Es brauchte eine Stichwahl, um den neuen Bürgermeister von Redwitz zu finden. Jürgen Gäbelein (Unabhängige Bürger) setzte sich gegen den CSU-Kandidaten Christian Zorn durch und wurde Nachfolger von Christian Mrosek (CSU). Dafür gab er seinen Posten als Geschäftsführer eines Unternehmens auf, an dessen Gründung er beteiligt war. Darüber, wie der Übergang von der Wirtschaft in die Politik gelungen ist, spricht Gäbelein im Interview mit dem Fränkischen Tag.

Herr Gäbelein, wie haben Sie Ihren Einstieg als Bürgermeister erlebt?

Jürgen Gäbelein: Er war natürlich geprägt von Corona, ganz klar. Das hat einige Abläufe verändert. Dadurch, dass ich seit zwölf Jahren im Gemeinderat bin, ist mir die Arbeit der Gemeinde schon bekannt. Aber wir hatten ja am Anfang ein geschlossenes Rathaus ohne Publikumsverkehr, und ohne Veranstaltungen war die öffentliche Präsenz, die ja auch eine Aufgabe des Bürgermeisters ist, weitgehend eingeschränkt. Wir hatten zum Glück in der Gemeinde Redwitz keine größeren Vorfälle. Im AWO-Pflegeheim wurden sehr frühzeitig Maßnahmen getroffen. Wenn man etwas Positives aus der Situation ziehen will, dann, dass Corona die zeitlichen Freiräume geschaffen hat, um sich ein bisschen intensiver mit den Abläufen und den Mitarbeitern in der Verwaltung auseinanderzusetzen.

Was war für Sie die größte Umgewöhnung in Ihrer neuen Rolle?

Ich war vorher Geschäftsführer in einem kleinen Unternehmen und habe viel alleine entschieden. Hier hat man den Gemeinderat und die Kollegen aus der Verwaltung. Man entscheidet mehr gemeinsam.

Was sind aus Ihrer Sicht die derzeit größten Baustellen in der Gemeinde?

Da sind zum Beispiel die tatsächlichen Baustellen: Wir befinden uns seit Jahren in der städtebaulichen Entwicklung und arbeiten an der Reaktivierung des Ortskerns, der doch sehr verloren war bis vor einigen Jahren. 2019 haben wir einen ersten großen Meilenstein umgesetzt, den Neubau des Bürgerhauses am Marktplatz. Da läuft aktuell mit der Neugestaltung des ganzen Marktplatzareals die Folgemaßnahme. Das wird noch bis Ende des Jahres dauern. Hinzu kommt der Bau einer Wohnanlage mit 18 Wohneinheiten durch einen privaten Investor. Das ist ein gutes Zeichen. Denn die Städtebauförderung zielt darauf ab, mit staatlichen Mitteln für einen Auftakt zu sorgen, damit dann drum herum weitere Dinge passieren, auch aus privater Hand. Und das können wir hier in Redwitz schon beobachten. Ein weiteres Projekt ist ein Baugebiet in Trainau. Das ist eine große Aufgabe, denn wir haben in der Gemeinde seit 20 Jahren kein Baugebiet mehr erschlossen. Es hat 22 Parzellen, und für Anfang 2021 ist die Erschließung geplant.

Welche Ziele haben Sie außerdem, die derzeit vielleicht noch gar nicht in Planung sind?

Ich komme ja aus der Wirtschaft und möchte die Zusammenarbeit mit Unternehmen mehr in den Vordergrund stellen. Wir haben einen großen Industriepark, aber es gibt durchaus noch Möglichkeiten, die Fühler nach weiteren Gewerbeansiedlungen auszustrecken. Ein anderer Punkt ist das Image der Gemeinde im Hinblick auf touristische Aktivitäten. Da haben wir schon ein paar kleine Dinge anzubieten, wie unser Biotop, die durchaus touristisch attraktiv sind. Man kann als nördlichste Gemeinde im Landkreis generell auch mal ein bisschen über den Tellerrand schauen und grenzübergreifend denken. Besonders wichtig ist mir aber, ein Miteinander in der Kommune zu schaffen. Mit der konstituierenden Sitzung haben wir das auf den Weg gebracht. Meine Mitbewerber sind jetzt beispielsweise mein Zweiter und Dritter Bürgermeister. Ich will Dinge gemeinsam auf den Weg bringen. Der Wahlkampf hatte schon gezeigt, dass wir alle die gleichen Themen sehen, die wir als Kommune vor der Brust haben. Für November ist jetzt eine gemeinsame Gemeinderatsklausur geplant, wo wir uns mal zurückziehen für anderthalb Tage, die Köpfe zusammenstecken und Ziele formulieren. Zum Beispiel müssen wir mit dem Bau der B173-neu umgehen. Das ist eine Chance, sich weiterzuentwickeln. Dafür müssen wir die Voraussetzungen schaffen. Wir haben außerdem ein Freibad, das sanierungsbedürftig ist. Ebenso unser Schulhaus. Die Sicherung des Schulstandorts ist ein wichtiger Punkt, deswegen muss auch da mit Fördermitteln investiert werden.

Gab es in den ersten 100 Tagen einen Moment, der Sie richtig aufgeregt hat?

Nein, richtig aufgeregt habe ich mich nicht. Es nützt auch nichts, sich über Dinge extrem aufzuregen. Man muss schauen, dass man gemeinschaftlich Kompromisse findet und Lösungen erarbeitet. Sich irgendwo aufzureiben, bringt nichts. Sonst schwelen Dinge ewig, und man kommt nicht vorwärts. Die Aufgaben gehen ja nie aus.

Gab es ein richtiges Highlight?

Ich fand es schön, wie die konstituierenden Sitzungen ausgegangen sind. Wir haben den Wahlausgang in allen Gremien abgebildet, und es wird seriös und vernünftig zusammengearbeitet. Das war mir wichtig. Für mich steht Parteipolitik auf kommunaler Ebene überhaupt nicht im Vordergrund. Ich bin außerdem auch im Rathaus sehr offen und positiv aufgenommen worden. Das Gespräch führte

Jann Weckel.