Man ist platt und erstmal geflasht. Stoner-Rock live zu hören ist auch als nicht eingefleischter Fan gigantisch. Rock im Wald (RiW) ist mittlerweile Kult und das Festivalfeeling überirdisch, egal wen man fragt. Überhaupt ist in Neuensee mitten im Wald an diesem Wochenende alles wieder ziemlich abgefahren. Ein Kombiticket gibt's für schlappe 55 Euro, für zwei Tage beste Versorgung und Bewummerung. Wo gibt's denn sowas noch?

Kein Wunder, dass das Event bereits seit Monaten ausverkauft ist, "mehr als 2000 Leute gehen halt nicht, da gibt's keine Gewackel und auch keine Abendkasse mehr", so Oliver Neumann, einer von der Veranstaltungscrew. Bis zu 800 Bandbewerber habe man jedes Jahr. Unglaublich, dass das Ganze einmal aus einer Geburtstagsparty heraus mit einer Band entstanden ist. Die vielen Freiwilligen leisten aber auch Enormes. Die Musiker fühlen sich wohl und haben allesamt gecheckt, dass es sowas wie RiW kein zweites Mal gibt. "Rock im Wald is the best festival ever in the world", bestätigt Oso (Oskar Federmalm) von den "Truckfighters", die Superstars des Festivals. Klar lieben sie die große Familie, die sich hier um sie kümmert und natürlich auch das German Beer. Vereinzelte Schwedenbandmitglieder musste man zwar zu später Stunde aus dem Vereinsheim tragen - geschenkt.


Paradiesische Zustände

Überhaupt scheinen die schwedischen Bands die paradiesischen Zustände bei RiW besonders zu schätzen, da in der Überzahl. Total freundschaftlich, wie die miteinander umgehen, man respektiert sich und hüpft kurzerhand auch schon mal in den Gitarrenpart der Vorband (Oso übernimmt bei "Sraeckoedlan"). Da stehen die alten Hasen ("Deadheads") neben der Bühne und lobhudeln und drücken die Newcomer( "DeWolff") für einen geilen Gig. Hier läuft nichts aus dem Ruder, O-Ton eines Fans: "Keiner, der einem ans Zelt pinkelt", weil die Leute extrem gechillt und dankbar sind. Freilich ist die Stoner-Community genauso vertreten wie Kids, Freaks und "normale" Leute, die sich überraschen lassen, sogar Senioren weit über 80.

Die Liegewiese ist wie ein Teppich, das Gelände bewusst überschaubar, die Versorgungsstände super gelegen, der Zeltplatz gut erreichbar. Ein Frühstück für lau mit Eiern und Speck. Und eine Sau am Spieß mit Klößen und Sauerkraut wie von Oma gekocht. Selbst die Veggies kommen nicht zu kurz. Rundum ein großartig durchdachtes Konzept. Besser geht's nicht.

Was sich wie eine Werbeschrift anhört ist hier Reality: Alle Jahre wieder sind die Leute happy und freuen sich auf eine familiäre Party mit fetter Stoner-Mucke vom Feinsten. Aus Schweden, Norwegen, Island, Niederlanden, der Schweiz sind die Bands angereist, manche sind Wiederholungstäter, genauso wie die meisten Besucher.
"Himmlische Zustände, ich komme wieder", grinst der Mann aus Freiburg, den sein Freund aus München mitgeschleppt hat, in der Schlange vor dem Spanferkel. Man quatscht, selbst das Anstehen wird hier zum Genuss. Und im Partyzelt der Turbojugend geht die Post ab. Da mischen sich die Künstler dann auch unters normale Volk und genießen es sichtlich, nicht nur Musiker, sondern auch Mensch zu sein.

Ohne Gefackel, aber äußerst fulminant und bluesig eröffnen die Bamberger "Deviltrain" mit ihrer stimmgewaltigen Sängerin und Gitarristin - ihre Rockröhre ganz im krassen Gegensatz zu ihrer putzigen Schüchternheit. Es ist ein ehrlicher Sound und die "Einheimischen" freuen sich einfach hier zu sein.

Kleine Männer ganz groß, wenn die Energiebündel von "Scumbag Millionaire" aus Göteborg mit Donner und Doria ihre Riffs spielen. Ihre Fangemeine, direkt aus Schweden importiert, jubelt vorne schon ordentlich mit. Die Freundin des Drummers sei zwanzig Stunden mit dem Auto aus hinterhergereist und das erste Mal in Germany. Wenn das nicht Liebe ist - und ganz süß, wenn sie sich gemeinsam unters Volk mischen, ....und die großen "Deadheads" aus dem gleichen "Kaff" nacheifern, die ziemlich sophisticated und milchgesichtig daher kommen.

Besonders Mannes Miene macht auf unschuldig - und täuscht gewaltig- auf der Bühne mutieren sie beim explosiven "Deamons" zu Dämonen und überrollen das Publikum rocknrollmäßig mit "Out of here". Die charismatische Sängerin von Dool ist trotz einer Aura von Abgeklärtheit die Verkörperung von Inbrunst und Leidenschaft schlechthin. Mystisch-melodische Sounds wechseln erbarmungslos mit exzentrischen. Welch" eine Stimme - immer wieder im krassen Gegensatz von tief aber glockenrein und Reibeisen, alles im psychedelischen Gewand.

"Ach Gott sind die süß" kreischt eine 20 Jährige. Lauter Schnuckelchen. Im lustigen Mix aus Hippie-Vintage-Retro-Style spielen sie sich die Jungs von "Dewolf" aus den Niederlanden mit einem Hauch von Deep Purple die Seele aus dem Leib und in die Herzen der Fans. "Prost! I love German beer, I love German People" begrüßen sie das Publikum und sind die zweite Überraschung. Das Publikum labt sich an ihren kernig-knackigen bis sanften Metalhymnen und wenn sie mit ihm labern "you are so fucking great", frisst es ihnen beim letztem Rockn Roll aus der Hand. " So wie beim nächsten unvermuteten Festmahl, aufgetischt von "Zeal & Ardor" aus Basel. Verpackt in Hoodies stehen sie martialisch bei gregorianisch-archaischen Klängen auf der Bühne.

Spätestens als die Kapuzen vom Kopf fliegen, gibt es kein Halten mehr. Spastische Bewegungen unterstreichen die bizarr-spirituellen vertrackten Sounds der Songs "Lord" und "Blood of the Holy". Auch da täuscht die Vermummung - ganz liebe erleichterte Jungs verneigen sich "Wir haben ja nicht gewusst, was uns hier erwartet!" und die Menge johlt und moscht auf Teufel komm raus. Lange hat das Publikum gefiebert und ein letztes Mal wird es komplett geflasht von den langbeinigen rothaarigen Riesen aus Berlin "Kadavar". Die Legenden verzücken wie ein Blitzgewitter bis zur Ekstase und lassen sich frenetisch feiern. Der Drummer ist der Hammer.

Wenn "Tigers" Haare von zwei Ventilatoren durchgeschleudert werden, grölt die Menge "headbangend" und es ist wie ein überschäumendes Aufbäumen gegen die Nacht. Am Tag zwei liegt ein Vibe in der Luft, wie eine Verheißung, denn die Großmeister ihrer Zunft die "Truckfighters" sind im Anmarsch. Frenetisch werden aber auch die anderen Bands gefeiert. Die zartgliedrige süße Drummerin und Sängerin Stefanie entspricht so gar nicht dem Bandnamen "Brutus", aber brutal gut ihre Trommelsoli , ihre Stimmgewalt und die schnellen aber auch melodisch-psychedelischen Gitarrenriffs der Band mitunter mörderisch-balalaikamäßig gezupft. Ganz zart kokettiert sie nach dem ersten Song "thank you for staying, you are amazing".

Zum Suspicious Minds von Elvis stürmen die "Bloodlights" aus Schweden die Bühne, mit ihrem sahneschnittenmäßigen Sänger und Gitarristen, der ihm trotz punkigem Outfit unheimlich ähnlich sieht. Sein Deutsch ist charmant und charismatisch und genauso wickelt er die Ladys um den Finger. Beim Song "Addiction" gehen die Jungs ab wie eine Rakete und die Menge dreht völlig durch. Wenn Gitarrist Dango von Truckfighters harmlos in Shorts die Bühne betritt beginnt die Metamorphose zum Tier. Auch Ozo hat gerade noch so ruhig und entspannt seine Dehnübungen gemacht hat scheint wie ausgewechselt - eine einzigartige schweißtreibende Raubtier-Rumpelstilz-Känguru-Performance. Deren Sound ist brillant, wohl proportioniert, definiert - Profis eben. Gitarrist Dango schleudert seine Gitarre herum, spielt Soli im Nacken, legt mit Sicherheit mehrere km Strecke zurück. Das Publikum flippt völlig aus, kein Wunder.

Genial auch die Vielfalt der Genres von"70ger Jahre lassen grüßen" Rock von Horisont, dem brachialem Hardrock von Scraeckoedlan, dem schrägen Hardcore Punk von Death Alley und den sphärisch-archaischen Hymnen von Solstafir aus Island, die mit dem Publikum auch über die Krankheit Depressionen reden und spielen, nur die waren etwas zu laut und übersteuert. "Könnte mal bitte jeder realisieren, wie sich das Festival seit 1995 zum Kult mit immer ausgefeilterer Technik und Bespaßung weiterentwickelt hat." O-Ton meines Arbeitskollegen.