Die hundert Tage hat Erich Günther gewiss nicht im Kalender markiert. Der Zeitraum, nach dem üblicherweise in öffentlichen Ämtern eine erste Bilanz gezogen wird, ist schon verstrichen, als dieses Gespräch stattfindet. Ein erfahrener Polizeibeamter wie er mit rund 40 Dienstjahren, der zuvor schon Führungsaufgaben mit Personalverantwortung inne gehabt hat, hat mit Übernahme der Dienststellenleitung in Lichtenfels auch nicht wirklich Neuland betreten. Sprechen wir also über das, was ihm an seiner Arbeit wichtig ist, über Veränderungen in der öffentlichen Wahrnehmung und aktuelle Aufgaben.


"Viel Psychologie"

Für ihn sei es eine normale Tätigkeit, betont Erich Günther. Die Wertigkeit sei ihm durch freundliche Gratulationen dazu aus dem privaten Umfeld hier im Landkreis besonders vor Augen geführt worden. Man habe sich mit ihm gefreut. So positiv eingestimmt möchte der neue Polizeichef auch auf andere zugehen.
"Polizeiarbeit, das ist viel Psychologie", sagt er. Bürgernähe ist ihm wichtig, dass die Beamten aus seinem Team respektvoll auftreten, dass aber ihnen in Ausübung ihres Dienstes ebenso Respekt entgegengebracht wird. Nicht erst seit Einführung des neuen bayerischen Polizeiaufgabengesetzes wird die Arbeit von Polizisten auch kritisch beäugt. Welche Befugnisse haben sie - und welche nicht? Was im Bezug auf die eigenen Persönlichkeitsrechte manchem zu viel erscheint, wird in anderem Zusammenhang als zu lax angesehen. "Muss erst etwas Schlimmeres passieren, bis die eingreifen?" hält man den Strafverfolgungsbehörden dann vor. Tatsächlich sei man in mancherlei Hinsicht nicht mehr auf Augenhöhe mit Straftätern gewesen, findet Erich Günther. Auf eine politische Diskussion oder Bewertung des neuen Gesetzes will er sich nicht einlassen. Er drückt sich aber nicht um eine persönliche Einschätzung.


Über das neue Gesetz

Es war aus seiner Sicht notwendig, das Gesetz höchstrichterlichen Weisungen anzupassen und der Polizei damit adäquate Werkzeuge an die Hand zu geben. Da sich viele Leute deswegen Gedanken machen, hält er es für besonders wichtig, genau zu informieren. "Ich bin mir sicher, dass wir uns in einem guten rechtsstaatlichen Bereich bewegen."
Erich Günther hat in der Einsatzzentrale, die längste Zeit aber bei der Kripo in der Bekämpfung von Drogendelikten und organisierter Kriminalität gearbeitet. Sein technisches Interesse konnte er beim Aufbau einer europaweiten Ermittlerdatenbank einbringen, die zu einer besseren Vernetzung verhalf. "Das hat Spaß gemacht", sagt er rückblickend. Die Vielseitigkeit der Aufgaben kam seinem breit gefächerten Interesse (privat schraubt er gern an Oldtimern, kommt aber kaum dazu) und seinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn entgegen. Die Belastungen, die es im Leben eines Polizisten gibt, haben seine positive Grundhaltung ganz offensichtlich nicht ins Wanken gebracht.
Bei der beabsichtigten Einführung einer Sicherheitswacht im Landkreis möchte er die Öffentlichkeit von Anfang an einbinden. Im Juli wird er Grundsätzliches dazu in der Dienstbesprechung der Bürgermeister erläutern. Seit über 20 Jahren gibt es dieses Instrument bürgerschaftlicher Unterstützung für die Polizei in Bayern, und "diejenigen, die es haben, sind zufrieden damit", wie der Polizeichef betont. Er selbst habe die Einbindung Ehrenamtlicher anfangs kritisch gesehen, räumt er ein. Man brauche fundiert ausgebildete Polizisten und keine Ersatz-Polizei. Als solche sei die Sicherheitswacht aber auch nicht gedacht. Vielmehr sollten bodenständige, integre Menschen zusätzliche Ansprechpartner in den Orten sein.


"Keine Ersatz-Polizei"

Durch ihre Präsenz können sie unter Umständen mehr erfassen als eine vorbeigeschickte Streife in einer Momentaufnahme. Etwa bei wiederkehrenden Problemen an bestimmten Stellen im Straßenverkehr. Der Dialog vor Ort ist wichtig, findet Erich Günther, der die Sicherheitswacht inzwischen positiv sieht und das auch vermitteln möchte: "Sie ist ein Baustein, um das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung zu stärken".

Transparenz ist dem neuen Polizeichef nach außen genauso wichtig wie nach innen. Seine Mitarbeiter sollen über alle relevanten Hintergrundinformationen verfügen und wissen, dass er für sie ein offenes Ohr hat. Einfühlungsvermögen gehört aus seiner Sicht zu den Voraussetzungen, um Menschen gut führen zu können. Wegen der silbernen Sternchen an seiner Uniform brauche niemand vor ihm in Ehrfurcht erstarren, meint Günther. Im Team biete er das Du an. Wenn die Kollegen über ihn sagen würden: "Der Chef, der gehört zu uns", dann entspräche das seinem Rollenverständnis.