeit-Nationalspieler, der gerne mal Polizisten und Arbeitslose beleidigte, öfter Eskapaden mit Frauen hatte, in Prügelattacken verwickelt war, den Führerschein wegen Alkohol abgeben musste und 1994 bei der Weltmeisterschaft grölenden, deutschen Fans den Stinkefinger zeigte und deshalb aus der Nationalelf flog, verwandelte nämlich nicht nur zweimal nervenstark vom Punkt, sondern peitschte die "Roten" mit einer von deutschen Fußballprofis bisher nie mehr erreichten Körpersprache förmlich zum Elfmeterschießen-Triumph.

Im April 2014 traf ich das "Mentalitäts-Monster" dann persönlich. Und zwar im Presseblock der Münchner Allianz Arena. Er war mitten unter uns. "Uns" - das waren seine "Freunde der Sonne", also die vielen Journalisten, die es selten gut mit dem Exzentriker meinten. Doch jetzt saß er plötzlich direkt neben mir. Im feinen Zwirn schimpfte er wie ein Rohrspatz über seinen Ex-Klub. Er war immer mittendrin, statt nur dabei. Als hätte er immer noch das Bayern-Trikot mit der Nummer 10 am Leib: Zweimal Ramos, einmal Ronaldo - die Bayern lagen 0:3 gegen Real Madrid zurück. Selbst für "Effe" eine aussichtslose Situation. Er rempelte mich in der 82. Minute kurz, aber heftig an: "Komm wir trinken drinnen lieber ein Bier"...

Jetzt verpasste ich zwar Ronaldos zweiten Streich - er verwandelte einen Freistoß aus halblinker Position mit einem trockenen Flachschuss unter den in der Mauer hochspringenden Bayern-Spielern hindurch zum 0:4 (90.) - doch CR 7 war mir an diesem Abend schnurzegal. Denn wer wird schon vom Tiger zu einem Bierchen eingeladen...