Einweggeschirr von To-go-Gerichten, Handschuhe, Masken, Verpackungen von Schnell- und Selbsttests, Verpackungen aus dem Onlineshopping: Durch die Corona-Pandemie explodiert fast unbemerkt das Müllaufkommen. Sichtbar wird die Misere, wenn all das unsachgemäß entsorgt in der Umwelt landet - im eigenen Garten, auf dem Acker, in den Flüssen und Meeren. Über die Folgen der Plastikflut forscht Christian Laforsch, Professor für Biologie und Dozent an der Universität Bayreuth.

Herr Laforsch, wir sind durch Corona in eine neue Phase der Verwendung von Einweg-Plastik getreten. Dass nicht jedes Teil korrekt entsorgt wird, zeigen benutzte Schutzmasken oder weggeworfene Einmalhandschuhe auf Äckern und in Straßengräben. Steht zu befürchten, dass jetzt noch viel mehr Müll in die Umwelt gelangt als ohnehin?

Christian Laforsch: Das Thema Corona steht nicht zwangsläufig im Mittelpunkt unserer Arbeit - gleichwohl sind die genannten Details ein Indikator dafür, wie wir Menschen generell mit dem Material Plastik umgehen. Dabei ist es leider so, dass sich in den letzten Jahrzehnten weniger Gedanken darüber gemacht wurde, was mit den gesamten Einwegmaterialien, die entwickelt worden sind, passiert. Es ist nicht der Kunststoff an sich, der problematisch ist: Ohne ihn könnten wir, um im Bereich Medizin zu bleiben, auf Intensivstationen etwa nicht annähernd so steril arbeiten, wie es auch aktuell unter Pandemiebedingungen nun mal nötig ist. Auch die Masken sind an und für sich ja sehr sinnvoll bei der Minimierung des Ansteckungsrisikos. Kunststoffe werden benötigt für Schnelltests, und ohne Kunststoff gibt es auch keine PCR-Maschinen. Das größte Problem ist der nicht sorgsame Umgang, sowohl in den Industrienationen als auch den so genannten Entwicklungsländern. Momentan wird es jedem nur wieder ein Stück weit offenkundiger, welche Probleme unsachgemäßer Umgang mit Müll bedeuten kann, eben wenn er die entsorgten Masken oder Handschuhe draußen liegen sieht. Da wird das Problem sozusagen für uns alle visuell erfassbar. Die Vielzahl an Einwegverpackungen, die Mengen an Plastikflaschen oder ähnliches auf der Straße sind über die Jahre zum Alltag geworden und bei den meisten schon gar nicht mehr im Bewusstsein. Man nimmt das hin.

Gibt es Zahlen über zusätzliche Mengen?

Von anderen Forschungsstandorte gibt es Schätzungen respektive Hochrechnungen. Die besagen: 129 Milliarden Atemmasken und 25 Milliarden Handschuhe werden im Rahmen der Pandemie weltweit verwendet - pro Monat wohlgemerkt. Es gab eine Aktion, die zeigen sollte, welche Mengen an Masken und Handschuhen gerade an den Meeresstränden landen. Man muss aber gar nicht an die Strände gehen. Hier in Bayreuth zeigt sich auf diversen Parkplätzen, wo sich Menschen treffen, die nicht nur ihre Chipstüte oder den Coffee-to-go-Becher leider nicht in den Müll werfen, sondern auch ihre benutze Maske einfach liegenlassen - und all dieser Müll wandert dann unkontrolliert in die Umwelt.

Wenn diesen Unrat keiner einfängt, passiert was genau mit ihm? Von der PET-Flasche heißt es, es dauerte bis zu 400 Jahre, bis sie sich aufgelöst hat.

Diese Werte geistern immer wieder durch das Netz - genau kann es aber keiner sagen. Vielleicht sind es auch "nur" 40 Jahre, was freilich auch schon zu lang wäre. Es hängt von ganz vielen Faktoren ab, wie sich das Material zersetzt. Liegt es zum Teil bereits unter der Erde, oder ist es komplett an der Oberfläche und die UV-Strahlung kann ungehindert auf das Material einwirken? Der Abbau kann mal schneller, mal langsamer vonstattengehen.

Am Meer kann man das immer gut erläutern: Dort ist zum Beispiel der Rest einer Folienverpackung dem Wellengang ausgesetzt und wird allein schon mechanisch immer weiter zerkleinert, dazu kommen die besagte Wirkung der Sonne und die Arbeit bestimmter Mikroorganismen, die ebenfalls die Art und Dauer der Zersetzung beeinflussen. Es hängt auch immer von der Art der Kunststoffe ab. Hier gibt es diverse Zusammensetzungen durch Beimischungen von Additiven, beispielsweise Weichmachern. Abgebaut heißt ja nicht nur, dass man den Kunststoff nicht mehr wahrnimmt - abgebaut hieße, dass de facto nichts mehr von ihm da ist. Aber kleine Fragmente, also Mikroplastik, ist da, auch wenn man es mit bloßem Auge nicht sieht. Je kleiner die Partikel sind, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Auswirkungen auf Organismen, die die Partikel über die Nahrung aufnehmen, zu erwarten sind. Daran forschen wir.

An diese winzigen Partikel können sich, wie Ihre Kollegen in Experimenten herausgefunden haben, auch Krankheitserreger anhaften. Mittels der Partikel können diese Erreger über weite Strecken transportiert werden, eigentlich unkontrolliert um den Erdball. Könnte es sein, dass die nächste Pandemie auch dadurch begünstigt würde, dass überall in der Welt Myriaden von Keimen, Viren oder ähnliches auf diesen winzigen Transportern den ungehinderten Weg zum Menschen finden?

Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Die Ausbreitung von Seuchen ist, wie gesehen, vor allem durch die menschliche Mobilität und damit durch die Kontakte untereinander gegeben. Es geht darum, dass im Biofilm, der sich auf allen möglichen Arten von Kunststoffteilchen gerade in aquatischen Systemen, also Gewässern, Seen und Meeren, befindet, beispielsweise pathogene Keime transportiert werden. Das aber bedeutet nicht, dass wir mit diesen zwangsläufig in Kontakt kommen.

Nichtsdestotrotz geht von Mikroplastik in Gewässern und an Land Gefahr aus, wie Sie in ihren Forschungen gezeigt haben. Nicht zuletzt landet Plastik mittlerweile sogar im Kompost und damit auf Äckern und in Privatgärten. Und irgendwann auf unseren Tellern?

Ob und welche Gefahr von Mikroplastik ausgeht, wird gerade untersucht und kann zum momentanen Zeitpunkt nicht so pauschal beantwortet werden. Allerdings stimmt, es gibt kein Ökosystem mehr, in dem wir nicht fündig werden. Wir haben auch Studien zu Agrarflächen hier in Franken durchgeführt und einiges an Plastik, Makro- als auch Mikroplastik, gefunden. Schätzungen von Schweizer Kollegen gehen davon aus, dass sich in den sogenannten terrestrischen Ökosystemen viel mehr Mikroplastik befindet als in den aquatischen Systemen. Das ist nicht verwunderlich. Die Vorstellung, dass Plastik irgendwann immer im Fluss oder Meer landet, ist veraltet. Ein Großteil bleibt an Land. Auch die Atmosphäre ist nicht frei davon. Dänische Forscher haben gezeigt, dass wir Menschen in geschlossenen Räumen zwischen 2 und 16 Plastikteile pro Kubikmeter Luft einatmen.

Ihre Forschungen sollen auch dazu dienen, Alternativen zu entwickeln.

Das ist mit ein Hauptanliegen unserer Arbeit, die Ergebnisse dazu zu nutzen, Lösungswege zu finden. Beispiel: Es sollen Kunstfasern in der Kleidung künftig so gearbeitet sein, dass sie sich trotz aller Beanspruchung nicht mehr so leicht herauslösen oder auswaschen lassen. Dazu geht es ferner darum herauszufinden, welche Eigenschaften von Kunststoffen möglicherweise für negative Effekte verantwortlich sind, um neue Materialien zu entwickeln, die diese Eigenschaften nicht mehr aufweisen. Dies ist allerdings nicht so einfach, denn die Thematik hochkomplex. In der Umwelt liegen verschiedenste Polymere mit unterschiedlichen chemischen und physikalischen Eigenschaften in unterschiedlicher Größe und Form vor, die ihre Eigenschaften, wie Ladung oder Oberflächenbeschaffenheit, zusätzlich über Umwelteinflüsse ständig verändern. Das alles macht es so schwierig, genaue Vorhersagen zu treffen und gezielt am richtigen Punkt anzusetzen. Es gibt nicht die eine schädliche Auswirkung von Mikroplastik per se. Das kann oft ein einzelnes Merkmal sein, das negative Auswirkungen hat, während der Rest der Eigenschaften möglicherweise unbedenklich ist. Wenn wir diese bedenkliche Eigenschaft isolieren und durch Alternativen ersetzen, haben wir schon viel gewonnen, selbst wenn der besagte Kunststoff weiterhin in die Umwelt eingetragen wird, etwa durch Abrieb.

Ohne Plastik kommt der Mensch im Alltag nicht mehr zurecht. Wir sind angewiesen auf diesen Stoff. Wie lautet Ihre Einschätzung: Haben wir den Kampf gegen den Kunststoff verloren?

Ich würde nicht sagen, dass wir generell einen Kampf gegen Kunststoffe führen müssen. Er ist ein gutes Material, hat für diverse Anwendungen nützliche Eigenschaften, ist leicht und in nahezu jede Form und jedes Design zu bringen. Es geht um unseren Umgang damit. Wir sollten dafür sorgen, dass Plastik nicht in die Umwelt gelangt. Es ist also eher der Kampf gegen unser eigenes Verhalten.

In den 1980er Jahren kam eine Bewegung auf, die nannte sich "Cradle to cradle", übersetzt: von der Wiege zur Wiege. Ziel war es, Kunststoffprodukte zu entwickeln, die nach ihrem Verfallsdatum in andere Produkte mit anderem Design und anderer Funktion umgestaltet werden konnten, sodass das Ausgangsmaterial weitergenutzt werden konnte. Diese Bewegung scheint tot.

Nun ja, diese Bewegung lebt in gewisser Weise schon noch. Es gab ein großes Projekt mit dem Titel "Plastik in der Umwelt" vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, an dem wir auch eines der Verbundprojekte geleitet haben. Es stimmt aber, dass das sogenannte Recycling oftmals eher ein Downcycling ist. Es gibt immerhin viele Ansätze, so dass sich mancher Kunststoff komplett wiederverwerten lässt, unter anderem sogenanntes chemisches Recycling, wobei die Monomere zurückgewonnen werden und man daraus völlig neue Produkte schafft. Ich denke, der Anreiz ist gegeben, neue Wege in diesem Bereich zu begehen, denn Kunststoffe, also Plastik, ist mittlerweile begrifflich sehr negativ besetzt - da bewegen sich einige, auch große Player, in der Branche. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung kommt das offenbar noch nicht so an, obgleich hier natürlich noch sehr viel mehr Potenzial zu nachhaltigeren Lösungen steckt.

Der Verbraucher denkt sich: Was im Gelben Sack landet, wird immer noch zum Großteil verbrannt, was also soll das?

Ja, leider ist das oftmals noch so, auch wenn die thermische Verwertung immer noch besser ist, als wenn Kunststoff in der freien Natur endet. Auch wir können hier in Deutschland noch einiges verbessern. Das ist auch unser Ansporn als Wissenschaftler.

Christian Laforsch kennt sich mit den Folgen von Plastik in der Umwelt aus. Der Biologe und Lehrstuhlinhaber der Uni Bayreuth forscht seit Jahren dazu - und sieht ein neues Gefährdungspotenzial durch Schutzmaterialien zur Eindämmung der Coronapandemie. "Unser Umgang mit Plastik ist das Problem" Umwelt Zu PET-Flaschen im Straßengraben und Plastikbesteck als Treibgut im Main gesellen

sich in der Pandemie neue Kunststoff-Hinterlassenschaften - von der Maske bis zum Handschuh. Dem Bayreuther Forscher Christian Laforsch gibt das zu denken. Einweggeschirr von To-go-Gerichten, Handschuhe, Masken, Verpackungen von Schnell- und Selbsttests, Verpackungen aus dem Onlineshopping: Durch die Corona-Pandemie explodiert fast unbemerkt das Müllaufkommen. Sichtbar wird die Misere, wenn all das unsachgemäß entsorgt in der Umwelt landet - im eigenen Garten, auf dem Acker, in den Flüssen und Meeren. Über die Folgen der Plastikflut forscht Christian Laforsch, Professor für Biologie und Dozent an der Universität Bayreuth.

Herr Laforsch, wir sind durch Corona in eine neue Phase der Verwendung von Einweg-Plastik getreten. Dass nicht jedes Teil korrekt entsorgt wird, zeigen benutzte Schutzmasken oder weggeworfene Einmalhandschuhe auf Äckern und in Straßengräben. Steht zu befürchten, dass jetzt noch viel mehr Müll in die Umwelt gelangt als ohnehin?

Christian Laforsch: Das Thema Corona steht nicht zwangsläufig im Mittelpunkt unserer Arbeit - gleichwohl sind die genannten Details ein Indikator dafür, wie wir Menschen generell mit dem Material Plastik umgehen. Dabei ist es leider so, dass sich in den letzten Jahrzehnten weniger Gedanken darüber gemacht wurde, was mit den gesamten Einwegmaterialien, die entwickelt worden sind, passiert. Es ist nicht der Kunststoff an sich, der problematisch ist: Ohne ihn könnten wir, um im Bereich Medizin zu bleiben, auf Intensivstationen etwa nicht annähernd so steril arbeiten, wie es auch aktuell unter Pandemiebedingungen nun mal nötig ist. Auch die Masken sind an und für sich ja sehr sinnvoll bei der Minimierung des Ansteckungsrisikos. Kunststoffe werden benötigt für Schnelltests, und ohne Kunststoff gibt es auch keine PCR-Maschinen. Das größte Problem ist der nicht sorgsame Umgang, sowohl in den Industrienationen als auch den so genannten Entwicklungsländern. Momentan wird es jedem nur wieder ein Stück weit offenkundiger, welche Probleme unsachgemäßer Umgang mit Müll bedeuten kann, eben wenn er die entsorgten Masken oder Handschuhe draußen liegen sieht. Da wird das Problem sozusagen für uns alle visuell erfassbar. Die Vielzahl an Einwegverpackungen, die Mengen an Plastikflaschen oder ähnliches auf der Straße sind über die Jahre zum Alltag geworden und bei den meisten schon gar nicht mehr im Bewusstsein. Man nimmt das hin.

Gibt es Zahlen über zusätzliche Mengen?

Von anderen Forschungsstandorte gibt es Schätzungen respektive Hochrechnungen. Die besagen: 129 Milliarden Atemmasken und 25 Milliarden Handschuhe werden im Rahmen der Pandemie weltweit verwendet - pro Monat wohlgemerkt. Es gab eine Aktion, die zeigen sollte, welche Mengen an Masken und Handschuhen gerade an den Meeresstränden landen. Man muss aber gar nicht an die Strände gehen. Hier in Bayreuth zeigt sich auf diversen Parkplätzen, wo sich Menschen treffen, die nicht nur ihre Chipstüte oder den Coffee-to-go-Becher leider nicht in den Müll werfen, sondern auch ihre benutze Maske einfach liegenlassen - und all dieser Müll wandert dann unkontrolliert in die Umwelt.

Wenn diesen Unrat keiner einfängt, passiert was genau mit ihm? Von der PET-Flasche heißt es, es dauerte bis zu 400 Jahre, bis sie sich aufgelöst hat.

Diese Werte geistern immer wieder durch das Netz - genau kann es aber keiner sagen. Vielleicht sind es auch "nur" 40 Jahre, was freilich auch schon zu lang wäre. Es hängt von ganz vielen Faktoren ab, wie sich das Material zersetzt. Liegt es zum Teil bereits unter der Erde, oder ist es komplett an der Oberfläche und die UV-Strahlung kann ungehindert auf das Material einwirken? Der Abbau kann mal schneller, mal langsamer vonstattengehen.

Am Meer kann man das immer gut erläutern: Dort ist zum Beispiel der Rest einer Folienverpackung dem Wellengang ausgesetzt und wird allein schon mechanisch immer weiter zerkleinert, dazu kommen die besagte Wirkung der Sonne und die Arbeit bestimmter Mikroorganismen, die ebenfalls die Art und Dauer der Zersetzung beeinflussen. Es hängt auch immer von der Art der Kunststoffe ab. Hier gibt es diverse Zusammensetzungen durch Beimischungen von Additiven, beispielsweise Weichmachern. Abgebaut heißt ja nicht nur, dass man den Kunststoff nicht mehr wahrnimmt - abgebaut hieße, dass de facto nichts mehr von ihm da ist. Aber kleine Fragmente, also Mikroplastik, ist da, auch wenn man es mit bloßem Auge nicht sieht. Je kleiner die Partikel sind, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Auswirkungen auf Organismen, die die Partikel über die Nahrung aufnehmen, zu erwarten sind. Daran forschen wir.

An diese winzigen Partikel können sich, wie Ihre Kollegen in Experimenten herausgefunden haben, auch Krankheitserreger anhaften. Mittels der Partikel können diese Erreger über weite Strecken transportiert werden, eigentlich unkontrolliert um den Erdball. Könnte es sein, dass die nächste Pandemie auch dadurch begünstigt würde, dass überall in der Welt Myriaden von Keimen, Viren oder ähnliches auf diesen winzigen Transportern den ungehinderten Weg zum Menschen finden?

Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Die Ausbreitung von Seuchen ist, wie gesehen, vor allem durch die menschliche Mobilität und damit durch die Kontakte untereinander gegeben. Es geht darum, dass im Biofilm, der sich auf allen möglichen Arten von Kunststoffteilchen gerade in aquatischen Systemen, also Gewässern, Seen und Meeren, befindet, beispielsweise pathogene Keime transportiert werden. Das aber bedeutet nicht, dass wir mit diesen zwangsläufig in Kontakt kommen.

Nichtsdestotrotz geht von Mikroplastik in Gewässern und an Land Gefahr aus, wie Sie in ihren Forschungen gezeigt haben. Nicht zuletzt landet Plastik mittlerweile sogar im Kompost und damit auf Äckern und in Privatgärten. Und irgendwann auf unseren Tellern?

Ob und welche Gefahr von Mikroplastik ausgeht, wird gerade untersucht und kann zum momentanen Zeitpunkt nicht so pauschal beantwortet werden. Allerdings stimmt, es gibt kein Ökosystem mehr, in dem wir nicht fündig werden. Wir haben auch Studien zu Agrarflächen hier in Franken durchgeführt und einiges an Plastik, Makro- als auch Mikroplastik, gefunden. Schätzungen von Schweizer Kollegen gehen davon aus, dass sich in den sogenannten terrestrischen Ökosystemen viel mehr Mikroplastik befindet als in den aquatischen Systemen. Das ist nicht verwunderlich. Die Vorstellung, dass Plastik irgendwann immer im Fluss oder Meer landet, ist veraltet. Ein Großteil bleibt an Land. Auch die Atmosphäre ist nicht frei davon. Dänische Forscher haben gezeigt, dass wir Menschen in geschlossenen Räumen zwischen 2 und 16 Plastikteile pro Kubikmeter Luft einatmen.

Ihre Forschungen sollen auch dazu dienen, Alternativen zu entwickeln.

Das ist mit ein Hauptanliegen unserer Arbeit, die Ergebnisse dazu zu nutzen, Lösungswege zu finden. Beispiel: Es sollen Kunstfasern in der Kleidung künftig so gearbeitet sein, dass sie sich trotz aller Beanspruchung nicht mehr so leicht herauslösen oder auswaschen lassen. Dazu geht es ferner darum herauszufinden, welche Eigenschaften von Kunststoffen möglicherweise für negative Effekte verantwortlich sind, um neue Materialien zu entwickeln, die diese Eigenschaften nicht mehr aufweisen. Dies ist allerdings nicht so einfach, denn die Thematik hochkomplex. In der Umwelt liegen verschiedenste Polymere mit unterschiedlichen chemischen und physikalischen Eigenschaften in unterschiedlicher Größe und Form vor, die ihre Eigenschaften, wie Ladung oder Oberflächenbeschaffenheit, zusätzlich über Umwelteinflüsse ständig verändern. Das alles macht es so schwierig, genaue Vorhersagen zu treffen und gezielt am richtigen Punkt anzusetzen. Es gibt nicht die eine schädliche Auswirkung von Mikroplastik per se. Das kann oft ein einzelnes Merkmal sein, das negative Auswirkungen hat, während der Rest der Eigenschaften möglicherweise unbedenklich ist. Wenn wir diese bedenkliche Eigenschaft isolieren und durch Alternativen ersetzen, haben wir schon viel gewonnen, selbst wenn der besagte Kunststoff weiterhin in die Umwelt eingetragen wird, etwa durch Abrieb.

Ohne Plastik kommt der Mensch im Alltag nicht mehr zurecht. Wir sind angewiesen auf diesen Stoff. Wie lautet Ihre Einschätzung: Haben wir den Kampf gegen den Kunststoff verloren?

Ich würde nicht sagen, dass wir generell einen Kampf gegen Kunststoffe führen müssen. Er ist ein gutes Material, hat für diverse Anwendungen nützliche Eigenschaften, ist leicht und in nahezu jede Form und jedes Design zu bringen. Es geht um unseren Umgang damit. Wir sollten dafür sorgen, dass Plastik nicht in die Umwelt gelangt. Es ist also eher der Kampf gegen unser eigenes Verhalten.

In den 1980er Jahren kam eine Bewegung auf, die nannte sich "Cradle to cradle", übersetzt: von der Wiege zur Wiege. Ziel war es, Kunststoffprodukte zu entwickeln, die nach ihrem Verfallsdatum in andere Produkte mit anderem Design und anderer Funktion umgestaltet werden konnten, sodass das Ausgangsmaterial weitergenutzt werden konnte. Diese Bewegung scheint tot.

Nun ja, diese Bewegung lebt in gewisser Weise schon noch. Es gab ein großes Projekt mit dem Titel "Plastik in der Umwelt" vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, an dem wir auch eines der Verbundprojekte geleitet haben. Es stimmt aber, dass das sogenannte Recycling oftmals eher ein Downcycling ist. Es gibt immerhin viele Ansätze, so dass sich mancher Kunststoff komplett wiederverwerten lässt, unter anderem sogenanntes chemisches Recycling, wobei die Monomere zurückgewonnen werden und man daraus völlig neue Produkte schafft. Ich denke, der Anreiz ist gegeben, neue Wege in diesem Bereich zu begehen, denn Kunststoffe, also Plastik, ist mittlerweile begrifflich sehr negativ besetzt - da bewegen sich einige, auch große Player, in der Branche. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung kommt das offenbar noch nicht so an, obgleich hier natürlich noch sehr viel mehr Potenzial zu nachhaltigeren Lösungen steckt.

Der Verbraucher denkt sich: Was im Gelben Sack landet, wird immer noch zum Großteil verbrannt, was also soll das?

Ja, leider ist das oftmals noch so, auch wenn die thermische Verwertung immer noch besser ist, als wenn Kunststoff in der freien Natur endet. Auch wir können hier in Deutschland noch einiges verbessern. Das ist auch unser Ansporn als Wissenschaftler.

Christian Laforsch kennt sich mit den Folgen von Plastik in der Umwelt aus. Der Biologe und Lehrstuhlinhaber der Uni Bayreuth forscht seit Jahren dazu - und sieht ein neues Gefährdungspotenzial durch Schutzmaterialien zur Eindämmung der Coronapandemie.