Man sitzt zusammen, man hat ja Zeit. Was irgendwie idyllisch klingt, ist an diesem Freitag an der Thüringer Straße auch eine Ärgerlichkeit für Andrea Fuchs und ihren Mann Bernhard. Denn eigentlich wären die Schausteller Fuchs jetzt ganz schön unterwegs, hätten Hochsaison und Einkommen. Aber Corona lässt das nicht zu.

Und trotzdem hat man nicht verlernt zu scherzen. Eine erfrischende Stimme, eine junge Stimme, eine fröhliche noch dazu. Das ist der erste Eindruck, den man von Andrea Fuchs erhält, sobald man sie ans Telefon bekommt. Die Verabredung klappt und ja, sie möchte darüber reden, was Corona mit Schaustellern macht. Oder was die Politik zu Corona mit Schaustellern macht. Aber sie bettet dies ein in Heiterkeit und so ist von Verbitterung keine Spur. Jeden Freitag und jeden Samstag ist man bis auf Weiteres an dieser Adresse in Ebensfeld zu finden.

Tropfen auf den heißen Stein

Jetzt ist es Freitag und es ist 17 Uhr. Eine junge Frau nähert sich dem Süßigkeitenstand der "Süßen Hexe", bestellt zweimal Banane mit Schokoglasur und rundet beim Bezahlen kulant auf. Was nach Einnahme klingt, ist ein Tropfen auf den heißen Stein, erklärt Andrea Fuchs. Der Ton, den sie dabei hat, ist freundlich und mit einer Spur Humor. Den braucht sie auch, denn die Kundin von eben war erst die vierte innerhalb der vergangenen drei Stunden. "Wir kommen vom Verkauf, wir sind an der Front - da will keiner schlechte Laune sehen."

Betritt man das hiesige Gelände, zu dem eine Lagerhalle gehört, kommen einem so Gedanken. Beispielsweise der, wonach doch das Naturbad gleich in der Nähe ist. Doch an Sommertagen, wenn nicht gerade Kirchweih oder Schützenfest ist, drängt es die Menschen eher zu Eis als zu gebrannten Mandeln, Lebkuchenherzen, Popcorn, Crêpes oder Zuckerwatte, erklärt Andrea Fuchs.

Wie ein kleines verlassenes Dorf

Sie erklärt auch den Ort, denn man steht hier nicht zentral, es ist ja nicht so, dass das hier der Marktplatz wäre. Eine große Lagerhalle steht hier. Seit Jahreswechsel haben Fuchs' in ihr und um sie herum ihren Fuhrpark stehen: Zugmaschine, eine aufklappbares Autoscooter-Bahn mit Hydraulik, ein Lkw-Hänger mit den dazugehörigen Fahrzeugen drin, eine Kinderschiffschaukel, eine Losbude, zusammengefaltet und zu einer Art Zirkuswagen in sich verräumt. Wie all die Fahrzeuge so nebeneinander stehen, wirken sie trotz Sonnenscheins wie ein kleines verlassenes Dorf.

"Das ist der Chef von einem stillstehenden Betrieb", äußert Andrea Fuchs, deutet schmunzelnd auf ihren etwas entfernt sitzenden Mann und führt in die Halle hinein, wo eine Art langgezogener Wohnwagen steht und wo auch all das in den Regalen zu bemerken lagert, was zu dieser Zeit an Spielsachen und Stofftieren an treffsichere und losende Besucher vergeben worden wäre. Wenn es denn Kirchweihen gäbe, wenn es denn Schützenfeste gäbe. "Auf Kirchweih sind wir bekannt - seit Generationen", so die Frau. Sie hat eine rote Schürze um und zählt all die Feste und Kirchweihen auf, an denen Fuchs' präsent gewesen wären: Da wäre ein traditionelles Bratwurstfest gewesen, da wäre eine Kirchweih hier, ein Tagesmarkt dort, da wäre ein Kart-Event fürs ganze Wochenende in Sonneberg. Und man hätte seinen Autoscooter in Ellwangen (Baden-Württemberg) stehen gehabt. Sieben, acht einträgliche Termine, ohne die man nun auskommen muss. Wenigstens eine Dorfkirchweih sollte doch erlaubt sein. "Wer ist denn auf einer Dorfkirchweih? Das sind ja doch die Leute, die ich im Baumarkt treffe und mit denen ich im Supermarkt eh schon zu tun hatte - die kommen ja nicht aus USA oder Bolivien." Sie sagt das alles darum, weil Freizeitparks zu Pfingsten aufmachen durften. Doch Schausteller werden mit Großveranstaltungen in Verbindung gebracht und Großveranstaltungen gibt es jetzt nicht. Doch abgesehen vom Finanziellen bringt der Lockdown für Großveranstaltungen noch etwas mit sich, nämlich dass "durch den Ausfall von Veranstaltungen auch langjährige Bekanntschaften brachliegen".

Ende Juni in Rattelsdorf

Gemeint sind damit Kollegen und Stammkunden, denen man auf Kirchweihen begegnet wäre. Einen "kleinen Lichtblick in Aussicht" habe man dennoch, nämlich Ende Juni in Rattelsdorf. Mit zwei Verkaufswagen wird man dort auf dem Marktplatz stehen. Ab September sei wieder mit mehr Festen zu rechnen. Doch wie viel Saison ist dann noch übrig? Seit Mai ist der Stand hier offen. An Freitagen von 14 bis 18 Uhr, an Samstagen von 10 bis 14 Uhr. Im April habe man sogar mal mit einem Lieferservice von Süßigkeiten angefangen. Wirtschaftlich kann das kein Erfolg sein, aber der Zuspruch und die Freude der Menschen habe einen "menschlichen Erfolg" dargestellt, weil "man sieht, dass man was richtig gemacht hat". Dann erzählt Andrea Fuchs von freundlichen Gesten und Aufmerksamkeiten, die dem Unternehmen entgegengebracht werden. "Was ich jetzt sehr viel habe, ist Trinkgeld. Die Leute sind jetzt mehr Trinkgeldgeber." Höhepunkt dieser Erfahrung sei ein Beamter gewesen, der um rund fünf Euro aufgestockt habe und eine nette Begründung mitlieferte: "Ich bin Beamter, mich betrifft die Corona-Krise überhaupt nicht, und ihr sollt auch leben."

Schausteller sind Alleskönner

Dass das mit dem Leben klappt, ist auch ein wenig dem Umstand geschuldet, dass Schausteller so ziemlich alles können. Von der Elektrik über die Kfz-Reparatur. Das spart im Falle eines Falles Reparaturkosten. Und sie selbst, so Andrea Fuchs, habe Einzelhandelskauffrau gelernt und im Speditionswesen gearbeitet - auch das helfe. Aber trotz allem stehe unterm Strich das Minus. "Gewerbesteuer kriegt der Staat heuer von uns keine", sagt sie.