"Die Kräuter waren mir wichtiger als mein Mann", sagt Lisa L. (Name von der Redaktion geändert). "Es fühlte sich an als wäre man in einer ganz anderen Welt, dabei war ich in Wirklichkeit tagelang oder wochenlang nur auf dem Sofa gelegen." Fünf Jahre waren sie und ihr Mann von Spice, einer drogenversetzten Kräutermischung, abhängig. Zudem konsumierten sie Crystal Meth. "Ich stand kurz vor der Kippe", gesteht die heute 34-Jährige. Sie entwickelte eine Psychose, hatte Panikanfälle und Verfolgungswahn. "Irgendwann hat es den Schalter umgelegt und wir entschlossen uns für den kalten Entzug." Kurz darauf sind sie freiwillig zum Drogenberater und haben das neue Therapieangebot in Hochstadt angenommen. Ein halbes Jahr sind sie nun dort - sie gehören zu den ersten, die die neue Therapieform durchlaufen.


Leichter Zugang, wenig Kosten

Seit etwa einem Jahr bietet die Suchtfachklinik eine spezielle Therapieform für Abhängie sogenannter Legal Highs an. Das sind synthethische Cannabinoide, die als Kräutermischungen, Badesalze oder Reiniger getarnt werden. Diese werden geraucht, geschnupft oder geschluckt. "Die Zahl der Patienten ist in den letzten Jahren gestiegen, die Dunkelziffer ist sehr hoch", erklärt Maximilian Straif, therapeutischer Leiter der Bezirksklinik Hochstadt.

Die Szene sei breit gefächert, so der therapeutische Leiter. Lisa L. bestätigt das. Sie hatte früher Kontakt zu Gleichgesinnten, darunter Beamte und Hausfrauen. Die Substanzen seien aus mehreren Gründen beliebt. "Nach der Arbeit hatte ich viel mehr Energie für den Haushalt, für Hobbys und war kreativer", erklärt die Patientin. Man habe einfach mehr geschafft.
Viele, so Straif, wollen die Mischungen einfach ausprobieren. "Das Gefährliche dabei ist, man weiß nie, was drin ist", fügt Lisa L. hinzu. Die Substanzen sind im Drogentest nicht nachweisbar. Andere suchen gezielt nach einer Alternative zu Cannabis, die günstig und leicht zu beschaffen sei. "Für 22 Euro habe ich die Kräutermischung im Internet bestellt, am nächsten Tag lag sie schon in der Post", sagt sie. Der Weg in die Sucht ist sehr einfach, der Ausstieg hingegen schwer.

Viele Abhängige haben den Weg aus der Sucht mit Hilfe der gängigen Therapieformen nicht geschafft, erklärt Straif. Die Droge ist besonders gefährlich, ein intensiver Konsum führt zur Lebensunfähigkeit. "Die Alltagsstrukturen gehen verloren, es treten Denk- und Gedächtnisstörungen auf, teilweise können sich Psychosen bilden", so Straif weiter. Neben den psychischen Folgen leiden manche Erkrankte auch an starken Krämpfen und Organschäden, die "bis hin zum Tod" führen. Ein wissenschaftlich gestütztes Therapiekonzept gibt es nicht. Straif und sein Team haben deshalb eine eigene Methode entwickelt, bei der die Hilfe der Mitpatienten gefragt ist.


Drei Therapiemodule

"Wir haben uns an den Symptomen der Suchterkrankten orientiert", erklärt er. Neben Pflichtkursen, wie zum Beispiel zur Prävention, besteht die Therapie aus drei Modulen. Diese können je nach Patient unterschiedlich stark behandelt werden. Ein Modul umfasst die Alltagshilfe. Dabei lernt der Patient, seinen Tag zu strukturieren und beispielsweise die Wohnung aufzuräumen. Die Patienten sollen sich untereinander helfen, Alltagsfähigkeiten wie beispielsweise Pünktlichkeit durch Weckdienste zu üben.
Das zweite Modul dient dazu, die kognitiven Fähigkeiten mit Hilfe von Computer-Programmen zu trainieren. Dies erfolgt mit Denk- und Konzentrationsspielen. Zuletzt folgt die Aufklärung über Psychosen und Krampfanfälle. "Die Betroffenen sind dankbar, wenn man auf diese Themen eingeht", bestätigt Straif.

Auch Lisa L. und ihr Mann sind dankbar. Die neue Therapieform war für sie sehr hilfreich. Seit mehr als einem halben Jahr sind beide clean. In zwei Wochen ist die Therapie vorbei. Wie geht es dann weiter?
"Wir sehen eine deutliche Verbesserung der Patienten, aber Langzeiteffekte kann ich noch nicht abschätzen", sagt Straif. Denn wirklich geheilt seien die Patienten nie. Das bestätigt die 34-Jährige: "Es ist ein lebenslanger Kampf mit der Droge." Sie war bereits für fünf Jahre clean - dann verfiel sie wieder ihrer Sucht. "Mir wurde eine Kräutermischung am Bahnhof einfach so geschenkt und in die Hand gedrückt", erklärt sie. Den Kontakt zu anderen Süchtigen hat sie mittlerweile abgebrochen. Ihr Arbeitgeber, ihre Familie und Freunde stehen hinter ihr, das motiviere sie, weiterzukämpfen.