Wie man als Schausteller durch die zweijährige Corona-Flaute gekommen ist, in der keine Feste durchgeführt werden durften? "Ich bin Lkw für eine Spedition gefahren, um meine Familie ernähren zu können", sagt Marcel Schmelter, der in der achten Generation eine Schaustellerfirma aus Mönchengladbach betreibt und in dieser Woche sein "Action House" auf dem Festplatz am Schwedensteg aufgebaut hat. Dort findet vom 6. bis zum 15. Mai nach der langen Zwangspause das 71. Kulmbacher Volksfest statt.

Kredit für Kredit aufgenommen

Zwar hat es auch für Schausteller staatliche Unterstützung gegeben. Davon hätten er und seine Kollegen aber nicht leben können. "Wir haben zwei Jahre ja gar nichts verdient", sagt der Nordrhein-Westfale, der einen KfW-Kredit aufnehmen musste, "um meine laufenden Kredite bedienen zu können". Wer sage, dass er ohne Fremdmittel über die Runden gekommen sei, "der lügt", erklärt Schmelter, der in den Jahren vor der Pandemie rund eine halbe Million Euro investiert hat. Seine Familie müsse mehr denn je um das wirtschaftliche Überleben kämpfen.

Ohne Kredit geht es nicht

Geld bei ihrer Bank mussten auch Brigitte und Michael Korn aus Bayreuth aufnehmen, die das Volksfest in Kulmbach seit vielen Jahren organisieren. "Wir haben den Kredit gebraucht, um über die Runden zu kommen", sagt Brigitte Korn. 2020 sei vom Staat kein Geld geflossen, 2021 habe man zumindest über das Überbrückungsgeld die betrieblichen Fixkosten erstattet bekommen. "27 Monate, in denen nichts geht, die übersteht man nicht so einfach, da sind die Reserven schnell aufgebraucht", sagt Ehemann Michael, der mitteilt, dass laut Süddeutschem Schaustellerverband 30 Prozent seiner Kollegen in den vergangenen beiden Jahren Pleite gegangen sind.

Es gibt etliche Baustellen

Die Betriebe, die die Flaute überlebt haben, haben zu kämpfen. Es gibt viele Baustellen. Wie der Gastronomie sind auch den Schaustellern beispielsweise die Mitarbeiter davongelaufen. Zwei von drei Männern, die die Familie Korn fest angestellt hatte, haben sich neue Berufe gesucht. Bei Marcel Schmelter haben zwei von vier Kräften gekündigt. Was das bedeutet? "Wir müssen noch wesentlich mehr anpacken", sagt der 38-Jährige, der froh ist, dass ihm Sohn Louis (14) unter die Arme greifen kann.

Dabei ist es nicht nur die Mehrarbeit, es sind auch die Mehrkosten in allen Bereichen, die Schmelter und seinen Kollegen zu schaffen machen. Dem 38-Jährigen setzen beispielsweise die gestiegenen Spritkosten extrem zu. Für die Fahrt von Mönchengladbach nach Franken - vor dem Kulmbacher war er auf dem Nürnberger Volksfest - hat er rund 3000 Euro Spritkosten bezahlt. Eine unglaubliche Summe. Wie die zusammenkommt? "Ich habe zwei Zugmaschinen, mit denen ich jeweils drei Mal fahren musste, um meine sechs Hänger nach Bayern zu bringen."

Die Preise nicht erhöht

"Die Kosten fressen dich auf", sagt Marcel Schmelter. Würde er betriebswirtschaftlich rechnen, müsste er für den Eintritt in sein "Action House", in dem man über Rutschen, Rollbahnen und drehende Scheiben toben kann, mindestens acht Euro verlangen. "Doch damit würde ich das Volksfest-Publikum vergraulen, weil viele in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit ja selbst auf jeden Euro schauen müssen." Er verlangt wie vor der Pandemie vier Euro. "In der Hoffnung, dass die Leute zahlreich kommen und es sich dadurch für uns lohnt."

Trjnkgeld für die Schausteller

Gelohnt hat sich für ihn das jüngste Gastspiel in Nürnberg: "Die Leute haben teilweise sogar Trinkgeld gegeben, weil sie froh waren, dass wir weiter machen", berichtet der 38-Jährige, für den ein Aufgeben nicht in Frage kommt. "Wird sind in unserer Familie Kämpfer und beißen uns auch in schwierigen Zeiten durch."

Ohne die "Bayern-Wippe"

Dabei wird der Kampf immer härter, wie sich auch beim Kulmbacher Volksfest zeigt. Auf der "Bayern-Wippe", die bis dato immer eine Attraktion war, können sich die Besucher diesmal nicht durchschütteln lassen. Die Betreiberin hat ganz kurzfristig abgesagt. Warum? "Weil auch sie keine Mitarbeiter gefunden hat, die das Fahrgeschäft betreiben", sagt Brigitte Korn, die bei der Suche nach Ersatz glücklicherweise fündig geworden ist. Maik Thiliant aus Celle ist am Dienstag mit seinem "Musik-Express" angereist. Auch Thiliant ist "geschafft". Er spürt deutlich, dass er durch die Pandemie Personal verloren hat. Für den Abbau beim jüngsten Volksfest hat der Niedersachse mangels Helfer 20 statt der sonst üblichen fünf Stunden gebraucht.

Die Hoffnung

Ab Freitag laden er und sein Kollegen für zehn Tage auf den Festplatz am Schwedensteg ein. "Dass es wieder losgeht, ist Balsam für die Seele", sagt Brigitte Korn, die froh ist, dass die Veranstaltung ohne jegliche Corona-Beschränkung über die Bühne gehen kann. Was sie sich wünscht? "Dass das jetzt so bleibt und Corona uns nicht mehr ausbremst."