Vor einigen Monaten waren in vielen Unternehmen Vorbehalte gegen Homeoffice weit verbreitet. Der Mitarbeiter ist nicht im Büro präsent und daher kaum zu kontrollieren. Das könne ja nur zu Lasten der Produktivität gehen. Zudem müssen zuvor die technischen Voraussetzungen geschaffen werden. Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Schutzmaßnahmen haben vielen Firmen aber kaum noch eine andere Wahl gelassen, um ihren Betrieb aufrecht zu erhalten. Nach mehreren Monaten zeigt sich nun: Die Erfahrungen fallen positiv aus, und Corona könnte die Arbeitswelt nachhaltig verändert haben.

"Wir werden nie mehr in den früheren Zustand zurückkehren", sagt Manfred Gawlas, Leiter der Abteilung Unternehmenskommunikation und Pressesprecher der Baur-Gruppe aus Burgkunstadt. Homeoffice habe es bei Baur zuvor schon gegeben und die Handhabung sei in jeder Abteilung unterschiedlich gewesen. Doch Corona zwang die Firma zu einem drastischen Schritt: "Es konnte nur weitergehen, weil innerhalb von wenigen Tagen 1100 Mitarbeiter aus der Verwaltung ins Homeoffice umgezogen sind", berichtet Gawlas.

Testlauf vor dem Ernstfall

Ein Punkt, der in der Vergangenheit einige Firmen vor Homeoffice zurückschrecken ließ, waren die Kosten für das Equipment. Damit die Mitarbeiter von zuhause oder von unterwegs so arbeiten können, wie im Büro, braucht es entsprechende Hard- und Software. "Wir hatten die Infrastruktur schon, das war unser großer Vorteil", sagt Gawlas und berichtet von der Generalprobe des Massen-Homeoffice: "An einem Freitag haben wir unsere Technik gecheckt, und gesagt: ,Leute, geht mal nach Hause, fahrt alles hoch, und testet, ob es klappt.'" Bedenken habe es zwar gegeben, "aber es hat hervorragend geklappt".

Und so sieht Baur für die Zukunft das Homeoffice als Chance. "Neun von zehn Mitarbeitern fühlen sich damit wohl und geben auch die Auskunft, dass sie im Homeoffice produktiver sind. Wir hätten nie gedacht, dass es so gut klappt. Natürlich vermissen die Mitarbeiter den sozialen Austausch. Andererseits genießen sie auch die Vorteile." So entfällt beispielsweise der Arbeitsweg.

Schicht statt Heimarbeit

Allerdings ist Homeoffice nicht überall praktisch umsetzbar. Im Landratsamt Lichtenfels war es "relativ schwierig", sagt Pressesprecher Andreas Grosch. "In gewissen Bereichen haben wir es ermöglicht", sagt er, doch es sei nicht so gewesen, dass die "normale" Arbeit dann von zuhause erledigt worden wäre. "Das war dann eher Aktenstudium." Denn die Arbeit im Amt sei mit einer klassischen Verwaltung nicht zu vergleichen. "Der Bürger erwartet, dass jemand vor Ort ist und sich seinen Problemen annimmt." Zudem seien gerade zu Beginn des Lockdowns sehr viele Mitarbeiter direkt mit der Corona-Thematik befasst gewesen, zum Beispiel der Krisenstab, der sich täglich traf. "Was wir gemacht haben, ist die Führungskräfte mit Tablets auszustatten, damit sie zumindest am Wochenende das eine oder andere zuhause erledigen konnten." Ansonsten setzte man im Landratsamt auf einen Zwei-Schicht-Betrieb, um zu entzerren.

Auch bei Baur war das Arbeiten von zuhause nicht in jedem Bereich so einfach möglich. Für die Logistik mussten andere Lösungen her: "Es gibt da auch gewisse Tätigkeiten, wo Leute nahe nebeneinander arbeiten", sagt Manfred Gawlas. Der Krisenstab, den die Firma bereits im Februar einrichtete, musste sich zu Beginn der Krise etwas einfallen lassen: "Wir haben die Situation analysiert, die Arbeitsplätze genau angeschaut und Kontakte entzerrt. Das war ein riesiger Aufwand. Aber wir konnten unter der Maßgabe von ganz weit greifenden Hygiene- und Schutzmaßnahmen weiterarbeiten."

Von den Behörden habe es Lob für das Konzept bei Baur gegeben. Zwar lief es nicht komplett störungsfrei, aber doch zufriedenstellend: "Wir hatten eine Handvoll positiver Fälle, die Gott sei Dank glimpflich abgelaufen sind." Auf den Erfolgen dürfe man sich aber nicht ausruhen: "Es gibt alles andere als eine Entwarnung. Wir sind noch mittendrin."

Mode kaum gefragt

Was die Arbeit bei Baur angeht, war neben dem "Wie" auch die Frage nach dem "Was" ein großes Thema. "In der zweiten Märzhälfte gab es eine Schockstarre im gesamten Handel, auch online. Ein massiver Rückgang der Nachfrage. Wir haben umgehend reagiert und zusätzliche Aktionen aufgesetzt", sagt Gawlas und berichtet von interessanten Entwicklungen im Kaufverhalten der Kunden: "Es hat sich herausgestellt, was die Kunden jetzt brauchen. Was nicht läuft, sind hochmodische Textilien. Was gut läuft, ist alles, was die eigenen vier Wände schöner macht." Dazu zählen Möbel, Handwerkerbedarf oder Produkte für den Garten. "Technik läuft auch sehr gut. In der Summe ist es eine recht erfreuliche Entwicklung." Gerade der Onlinehandel gilt als einer der Gewinner der Corona-Krise.