Gottvertrauen ist sein Beruf. Es ist aber auch seine Lebenseinstellung. Ob persönliche oder gesellschaftliche Krise, Schicksalsschlag oder Pandemie - Dekan Thomas Kretschmar steht fest in seinem Glauben, dass Gott ihm die Kraft gibt, das Leben und seine Herausforderungen zu meistern. Viele Kulmbacher bewundern den beliebten Geistlichen dafür - und für seinen unerschütterlichen Optimismus, mit dem er schwierigsten Situationen noch etwas Positives abgewinnen kann. Am Sonntag begeht Thomas Kretschmar seinen 60. Geburtstag. Ein Fest kann es in Corona-Zeiten zwar nicht geben, aber den üblichen Sonntagsgottesdienst in der Petrikirche, den gibt es um 9.30 Uhr - und den wird er mit seiner Gemeinde feiern.

Sich mit Menschen zum Gottesdienst zu treffen, das ist dem Dekan sehr wichtig. Und dabei klebt er nicht an festen Formaten, sondern probiert gerne Neues aus. Er möchte die Menschen erreichen, sowohl diejenigen, die sich der Kirche verbunden fühlen, als auch diejenigen, die noch nichts oder nichts mehr mit ihr anfangen können. Der Weg zu diesem Ziel darf gerne ungewöhnlich sein.

2016 kam der gebürtige Hamburger, der in Bayern aufgewachsen ist, nach Kulmbach. Thomas Kretschmar hat in München studiert, war nach beruflichen Stationen im Dekanat Fürstenfeldbruck, im Bayerischen Wald und in München zuletzt in Kaufbeuren tätig, bevor er Dekan in Kulmbach wurde. Reichlich Erfahrung und viele Ideen brachte er mit und einen Führungsstil, der von seinen Mitarbeitern als sehr kollegial empfunden und gelobt wird.

Vieles hatte er sich für seine Zeit in Kulmbach vorgenommen. Manches davon konnte er umsetzen, anderes wird er seinem Nachfolger überlassen müssen, denn schon im Oktober wird Kretschmar aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand treten. Kurz vor seinem Amtsantritt war er an Krebs erkrankt, wusste nicht, ob er die neue Aufgabe überhaupt würde übernehmen können. "Das war, als stünden wir mit unserem Umzugswagen auf einer Kreuzung, unsicher, wohin wir abbiegen würden - Richtung Vorruhestand, Richtung Friedhof oder doch Richtung Kulmbach", erinnert sich Thomas Kretschmar an die ungewissen Wochen.

Es wurde die neue Stelle in Kulmbach, und Thomas Kretschmar ist froh darüber. "Meine Frau und ich wurden sehr herzlich aufgenommen, wir haben hier gute Freunde gefunden und werden diese Verbindungen weiter pflegen."

Die ersten drei Jahre seiner Amtszeit waren geprägt von der Chemo-Therapie, doch die vertrug er gut und konnte mit nur geringen Einschränkungen seinen Aufgaben nachkommen.

Kretschmar liebt seine Arbeit, aber das Amt des Dekans bringt auch viel Verantwortung und reichlich Stress mit sich - nicht zuletzt bedingt durch langfristig geplante Umstrukturierungen innerhalb der Kirche ebenso wie durch die ganz und gar unplanbare Corona-Pandemie. Als dann im Herbst vergangenen Jahres erneut ein Tumor entdeckt wurde, rieten ihm seine Ärzte, nun doch vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. So wird der 60-Jährige im Oktober Kulmbach nach nur fünf Jahren im Amt verlassen und nach München ziehen, wo seine Töchter und einige seiner Geschwister wohnen. "Ich will Gottes Gnade nicht überstrapazieren", sagt Thomas Kretschmar mit einem Schmunzeln.

Die Krebserkrankung sei ein prägendes Erlebnis für ihn gewesen. Schwierig, aber nicht zum Verzweifeln. "Ich wollte und konnte zeigen, dass man auch mit Krebs fröhlich sein kann, dass es nicht automatisch das Aus bedeutet. Die Medizin hat unglaubliche Fortschritte gemacht, und ich bin sehr dankbar dafür."

Zwei weitere Erlebnisse sieht der 60-Jährige als prägend für sein gesamtes Leben an. Da war erstens der frühe Tod seiner Mutter, die starb, als er erst 13 Jahre alt war. "Ich habe früh gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen." Dem zweiten verdankt er sein privates Glück: dem Kennenlernen seiner Frau Sabine. "Wir sind seit 44 Jahren zusammen und seit 38 Jahren verheiratet: Sie ist das größte Geschenk meines Lebens", sagt Thomas Kretschmar, und man sieht ihm an, dass er das genauso meint, wie er es sagt. Das Paar hat drei erwachsene Kinder und geht gemeinsam durch dick und dünn.

Zu den Dingen, die ihm bei seinem Amtsantritt sehr wichtig waren und die er als geglückt ansieht, gehört das Zusammenwachsen des Dekanatsbezirks. "Da hat sich sehr viel getan. Man unterstützt sich gegenseitig. Das ist gut und sehr wichtig für die Zukunft der Kirche. Nur in der Stadt haben wir es noch nicht geschafft, ein großes Team zu werden."

Leider nicht sichtbar vorangekommen sei man mit der Sanierung der Petrikirche. Es fehlen noch Ingenieursleistungen, die Planung verzögert sich.

Über Kretschmars Nachfolge als Dekan wird im Juli entschieden. Es gibt bereits Bewerbungen. "Der Zeitpunkt ist leider denkbar ungünstig", sagt er. Vieles in der Landeskirche ist im Wandel. Alle Entscheidungen stehen unter dem Vorzeichen des neuen Landesstellenplans, der mit Einsparungen verbunden ist. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, die vorhandenen freien Stellen zu besetzen. Und wie viele Institutionen leidet auch die Kirche unter der Corona-Pandemie (siehe Interview unten).

Weiter im Dienst der Kirche mitarbeiten

Zwar ist Thomas Kretschmar die Last des Dekansamts wegen seiner gesundheitlichen Situation zu schwer geworden, doch sich auf die faule Haut zu legen, das ist seine Sache nicht. Als Pfarrer will er weiterhin seiner Kirche ehrenamtlich dienen. "Ich werde gerne Kollegen vertreten und dort unterstützen, wo Lücken sind." Zurück zur Basisarbeit - darauf freut er sich. Doch weil der vorzeitige Ruhestand natürlich mit einem Plus an Freiheit verbunden ist, möchte Kretschmar diese nutzen, um mit seiner Sabine im Wohnmobil durch Europa zu reisen.