In Losau wurde vergangene Woche in der Nacht von Donnerstag auf Freitag auf einer ortsnahen Koppel ein Pony angegriffen und schwer verletzt. Seitdem steht der Verdacht im Raum, dass es sich dabei womöglich um eine Wolfs-Attacke gehandelt haben könnte. Während manche, die Tier und Tatort begutachtet haben, das durchaus für möglich halten, sich aber nicht öffentlich äußern wollen, schließt der verständigte Wolfsbeauftragte dies in einer Ferndiagnose aus und hält einen wildernden Hund für den Täter. Die Beteiligten sollen am besten gar nichts zu dem Thema sagen, wird ihnen immer wieder von verschiedenen Seiten nahegelegt. Doch einen Maulkorb wollen sich nicht alle verpassen lassen, weshalb wir die Geschichte hier trotzdem erzählen können.

Doch was war eigentlich passiert? Silke Settmacher hat fünf Pferde, vier Shetlandponys und einen Isländer. Im Sommer stellt sie ihre Herde ab und zu auf eine Koppel, die am Losauer Ortsrand direkt zwischen Wohnhäusern und angrenzendem Wald liegt. Am Freitagmorgen wird sie von einer Nachbarin darauf aufmerksam gemacht, dass irgendetwas passiert sein müsse und sie sich doch einmal umschauen soll. Als die Pferdebesitzerin zur Weide kommt, erlebt sie eine böse Überraschung. Zwei Ponys sind ausgebrochen, der Leithengst "Carlos" ist schwer verletzt, ein weiteres Pferd hat einen kleinen Biss, und alle Tiere sind völlig verstört und in Panik.

"Ich bin zuerst von einem Hund ausgegangen, an einen Wolf habe ich gar nicht gedacht", so Silke Settmacher. Sie sei dann aber von jemandem darauf hingewiesen worden, dass das durchaus das Werk eines Wolfs gewesen sein könnte. Das Vorgehen war äußerst aggressiv. Das Tier - Hund oder Wolf - hat sich vielleicht unter dem Zaun der Koppel durchgegraben, zumindest gibt es entsprechende Spuren, von denen man aber nicht sagen kann, ob sie aktuell oder schon älter sind. Die Verletzungen an dem 24-jährigen Hengst sind jedenfalls enorm. "Er hat die Herde verteidigt", weiß die Besitzerin. Carlos hat am ganzen Körper Blessuren - tiefe Bisse an den Fesseln, am Auge, am Nacken und im Bereich der Kehle. "Er schaut übel aus", sagt Silke Settmacher, die bis vor kurzem nicht wusste, ob das Pferd durchkommt.

Bisse dieser Art sind hochinfektiös. Weil die Besitzerin das weiß, hat sie die Wunden gleich großflächig gesäubert und desinfiziert. Im Nachhinein betrachtet ein Problem, denn so können keine Abstriche mehr gemacht werden, um die Wunden auf mögliche Wolfs-DNA untersuchen zu lassen.

Silke Settmacher hat den Fall der Polizei gemeldet, die Ermittlungen aufgenommen hat. Beamte der Stadtsteinacher Inspektion haben sich den Tatort und das verletzte Pony angesehen - unter anderem den Abstand der Reißzähne gemessen - und die Ergebnisse an den Wolfsbeauftragten weitergegeben. Der habe einen Wolfsangriff ausgeschlossen mit der Begründung: "Ein Wolf beißt nur einmal." Die Polizei geht deshalb von einem wilderndem Hund aus. "So einen Fall hatten wir hier noch nicht in den letzten Jahren", heißt es von Polizeiseite.

Die Beamten haben auch das Kulmbacher Veterinäramt verständigt. Das ist in solchen Fällen aber gar nicht zuständig, wie Leiter Andreas Koller erklärt. Vielmehr greift bei einem vermuteten Wolfsangriff das Wildtiermanagement "Großer Beutegreifer" des Bayerischen Landesamtes für Umwelt (LfU).

Dort ging am Montagnachmittag die entsprechende Meldung des hinzugezogenen Wolfsberaters ein, der Mitglied des bayernweiten LfU-Expertennetzwerks "Großer Beutegreifer" ist. In dem Losauer Fall sei er nicht vor Ort gewesen, weil er aufgrund der Wundversorgung keine DNA-Probe mehr hätte entnehmen können. Letztendlich seien die Untersuchungen zu derartigen Vorfällen immer ein Indizienprozess. Für den Wolfsberater war in diesem Fall der Biss-Abstand ausschlaggebend, "der war viel zu klein für einen Wolf".

Auf der Homepage des Umwelt-Landesamtes kann man sich einen Überblick über das Thema Wolf in Bayern verschaffen. So wird dort auch Buch geführt über die Sichtungen und nachgewiesenen Fälle. "Seit 2006 konnten in Bayern mehrfach einzelne Wölfe nachgewiesen werden. In der Regel sind dies einzelne durchwandernde Tiere, die ihre Elternrudel entweder aus dem süd-westlichen Alpenbogen oder aus Polen und Nord-Ost-Deutschland verlassen haben. Darüber hinaus gibt es in Bayern in fünf Regionen standorttreue Wölfe", heißt es auf der LfU-Homepage. Das sind der Bayerische Wald, der Veldensteiner Forst, der Truppenübungsplatz Grafenwöhr, die Rhön und der Manteler Forst. Zwar gibt es beim Wolfs-Monitoring bisher keinen Kulmbacher Fall, aber gesicherte Nachweise aus den Nachbarlandkreisen sind auf der LfU-Homepage aufgeführt. So für den 1. Mai in Bayreuth (Fotobeweis), für den 2. Januar in Hof (Speichelprobe) und für den 28. Dezember in Kronach (Foto).

"Ich bin keine Wolfsgegnerin", sagt Silke Settmacher, die sich selbst im Tierschutz engagiert. Aber sie wüsste schon gern, welches Tier ihr Pony Carlos so zugerichtet hat, und findet, dass man offen mit dem Thema Wolf umgehen sollte. Zumindest sollten alle Tierbesitzer informiert werden, meint sie, damit sie sich um entsprechende Schutzmaßnahmen für ihre Freilandhaltung kümmern können - egal ob nun ein wildernder Hund oder ein Wolf sein Unwesen in der Gegend treibt.

Tipps für die Begegnung mit einem Wolf

Der Wolf reagiert auf den Anblick von Menschen vorsichtig, aber er ergreift nicht immer sofort die Flucht. Oft zieht sich das Tier langsam und gelassen zurück. Falls doch eine Begegnung stattfinden sollte, sind folgende Regeln zu beachten:

- Laufen Sie nicht weg. Wenn Sie mehr Abstand möchten, ziehen Sie sich langsam zurück.

- Falls Sie einen Hund dabeihaben, sollten Sie diesen anleinen und nahe bei sich behalten.

- Wenn Ihnen der Wolf zu nahe erscheint, machen Sie auf sich aufmerksam. Sprechen Sie laut, gestikulieren Sie oder machen Sie sich anderweitig bemerkbar.

- Laufen Sie dem Wolf nicht hinterher.

- Füttern Sie niemals Wölfe - die Tiere lernen sonst sehr schnell, menschliche Anwesenheit mit Futter zu verbinden und suchen dann eventuell aktiv die Nähe von Menschen.

Zäune und Herdenhunde zum Schutz

Der Wolf nutzt die für ihn am leichtesten zugängliche Nahrung. Deshalb müssen vor allem Schafe, Ziegen, Kälber und Pferde auf Weiden und Koppeln geschützt werden. "Wolfszäune sind auf jeden Fall ein Thema", sagt Frank Schenkel von "Frankenstall" aus Welschenkahl. Der Stall-, Hallen- und Zaunbauer hat entsprechende Elektro-Weidezäune im Landkreis Bayreuth schon errichtet, in Kulmbach noch nicht. Der Landkreis Kulmbach gehört allerdings auch nicht zum staatlich festgelegten Weideschutzgebiet, das sich laut Schenkel in einem bestimmten Umkreis rund um Grafenwöhr erstreckt. In diesem Bereich mit nachgewiesenem Wolfsvorkommen bekommen die Weidehalter vom Staat finanzielle Unterstützung im Rahmen des Förderprogramms "Herdenschutz Wolf". Beispielsweise werden damit die Kosten für den Bau von wolfssicheren Zäunen oder die Anschaffung von mobilen Ställen zu 100 Prozent übernommen.

Einer, der so einen Wolfszaun gebaut und einen entsprechenden Förderantrag gestellt hat, ist Norbert Böhmer, der in Plankenfels (Landkreis Bayreuth) eine Muttertierhaltung mit Direktvermarktung betreibt. Seit 2009 hat er immer wieder gerissene Kälber in seinem Bestand. Beim ersten getöteten Kalb ging er noch von einem wildernden Hund aus - kurz danach sah der Jagdpächter einen Wolf - , die anderen Kälber seien nach und nach einfach verschwunden, lediglich Leichenteile seien dann später in den umliegenden Wäldern aufgetaucht. Einen Abstrich der Bissstellen mit anschließender Untersuchung auf Wolfs-DNA habe es aus diesen Gründen nie gegeben.

Norbert Böhmer ist sich sicher, dass er "mitten drin" lebt im Wolfsgebiet. Neben dem Zaun setzt er deshalb für die Sicherheit seiner Weidetiere zusätzlich noch auf Herdenschutzhunde.