Schulkinder werden nach Hause geschickt, weil Lehrer fehlen - das kommt leider vor. Schulamtsdirektorin Stefanie Mayr-Leidnecker beobachtet die Entwicklung der Personalzuweisungen mit Sorge. In diesem Interview geht sie auf die Gründe ein und auf unliebsame Entscheidungen, die sie treffen muss.

Frau Mayr-Leidnecker, wie lange treibt Sie das Thema Lehrermangel schon um?

Stefanie Mayr-Leidnecker: Seit zwei, drei Jahren wird die Lehrerversorgung immer knapper.

Wie lässt sich das anhand von Zahlen aufzeigen?

Ruhestands- und Wegversetzungen sind in den letzten Jahren ziemlich gleich geblieben, die Zuweisungen aber weniger geworden. Zum Schuljahr 2018/19 haben wir zum Beispiel 29 neue Lehrkräfte bekommen, darunter zwölf Mittelschullehrer. Heuer haben wir 21 Lehrer zugewiesen bekommen, davon zwei für die Mittelschule. In diesem Bereich ist der Lehrermangel sehr ausgeprägt.

Dem ist dann beispielsweise die eCn-Klasse zum Opfer gefallen (eine spezielle Förderklasse für schwächere Schüler, um den Quali zu erreichen)...

Genau. Das war schon vorausschauend von mir in der vorläufigen Klassenbildung im Mai so entschieden worden. Aufgrund der sinkenden Schülerzahlen habe ich - natürlich in Abstimmung - auch noch eine siebte Klasse in Michelau gestrichen, in Bad Staffelstein keine zusätzliche M9 zugelassen, an der Herzog-Otto-Schule zwei siebte Klassen zusammengelegt. Sonst wäre die Klassenbildung im August mit den wenigen zugewiesenen Lehrkräften überhaupt nicht zu stemmen gewesen.

Wie viele Lehrer stehen denn überhaupt zur Verfügung?

Zirka 330, davon 73 Mittelschullehrer.

Wenn es insgesamt kleinere Klassen gibt, ist die spezielle Förderklasse nicht mehr ganz so dringend nötig, weil sich die Lehrer vor Ort besser um die betreffenden Schüler kümmern können - kann man das so sagen?

Das ist richtig. Das war auch eine Überlegung. Vor neun Jahren, als die eCn-Klasse eingeführt wurde, war auch die Arbeitsmarktsituation noch eine andere. Außerdem kamen oft Schüler aus anderen Landkreisen hierher, für die wir nicht unbedingt unsere Mittel ausgeben müssen. Wenn ich die Lehrer nicht habe, kann ich es mir leider nicht mehr leisten. Natürlich war der Aufschrei groß, aber es war die richtige Entscheidung.

Wie groß sind die Klassen im Durchschnitt?

Ich habe 3021 Schüler in 151 Klassen. Das heißt, im Durchschnitt sind an den Grundschulen 21 Kinder in einer Klasse, an den Mittelschulen 19. Ich bekomme vom Freistaat Bayern pro Grundschulkind 1,28 Lehrerstunden zugewiesen und pro Mittelschulkind 1,79. Ich muss aber winzigen Schulen viel, viel mehr Lehrerstunden zuweisen, weil ja auch in den kleinen Klassen alle Fächer abgedeckt werden müssen. Der Schule Lichtenfels Im Leuchsental weise ich zum Beispiel 1,57 Lehrerstunden pro Schüler zu. Der Grundschule Marktzeuln 1,71. Das muss anderswo eingespart werden. Kleine Schulen mit kleinen Klassen sind für Schüler und Lehrer schön, aber mir bereiten sie Probleme, weil ich es kaum schaffe, alle mit dem nötigen Personal zu versorgen. Der Landkreis Wunsiedel zum Beispiel hat genauso viele Schüler, aber vier Schulen weniger. Da spart man natürlich Lehrkräfte. Durch einen Schulverbund wie Michelau-Redwitz-Lichtenfels kann ich kleine Klassen ausgleichen. Deshalb mussten beispielsweise die neun Schüler aus der Siebten in Michelau nach Redwitz.

Solche Entscheidungen kommen aber vor Ort nicht gut an.

Natürlich nicht! Aber irgendwie muss ich die Kräfte einsparen. Ich habe auch schon einige Kollegen, die dafür in Frage kämen, vorgewarnt, dass ich im nächsten Jahr vermutlich Versetzungen von Lehrern aus dem Grund- in den Mittelschulbereich werde anordnen müssen. Hatte ich da Telefonate und Besuche (seufzt)! Auch örtliche Versetzungen sind häufiger nötig als früher. Es ist ganz schwierig, diese personellen Entscheidungen aus einem äußeren Zwang heraus treffen zu müssen, und ich kann den Unmut der Kollegen verstehen. Aber ich muss eben für jede Klasse einen Lehrer stellen. Diese Phase heuer im August war fürchterlich, und das wird nächstes Jahr noch schlimmer werden, nehme ich an.

War oder ist das Teilen von Klassen im Zuge der Corona-Schutzmaßnahmen in Ihrem Zuständigkeitsbereich ein Thema - wenn die Klassen ohnehin klein sind?

Ab einem Inzidenzwert von über 200 muss, wenn der Mindestabstand von 1,50 Meter nicht eingehalten werden kann, ab Jahrgangsstufe acht in Distanzunterricht gegangen werden. Wir haben ein paar große achte Klassen, die würde ich dann teilen müssen. Ab Mittwoch (16. 12.) findet ja ohnehin Distanzunterricht statt - wie zuvor schon bei Quarantäne-Anordnungen. Seit Beginn des Schuljahres waren mehr als 25 Klassen und 70 Lehrkräfte in Quarantäne. Der Lehrermangel zeigt sich auch hier: Ich musste schon viele Klassen daheim lassen, weil ich keinen Lehrer mehr hatte. Was bei der Lehrer-Zuweisung überhaupt nicht bedacht wurde, ist das absolute Beschäftigungsverbot für Schwangere in der Pandemie. Das heißt, die fallen sofort aus und nicht erst in ein paar Monaten.

Was ist eigentlich mit der mobilen Reserve?

Die ist vollkommen aufgebraucht, auch da gab es Ausfälle durch Schwangerschaften und Krankheit. Von 20 Personen stehen mir noch zwei zur Verfügung - und die sind logischerweise jeden Tag im Einsatz.

Was sind die Gründe für den sich zuspitzenden Lehrermangel an Grund- und Hauptschulen? Ist es die Bezahlung?

Ja. Das Einstiegsgehalt ist einfach viel niedriger als in den anderen Lehrämtern. Dort gibt es turnusmäßige Beförderungen, bei uns nur abhängig von einer Beurteilung. Hinzu kommt, dass die Schulart Mittelschule nicht in ist. Viele Eltern wollen sie nicht für ihre Kinder. Dabei sind es gerade im ländlichen Raum solide Schulen, die ganz tolle Arbeit leisten.

Hätten wir in den letzten Jahren nicht an die 20 Zweitqualifikanten gehabt, wäre der große Mangel schon eher eingetreten. Das sind Gymnasial- und Realschullehrer, die in diesem Bereich keine Aussicht auf eine baldige Anstellung haben. Sie können in zwei Jahren zum Grund- und Mittelschullehrer umschulen.

Es gibt also viel mehr Bewerber für das Lehramt an den weiterführenden Schulen.

Ja. Diejenigen, die wir umgeschult haben und jetzt beschäftigen, haben das Recht, binnen fünf Jahren an ihre ursprüngliche Schulart zurückzukehren. Das machen nun etliche, weil es im Bereich Gymnasium und Realschule zunehmend Angebote gibt, vor allem durch die Wiedereinführung der 13. Klasse im Gymnasium. Da springen uns jetzt halt wieder welche ab. Aber wir haben die letzten Jahre damit sehr gut überbrücken können.

Die Gründe für das Zurückwechseln sind aber nicht in den hiesigen Grund- und Mittelschulen zu suchen, oder?

Bei uns kriegen sie A12 und dort A13 (Besoldungsgruppe) und unterrichten weniger Wochenstunden. Da kann man sich dann einfach überlegen, was man macht.

Die an die Politik gerichtete Forderung der Lehrerinnen- und Lehrerverbände nach einer Angleichung der Bezahlung und Aufstiegschancen gibt es schon lange...

Die gibt es schon lange und es passiert nichts. Es sind einige beurteilungsabhängige Beförderungsämter für Lehrkräfte an Grund- und Mittelschulen geschaffen worden, doch Lehrkräfte weiterführender Schulen liegen da allein durch ihre turnusmäßige Beförderung im Vergleich nach ein paar Jahren wieder vorne.

Man kann also nur den Appell wiederholen?

Ja. Grund- und Mittelschulkräfte sind dringend gesucht, und es ist ein Beruf, in dem man Schüler prägt und besondere pädagogische Arbeit leistet.

Gibt es eigentlich auch Erfreuliches zu vermelden?

Dass ich tolle Schulleitungen hab', die wirklich aus dem Mangel das Beste machen und Lösungen finden, die jeweils vor Ort am tragbarsten sind. Wir haben ein gutes Miteinander.

Das Gespräch führte Ramona Popp