Es ließe sich nun philosophieren, ob man den herkömmlichen Fan wirklich von Fanatiker ableiten sollte, da beim Rock im Wald in Neuensee eine extreme Toleranz und Open-Mindedness der Stonercommunity vorherrscht. Hier darf jeder sein was er will - ob Anhänger, Tiefgläubiger, Apostel, Prediger, Hardliner, Neugieriger oder nur Indieszenehineinschnupperer. Und genau dieser Mix macht die enorm lässige Stimmung und Atmosphäre aus.

Kinder, Jugendliche, Väter, Mütter, Omas, Opas haben eines gemeinsam: Sie huldigen dem Rock'n'roll und inhalieren den Hauch von Liebe und Lebensfreude. Jedenfalls sind alle Schäflein liegend, chillend, picknickend auf dem weichen Rasenteppich glücklich, entspannt oder in völliger Verklärung. In Selbstvergessenheit und Ekstase stampfen moschen, headbangen sie in unbändiger Begeisterung; an diesem Ort ist Stonermucke eine Lebensanschauung.

Selbst wenn sie für manche nur ein nettes Loslassen vom Alltag ist, hat sie ihren Zweck schon erfüllt. Das dürfen sich die Jungs von Orgateam und die ganzen ehrenamtlichen Helferlein und Ansiedler schon mal auf die Fahne schreiben. Und auch für das Futter , die Hygiene und die Krippen und Ställe und Unterstände ist wieder bestens gesorgt. Hier wird keiner bockig , ständig wird der Vorrat in Form von Spanferkel, Veggieauflauf, Pizza, Crepes usw aufgefüllt, der Duft von leckerem Essen liegt über dem Gelände.

Eingereiht in der Versorgungsschlange, die freilich umso kurzweiliger ist, mit je mehr Gleichgesinnten man sich austauschen und blöken kann. Die unmittelbare Nähe zum angrenzenden Zeltplatz, dem Wasch- und Toilettenhaus wissen auch alle zu schätzen."So genial und friedlich hier", bestätigt Tom aus Ingolstadt. "2000 Eier zum Frühstück am Samstag verbraten", bilanziert Urban Hofmann, der Begründer. Bei Eiern mit Speck zu 4,80 Euro ist Friede-Freude-Eierkuchen zur Wirklichkeit geworden. Love & Peace allenthalben, um den Aspekt Freundschaften nicht zu vergessen.

Wieviel neue hier schon entstanden sind oder alte wieder belebt, lässt sich sicher nicht zählen. Auch groß ist die Freude, als ein Pärchen aus der Oberpfalz da ist, das sich hier kennen und liebengelernt haben, und heuer ihre kleine Tochter zum ersten Mal dabei hat.

Den Augsburgern Matthias und Tim, zum vierten Mal hier, gefällt besonders der neue Motorradparkplatz mit Campen vor der Tür. Und viele loben das neue Rollstuhlpodest.

Dem nahenden Sturm hat man getrotzt, dank der Vielen, die alle Leinen fest und die Bühne dicht gemacht haben. Der Stadionrasensprenger lief stundenlang und überall genug Trinkwasser, um der extremen Hitze entgegenzuwirken.

"Back to the roots" hat man sich wohl beim 20. Jubiläum gedacht, und ihm zu Ehren hat sich sogar die Lieblingsband aus Bamberg der Veranstalter wieder vereinigt, und mehrere fränkische Bands geben heuer den Ton an. Dass sich die Frauenquote enorm erhöht hat, kam enorm gut an.

Die Bands:
Martialisch hymnisch rocken die vier Jungs von Blacksmoker aus Würzburg mit ihrem puren ehrlichen Sludge Rock die Bühne. Blondies geben von nun an den Ton an. Ganz zart und zierlich kommt die Sängerin Eva aus Erlangen mit ihrer Band Willow Child daher und verzaubert mit psychedelischem mystisch angehauchten Bluesrock. Von langem blondem Haar umweht, gewandet in transparentem schwarzen Feengewand hypnotisiert sie barfuß imit ihrer engelsgleichen Aura.

Und weiter geht's mit Frauenpower mit Spider aus Schweden mit ihrem Kraftpaket. Ann Sophie, die mit ihrem Mann John an der Gitarre Furore macht. Unvergleichlich ihr rasantes Tempo samt einzigartiger schweißtreibender Turnübungen.

Mehr Mädchen Rock'n'Roll geht nicht, als Thundermother, die nächsten der Schweden Connection, ihr Publikum mit satten Riffs und rau-rohen Stimmen überrollen. Das Publikum tobt bereits.

Endlich - die Griechen kommen! Köln, München, Dresden, und das kleine Neuensee stehen auf ihrer Tourliste. Sehnlichst hatte man auf die Psychedelic Stoner Rocker schon letztes Jahr erwartet . Die kompakten Jungs von 1000 Mods aus Chiliomodi bei Athen wirken trotz fließendem Schweiß losgelöst und treiben mit basslastigem Fuzzsound ihre Fans bis zum Austicken. Etwas ruhiger als gedacht, verlassen sie die Bühne. Auf Nachfrage erfährt man, dass auch Angehörige von der Feuerbrunst betroffen waren.

Direkt aus der Hölle transportieren Spidergawd in der Nacht des Blutmonds aus Norwegen ihre höllischen Beats. Der tiefkehlige Gesang und Pers Saitenspiel lassen das Publikum brodeln und schwitzen und das Gucken nach dem Naturereignis vergessen.

Das sind auch Stoned Jesus aus der Ukraine mit extrem harten Gitarrenriffs und brachialem Doom-Sounds.

Headbangend und völlig in Exstase machen die Fans die Nacht zur Götterdämmerung und vergöttern die Jungs von Mustach aus Göteborg mit ihrem charismatischen Sänger Ralf Gyllenhammar.

Wer jetzt noch nicht genug hat, macht im Partyzellt der Turbojugend weiter, wo jedes Jahr die Post abgeht bis zum Morgengrauen. Und trotzdem sind viele zum Frühschoppen am Samstag auf den Beinen oder liegend auf dem Rasenteppich und lassen es sich mit chilliger gutgelaunter Blues-Musik von Folk's Worst Nightmare gutgehen, einer Formation aus Nürnberger Musikern.

Als potenzielle Inkarnation von Thin Lizzy mischen am Nachmittag die Nürnberger Jungs von Midnight Steamers auf mit melodischem kraftvollen und zugleich ehrlichem zweistimmigen typischen Signature Sound.Was nicht heißen soll, dass sie nicht ihren eigenen Stil bewahren und sich auch an Zeitgenössischem aus Skandinavien bedienen.

Um 9.30 wurde die lässige Simmi von Devil Train aus Nürnberg angerufen, um für Church of the Cosmic Skull einzuspringen. Unaufgeregt, geradlinig ohne Schnörkel wickelt sie das Publikum um den Finger.

Unglaublich, wie zwei Menschen alleine alias Igmar und Claus-Peter von Beehover mit nur Bass und Schlagzeug solch außergewöhnliche Stoner-Doom-Mucke zelebrieren. Igmar spielt den Bass verzerrt und rifforientiert mit einem tiefen und brachialen Sound.

Eine irrsinnige Bühnenshow liefern Troubled Horse aus Örebrö Schweden ab, die ihre aufgescheuchten Pferde sprich Fans natürlich wieder heimbringen müssen: sehr lässig-relaxt mit folkigen Anleihen und einem wunderbaren Refrain ihr "Bring My Horses Home".

"Ich hab jetzt und hier Urlaub - ich fahr doch nicht auf die Bahamas oder Malle, da komm ich lieber zu euch" frohlockt Daniel von Eric Cohen. Die Kieler Jungs rauchen und trinken auf der Bühne Bier, was das Zeug hält und plaudern mit dem Publikum, was ihrer "New Wave" of German Rockmusic keinen Abbruch tut.

Was danach kommt, geht allerdings auf keine Kuhhaut. The Go faster Nuns aus Bamberg und extra für RIW nach zehnjähriger Pause wiedervereinigt, weil sehnlichst erwünscht, gehen mit dem Publikum auf eine aberwitzige originelle schräge Reise. Wie Rumpelstilzchen hüpfend, Instrumente zerstörend, in der Menge stage- divend mit originellen Kostümen und schnellen Punkbeats bringen sie die Fans zum Überschäumen.

Mit unverbrauchten ausgefeilten Gitarrensoli verewigen sich die jugendlichen Jungs von Vintage Caravan in ihrer engergiegeladenen überbordernden Schwitz-Headbang-Performance. Die Jungs aus Reykjavik/Island haben die Band im Alter von nur zwölf Jahren gegründet.

Wie im Rausch und beseelt sind die Menschen, als gegen Mitternacht die alten Szenehasen Orange Goblin mit schnörkellosen Hardrock dem Festival huldigen. Sie tauchen ein in die Menge, umarmen ihre Fans und geben alles - ein starker Abschluss.