Es gibt im Deutschunterricht eine Aufsatzart, die heißt: "Ein Gegenstand erzählt aus seinem Leben". Eine Fantasiegeschichte aus der Perspektive von Frühstückstasse, Mathebuch, Zahnbürste oder Mountainbike.

Ihre Pointe ist immer, dass die Sachen nach glanzvollen Tagen in einem dunklen Keller, auf dem Dachboden oder sogar auf der Mülldeponie landen. An diesen Aufsatztyp fühlt man sich erinnert, wenn man sich bestimmte Fälle von Kunst am Bau betrachtet.

1965 wird Hans Lewerenz mit der Bemalung des Speisesaals der neuen Wohnanlage der Arbeiterwohlfahrt an der Johann-Brenk-Straße beauftragt. Der Künstler entscheidet sich für Motive, die vielen Bewohnern des Hauses gegenwärtig sind und zur Tradition der Stadt gehören: Gregori, Bierfest, Büttnertanz.


Wunderbar herausgeputzt


Für eine besondere Farbwirkung und Plastizität bedient er sich der Enkaustik - der antiken Wachstechnik, bei der Farbpigmente heiß auf den Maluntergrund aufgetragen werden. An der Eingangsseite setzt er einen Mädchenzug des Gregorifests in Szene. Die Mädels sind wunderbar herausgeputzt mit Blumen im Haar, Bänderkronen, bunten Kränzen und Blumenkörben.

Die Wand gegenüber ist männlicher Zurschaustellung vorbehalten: Von links sprengt ein Reiter mit bäumendem Ross heran. In der Mitte ein Spielmannszug, der deutliche Züge der Knabenkapelle trägt mit ihrem legendären Dirigenten Leopold Schott. Rechts sind die Büttner zu ihrem Zunfttanz angetreten.


Schotten-Poldi überspachtelt


Die illustren Szenen sind leider beim Umbau des Speisesaals zur Betriebsküche vernichtet worden - die Wand mit dem Gregorifest wurde herausgenommen, der Poldi verspachtelt und mit einer Holz- und Spiegelverschalung überdeckt.

Aufblasbare Silikonpuppen? Die neue Barbie-Kollektion? Neon Rauchs Entwurf für den nächsten "Ring" in Bayreuth? Die frechen, ziemlich mysteriösen Keramikfiguren hat Lewerenz 1954 für die AOK-Hauptgeschäftsstelle an der Hardenbergstraße modelliert. Bis zur Sanierung des Gebäudes 1980 waren sie an der Wand links des Eingangs befestigt. Der Sohn des Künstlers, Jan Lewerenz, kann ihr Rätsel lüften: Es ist die Demontage von Autoritäten, der Bildersturm, der seinen Vater bewegt hat.


Vom Sockel gestürzt


Besonders beschäftigt hat ihn, dass an der Außenfassade des Chors der Kulmbacher Petrikirche die Figurennischen leer sind: Die Heiligen sind von ihren Sockeln gestürzt worden - nicht anders als einst die antiken und auch germanischen Götter.

Lewerenz stellt seine AOK-Figuren als ein buntes, heidnisch-christliches Völkchen dar. Die Herabgestoßenen haben den Staub abgeschüttelt und eine profane Aufgabe im Gesundheitswesen übernommen. In der Mitte stehen drei der Götter in Weiß - Ärzte mit Stethoskop, Tablettendose und Äskulap-Schlange. Umrahmt werden sie links von der Mutter Gottes, rechts vom Göttervater Thor mit seinem Donner-Hammer.

Neben Maria steht Hygiea, die Göttin der Heilkunst, auf der Midgardschlange. Bei der Sanierung des Gebäudes um 1980 werden die Gestürzten ein zweites Mal gestürzt und im Keller deponiert. Dort lagern sie noch heute, in tadellosem Zustand. Ihre Wiederauferstehung ist nicht ausgeschlossen.


Mit klingender Münze


Beatles, Rolling Stones, Jimmy Hendrix, Deep Purple - die Musik der später Sechziger ist der populäre Soundtrack für das Lebensgefühl dieser Jahre. Die Chiffre für den Aufbruch ist die Gitarre. Just zu dieser Zeit erhält Hans Lewerenz den Auftrag, für den Neubau der Sparkasse an der Fritz-Hornschuch-Straße den Veranstaltungsraum im vierten Stock künstlerisch auszugestalten.
Er fertigt in Mischtechnik ein drei Meter breites Wandbild. Es zeigt in einen schmalen Ausschnitt einer spanischen Gitarre. In der Mitte das Schallloch, über das drei starre Drähte gespannt sind. Was fasziniert, ist die raffinierte Farbigkeit des Bildes. Lewerenz verwendet den roten Kapplack, den er in verschiedenen Schattierungen aufträgt und mit Grautönen vermischt.

Vom Schallloch breiten sich Spiralen über den Klangkörper aus und gehen abstrakte, kubistische Formen über. Sie erinnern an die Kunst George Braques. Das elegante Instrument ist Ausdruck einer harmonischen Wechselbeziehung zwischen Musik und Bild. Warum aber nennt er es "Mit klingender Münze"? Ein Protest gegen Banker und Kapitalisten?

Der Künstler hat sich dazu selbst geäußert: Bei der Entstehung hatte er ein fröhliches Treiben in einer Schenke vor Augen, in der sich Handwerker nach getaner Arbeit einfinden. Mitunter werden Trinkgelder auf den Tisch gezählt. Die Münzen können noch ein wenig tanzen, bis sie klingend auf der Platte niederfallen.


Gitarre in der Tiefgarage


Jahrelang hat das Bild, integriert in die Fensterfront des Veranstaltungsraums, ideal passend zu vielen Musik-, Kunst- und Kulturveranstaltungen, ein modernes Flair verströmt. 1995 wurde es bei Baumaßnahmen in die bankeigene Tiefgarage verbannt. Fragt man frühere Mitarbeiter, äußern sie sich entsetzt, über das Vorgehen der Verantwortlichen von damals.

Wenn die "Gitarre" erzählen könnte, sie würde berichten von stinkenden Auspuffgasen an seiner Nasenspitze, die seine Farben zersetzen, und vom dröhnenden Lärm startender Motoren. Aber vielleicht gibt es Rettung: Das wunderbare Gemälde soll nach Auskunft von Vorstand Harry Weiß für eine bestimmte Zeit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Was dann passiert, mal sehen ...