"Wer heute auf Azubis verzichtet, dem fehlen morgen die Fachkräfte", sagt Michael Grundl. Er ist Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) für die Region Oberfranken. Die Gastronomie war vom Lockdown aufgrund der Corona-Pandemie mit am härtesten betroffen, Einnahmen brachen weg. Der Normalzustand ist in Restaurants und Hotels immer noch ein ganzes Stück entfernt. Doch auch andere Branchen stecken in der Krise. Da liegt die Befürchtung nahe, dass in vielen Betrieben im Jahr 2020 auf neue Auszubildende verzichtet wird.

Tatsächlich haben aktuell deutlich weniger Schulabgänger schon eine Ausbildung in der Tasche als üblich. "Wir hängen mit den Ausbildungsabschlüssen um 25 Prozent zurück", sagt Matthias Klar, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Bamberg-Coburg. Ein Grund dafür ist, dass während der Corona-Krise kaum Vorstellungsgespräche stattgefunden haben. "Da hat jetzt aber eine Aufholjagd begonnen", sagt Klar.

Denn die gute Nachricht für den Raum Lichtenfels ist: Es mangelt nicht an Ausbildungsplätzen. Hochgerechnet kommen auf 100 Jugendliche 248 Lehrstellen. "Wer noch auf der Suche ist, hat also mehr als gute Chancen. Die Ausbildungsbereitschaft ist weiterhin hoch."

Förderung für Ausbildungsplätze

Dafür hatte die Bundesregierung einen Anreiz geschaffen: Nach den Beschlüssen der Großen Koalition bekommen kleinere und mittlere Betriebe, die im Zuge der Coronakrise Umsatzeinbußen von mehr als 60 Prozent verzeichnet haben, einen Zuschuss von 2000 Euro für jeden nicht gestrichenen Ausbildungsplatz. Wer zusätzliche Azubi-Stellen schafft, erhält pro Platz 3000 Euro. Das hatte laut Matthias Klar allerdings erst einmal dazu geführt, dass in manchen Betrieben schon zuvor abgeschlossene Ausbildungsverträge zurückgenommen werden sollten - aus Angst, die Förderung zu verpassen. "Es geht aber nicht darum, wann der Antrag gestellt wurde, sondern wann Ausbildungsbeginn ist."

Baubranche auf der Suche

Relativ schadlos ist bisher die Baubranche durch die Corona-Krise gekommen. Daher ist dort der Bedarf an Auszubildenden zum September hoch. "Wir brauchen junge Leute", sagt Wolfgang Schubert-Raab, Geschäftsführer der Ebensfelder Baufirma Raab und Präsident der Bayerischen Baugewerbeverbände (BBV/LBB). "Wir kämpfen damit, dass in den nächsten zehn Jahren rund ein Sechstel der Beschäftigten im Baugewerbe in Rente gehen kann." Das sei zwar in erster Linie der Demographie geschuldet und in anderen Branchen nicht anders, doch Nachwuchs ist dringend nötig.

Zuletzt sei die Branche recht erfolgreich dabei gewesen, junge Menschen für sich zu gewinnen. Die Zahl der Lehrlinge im Baugewerbe lag in Bayern 2019 bei 8209 - rund 5,4 Prozent mehr, verglichen mit den vergangenen zehn Jahren. "Wir haben es also geschafft, mehr Lehrlinge zu uns zu holen" - obwohl die Zahl der Mittelschüler immer weiter zurückgeht. "Und das ist in der Regel das Klientel, das sich für das Baugewerbe interessiert."

Auch im Raum Lichtenfels sind Ausbildungsberufe im Baugewerbe vor allem bei männlichen Schulabgängern beliebt. "Jungs wählen eher technische Berufe, Mädchen eher kreative", sagt Matthias Klar. "Jungs schauen außerdem eher nach Jobs, mit denen man die Familie ernähren kann."

Im Baugewerbe sei das durchaus der Fall, sagt Wolfgang Schubert-Raab: "So mancher Mitarbeiter am Bau kann sich im Vergleich mit anderen Branchen durchaus sehen lassen." Schließlich gebe es nach der Ausbildung eine Menge Weiterbildungsmöglichkeiten, zum Beispiel zum Meister oder Bautechniker samt Studium an der Fachhochschule. Zulagen, wie Urlaubsgeld oder Verpflegungszuschuss, würden das Gehalt weiter erhöhen. "Nach oben ist Luft ohne Ende. Wir liegen ja schon beim Mindestlohn relativ hoch." Der liegt im Baugewerbe für Fachkräfte in den alten Bundesländern bei 15,40 Euro in der Stunde.

Schon in der Ausbildung sei die Branche aber sehr lukrativ, sagt Schubert-Raab. Mit monatlich 1475 Euro brutto im dritten Ausbildungsjahr steht sie im Vergleich an der Spitze. "Das ist kaum bekannt." Allerdings: Über 30 Prozent der Auszubildenden verlassen nach der Ausbildung den Betrieb. Viele bleiben der Branche zwar erhalten, so mancher kehrt ihr aber auch den Rücken. "Ich denke, das passiert in anderen Teilen der Wirtschaft genauso", sagt Schubert-Raab. Schade sei das dennoch - für beide Seiten.

Praktika helfen weiter

Daher gilt es, eine wohlüberlegte Entscheidung zu treffen, was die Berufswahl angeht. "Berufspraktika sind sehr wichtig, weil man die Arbeitsrealität kennenlernt", sagt Schubert-Raab. Doch auch die Betriebe nutzen die Praktika, um die potenziellen Azubis einzuschätzen. " Natürlich ist das schwer nach ein paar Tagen. Die besten Praktika sind die mit regelmäßigen Praxistagen."

Bietet eine Schule das an, arbeitet der Schüler über einen gewissen Zeitraum einen Tag in der Woche im Betrieb und hat sonst regulär Unterricht. "So lernt er verschiedene Witterungen und verschiedene Baustellen kennen. Man ist einfach länger im Thema. Diese Schüler sind am sattelfestesten in ihrer Entscheidung."

Für einen Berufsstart in der Baubranche sei es hilfreich, wenn man gerne körperlich und an der frischen Luft arbeite. Zudem seien Teamwork und handwerkliche Begabung gefragt. Auch eine Begeisterung für Maschinen könnte ein Hinweis auf eine Zukunft im Baugewerbe sein. Er wolle zwar niemandem von einer Zukunft in der Branche abbringen, aber: "Wenn man sich das alles anschaut, und da nichts dabei ist, dann sollte man die Finger davon lassen."