Rainer Hader geht die Stufen des Bahnhofs langsam hinauf. Obwohl wir verabredet sind, läuft er an mir vorbei. Sein Stock streicht über den Boden - links, rechts, links, rechts. Die Menschen drehen sich um, starren den Mann im blauen Hemd an. Er aber sieht sie nicht - kann sie nicht sehen. Rainer Hader ist blind.

Retinitis Pigmentosa (RP) heißt die Augenkrankheit, durch die er mit 15 Jahren sein Augenlicht verlor. Die Diagnose erhielt er mit acht Jahren. "Als hätte man mir einen Hammer auf den Kopf gehauen", erinnert sich der 42-Jährige an diesen Tag. Es war der 1. Mai 1984.


Augenärztin verschleiert Wahrheit

Rainer Hader betritt das Behandlungszimmer eines Oberarztes in der Erlanger Kinderklinik. Seine Geschwister und Eltern sind an seiner Seite. Die Familie denkt sich nichts Schlimmes - es war ja nur eine allgemeine Untersuchung. Seit er zwei Jahre alt ist, kämpft er mit seiner schlechten Sehkraft - seine Augenärztin verspricht ihm immer wieder: Es wird besser, wir kriegen das in den Griff.

Doch an diesem 1. Mai 1984 erfährt Rainer Hader, dass es nicht besser wird. Es wird schlimmer. "Mir wurde gesagt, dass ich irgendwann erblinde." Wann? Das weiß der Arzt nicht. Vielleicht morgen, in zwei Monaten, in fünf Jahren. "Es war ein Schock. Es wird einem klar, dass man sein ganzes Leben auf die Augenkrankheit ausrichten muss", erzählt er mit zittriger Stimme. Und während in der Nacht zum 1. Mai mit Feuer und Tanz böse Geister vertrieben werden, denkt der Mann aus Steinwiesen im Landkreis Kronach nur an das Behandlungszimmer, den Arzt, die Diagnose.


Eine Frau im Bistro in Lichtenfels sitzt gegenüber von Rainer Hader und mir. Sie schaut uns an und lauscht dem Gespräch, während er seinen Kuchen mit Löffel und Gabel isst.

1991 verschlechtert sich die Sehstärke des damals 15-Jährigen drastisch. Er besucht zu diesem Zeitpunkt die zehnte Klasse des Bildungszentrums für Blinde und Sehbehinderte in Nürnberg. Als auch noch Haders Vater ein Jahr später verstirbt, verliert er seinen Lebensmut. "Das Leben hat mich geprüft", sagt er. Nicht nur einmal, höre ich heraus. Der Tod seiner Mutter, die ihn überall hingefahren und unterstützt hat, berufliche Rückschläge und weitere Krankheiten: "Es kann doch nicht sein, dass das Schicksal einem ständig einen Strich durch die Rechnung macht", denkt sich Rainer Hader stets.


Doch er weiß auch: Diese Schicksalsschläge machen ihn zu dem Menschen, der mit Brille und kurz geschorenen Haaren in einem Bistro sitzt. Es sind auch diese Momente, die er mit anderen sehbehinderten und blinden Menschen in der Region Oberfranken teilt. Als Leiter der Monatstreffs Kronach und Lichtenfels begegnet er oft neuen Betroffenen. "Ich bin ein Mensch, der für andere da ist. Ich selbst komme immer zum Schluss." Egal, ob Betroffene ihre Krankheit nicht akzeptieren wollen oder sich aus persönlichen Gründen in einem Tief befinden: Der 42-Jährige steht ihnen bei, und das obwohl er selbst immer wieder von seinen eigenen Problemen eingeholt wird.


Beleidigende Kommentare

Und so muss er öfters unangebrachte Kommentare ertragen wie "Es wäre besser du wärst taub" oder "Was hast du denn da für einen Skistock?". Auch in seinem Heimatort, Markt Steinwiesen mit knapp 3400 Einwohnern, bekommt er solche Sätze zu hören.

Rainer Hader nimmt nur noch hell und dunkel wahr - ist somit nicht vollblind. Und doch: Von mir als Gesprächspartner macht er sich ein ganz eigenes Bild - es spielt sich nur in seinem Kopf ab. Ob es der Realität entspricht - eher nicht. "Ich kann erahnen, dass Sie hell gekleidet sind", erzählt er, wie er mich wahrnimmt. Mein T-Shirt ist dunkelblau - meine Hände vor dem Gesicht ineinander gefaltet.