Die Demographen beschreiben das Phänomen seit Jahren: Die Lebenserwartung des Einzelnen steigt, unsere Gesellschaft wird im Schnitt älter. Das bedeutet, dass altersbedingte Krankheiten zunehmen. Auf vielfältige Weise kann der Mobilitätsminderung entgegengewirkt werden. Gebäude werden barrierefrei zugänglich gemacht und Bürgersteige erhalten nach und nach durchgehende Leitsysteme für Sehbehinderte. Doch auch intelligente technische Geräte können den Alltag Sehbehinderter erleichtern.

Der Staffelsteiner Optikermeister Thomas Junge gehört dem Patienten-Selbsthilfeverein Pro Retina an. Das ist ein bundesweiter Zusammenschluss von Menschen mit Sehbehinderungen und von Fachleuten, die sich helfend einbringen möchten. Neben Betroffenen, Optikern und Ärzten gehören nicht nur ältere Menschen dem Verein an, sondern auch Eltern von Kindern, die unter Sehbehinderungen leiden.

Gründung im Januar

Thomas Junge möchte in Bad Staffelstein einen Pro Retina-Gesprächskreis ins Leben rufen. Eigentlich war das bereits für November vorgesehen, doch die Pandemie kam dazwischen, so dass die Gründung auf Januar verschoben wurde. "Wir versuchen ein Netzwerk aufzubauen und oberfrankenweit Leute zu finden, die sich einbringen können", sagt der 53-Jährige.

Dabei gehe es um ganz praktische Hilfen für den Alltag: Wie wird das künftige Leben organisiert? Was passiert bei Dienstunfähigkeit und Gehaltsausfällen? Wo erhält man Zuwendungen? Welche baulichen Verbesserungen an meinem Wohnort erleichtern mir das Leben?

Ergänzung zum Blindenbund

Der Gesprächskreis soll dazu führen, dass ein Kreis ehrenamtlicher Helfer entsteht, sagt Junge. Das sei keine Konkurrenz zum Blindenbund, nur eine Ergänzung. Pro Retina möchte Betroffenen sowohl regionale Ansprechpartner zur Seite stellen, als auch die wissenschaftliche Ursachenforschung voranbringen. Der in Bonn ansässige Verein habe es sich zur Aufgabe gemacht, als Sponsor einen Beitrag zur Erforschung von Krankheiten und Entwicklung wirksamer Therapien zu leisten.

Sein Part als Optiker sei es, fährt Junge fort, über Fehlsichtigkeit zu informieren und zu beraten, was korrigiert werden kann oder muss. Das könne mit Brillengläsern geschehen, um besseres Sehen und Laufen zu ermöglichen. Zudem gebe es Lupen, Fernrohr-Lupenbrillen sowie Digitallupen mit Vorlesefunktion, die einen Text in Sprache umwandeln. Die Beratung des Optikers erstrecke sich darauf, den Vergrößerungsbedarf individuell zu ermitteln und zu prüfen, welche Zuschüsse von der Krankenkasse zu erwarten sind.

Verletzungsrisiken minimieren

Andere Experten von Pro Retina könnten zum Beispiel Tipps zur Barrierefreiheit geben oder dazu, wie Geschäftsräume optisch mit Neonstreifen oder farblichen Kontrasten sicherer gemacht werden. In der Staffelsteiner Bahnhofstraße, deren letzter Abschnitt in den nächsten Jahren neu gestaltet werden soll, sei ein Leitsystem für Sehbehinderte sehr wichtig, sagt Thomas Junge.

Bei einem in den Gehweg integrierten Leitsystem sind Platten mit Riffelung oder Noppen im Pflaster verlegt. Für Sehbehinderte, die beim Laufen auf einen Langstock angewiesen sind, bilden diese Profile eine enorme Erleichterung.

Leitsysteme bieten Sicherheit

"Für Menschen mit Sehbehinderung sind solche Leitsysteme ein absoluter Vorteil. Sie erhöhen die Lebensqualität, weil sich die Leute dadurch sicherer fühlen", sagt Walter Mackert, der Seniorenbeauftragte der Stadt Bad Staffelstein. In der Stadt sei die "Homburger Kante" bereits bei den ersten drei Bauabschnitten der Bahnhofstraßen-Sanierung eingebaut worden. Solche ein- bis dreizeiligen Pflasterreihen geben Menschen, die beim Gehen einen Stock einsetzen müssen, bessere Orientierung. Auch Platten mit Noppen und Rillen seinen bereits verlegt. Sehbehinderte könnten so mit dem Stock ertasten, wo ein Gehsteig zu Ende ist oder ob sie auf ein Hindernis zulaufen.

Kurbereich besitzt ein Leitsystem

Im Kurbereich, wo solche Steine seit einigen Jahren verbaut sind, werde das Leitsystem gut angenommen, sagt Mackert. In seiner Sprechstunde (jeden zweiten Mittwoch im Monat in den Räumen des Quartiersmanagements "In der Heimat wohnen") stelle er fest, dass die Zahl der Menschen mit Sehbehinderung zunimmt. Deshalb sei es wichtig, abgeflachte Bordsteine zu verlegen, wo immer das möglich ist. Der Stadtrat und die Stadtverwaltung nähmen alle Anregungen und Verbesserungsvorschläge ernst, um Hindernisse auf Gehwegen zu beseitigen.

In die Planung neuer Straßen und Wege sei der Behindertenbeauftragte stets mit eingebunden, fährt Mackert fort. Heute werde stets an Senioren sowie Geh- und Sehbehinderte gedacht, wenn eine Straße saniert oder neu gebaut wird. Bei alten Straßen versuche die Stadt, sukzessive nachzurüsten. Wo das verkehrsrechtlich möglich sei, mache der Bauhof das selbstständig.

Für die letzten beiden Bauabschnitten der Bahnhofstraßen-Sanierung plane die Stadt mit hoher Sensibilität behindertengerechte Gehwege ein. Das Sanierungsprojekt soll im nächsten Jahr in Angriff genommen werden, was zeitlich jedoch vom Fortschritt der jetzt laufenden Ausschreibungen abhänge.

Die "Homburger Kante" sei ein Leitsystem, das von Sehbehinderten angenommen werde, sagt Mackert. Die Kante werde jedoch nur dann angewandt, wenn es aus bautechnischen Gründen erforderlich ist. In den bisher umgestalteten Abschnitten der Bahnhofstraße war ein anderes Leitsystem aus Platzmangel nicht überall umsetzbar.

Platten erleichtern das Gehen

Der Denkmalschutz befürworte inzwischen auch in historischen Altstädten solche senioren- und behindertengerechten Lösungen, ergänzt Mackert. Heute würden statt der Pflasterung auch Gehwegplatten genehmigt, die zum Stadtbild passen.

Ein gutes Beispiel sei der barrierefreie Zugang am Seitenportal der Basilika Vierzehnheiligen. Hier seien Platten ins Pflaster integriert, die Rollstuhlfahrern und Rollatornutzern den Zutritt erleichtern. Doch auch Kinderwagen rollen auf solchen Platten besser als auf Pflastersteinen, wie ihm Eltern immer wieder bestätigten.

Die Stadt, sagt Walter Mackert, könne nicht alles von heute auf morgen machen, was wünschenswert sei. Nach und nach würden aber die Gefahrenpunkte entschärft und Gehwege an die Erfordernisse behinderter Menschen angepasst. Um zu erfahren, wo Sehbehinderte oder Senioren im Alltag Probleme haben, fänden regelmäßig Ortstermine statt. Die dabei gesammelten Anregungen würden aufgenommen, nach Lösungen werde gesucht.

Tätigkeitsbereich von Pro Retina und Kontakt

Netzwerk Pro Retina Deutschland e. V. wurde 1977 als Deutsche Retinitis Pigmentosa-Vereinigung von Betroffenen und deren Angehörigen mit der Absicht gegründet, sich selbst zu helfen. Jedes Mitglied kann sich einer der Regionalgruppen anschließen, die über das ganze Bundesgebiet verteilt sind. Pro Retina hat zur Zeit ca. 6000 Mitglieder. Sie unterstützen sich gegenseitig in ihren verschiedenen sozialen, beruflichen und privaten Herausforderungen. Sie machen sich auf vielfältige Art gegenseitig Mut, helfen sich bei praktischen Alltagsfragen und bewältigen gemeinsam ihre Erkrankung.

Vereinsarbeit Die Arbeit des Vereins lebt vom ehrenamtlichen Engagement seiner Mitglieder, die sich für Menschen mit Netzhautdegenerationen einsetzen. Pro Retina versteht sich als Gemeinschaft, in der sich jedes Mitglied seinen Fähigkeiten gemäß beteiligen und etwas bewirken kann. Der Vorstand, die Fachbereichsleiter und Berater, die Regionalgruppenleiter und alle Aktiven arbeiten ehrenamtlich, so dass die Verwaltungskosten gering bleiben.

Kontakt Der Optikermeister Thomas Junge erteilt gerne nähere Auskünfte zum Netzwerk Pro Retina. Er ist zu erreichen unter Telefon 09573/5520 oder E-Mail info@optiker-junge.de red