Die Abiturienten in Bayern standen kurz vor ihren Abschlussprüfungen, als die Kultusministerkonferenz (KMK) am 20. April verkündete: "Schülerinnen und Schüler, die fluchtbedingt ihren Sekundarschulabschluss in der Ukraine nicht abschließen können, können sich in Deutschland dennoch für ein Studium bewerben." Für die bayerischen Abiturienten das richtige Signal so kurz vor den Prüfungen?

"Ich sehe das schon kritisch", meint Katharina Piel aus Kulmbach, die ihre Abiturprüfungen jetzt hinter sich gebracht hat. "Viele von uns haben in ihr Abitur viel Zeit und vielleicht auch Geld (für Nachhilfe) investiert, vieles hängt von der Abinote ab", sagt sie und fragt sich, ob ihre Bemühungen auf einmal wertlos und sinnlos seien.

"Wir hatten auch viele Nachteile durch Corona, mussten mit massiven Unterrichtsausfällen und schlechten Internetverbindungen zurechtkommen." Viele Schüler hätten zudem Angst vor Ansteckung gehabt und mit Angst oder gar nicht im Unterricht gesessen. Etliche könnten aufgrund von Long-Covid nicht ihre beste Leistung erbringen.

"Natürlich ist diese Situation nicht vergleichbar mit einem Krieg, und prinzipiell ist es super, dass die ukrainischen Schüler die Chance erhalten, sich leichter zu integrieren", sagt die Schülerin. Gleichzeitig verweist sie aber darauf, dass auch viele afrikanische oder afghanische Flüchtlinge oft keine Chance hätten zu arbeiten. "Wenn man von Chancengleichheit spricht, sollte man auch auf Gleichheit achten."

Das findet auch Sama Kamgar (21). Sie flüchtete im Februar 2017 mit ihrer Familie aus Afghanistan nach Deutschland und konnte sogar schon ein bisschen Deutsch und auch Englisch. "In Afghanistan besuchte ich mit 17 Jahren die 11. Klasse", erzählt die Schülerin, die derzeit die 11. Klasse der Fachoberschule besucht. Am Gymnasium in Kulmbach musste sie in 10 Fächern aus der 9. und 10. Klasse Prüfungen ablegen, alles in Deutsch, "dazu der normale Schulstoff, das war einfach zu viel und ich habe die Probezeit nicht bestanden".

Frustrierend für die junge Frau. Schließlich gab sie auf, ging an die Mittelschule, absolvierte Quali und Mittlere Reife und will jetzt erst einmal ihr Fachabitur machen, vielleicht auch noch das 13. Jahr, will gerne später Sozialarbeit studieren. "Damals empfand ich das Vorgehen als normal, heute empfinde ich es als ungerecht." Sie habe das Gefühl, dass es ukrainischen Flüchtlingen viel leichter gemacht werde. "Ich hätte mir auch so viel Hilfe gewünscht, Krieg ist Krieg."

Farah Al-Said (Name von der Redaktion geändert) aus dem Irak hatte ebenfalls zu kämpfen. "Es wurde absolut nichts anerkannt", erzählt die 32-Jährige, "dabei hatte ich im Irak bereits sechs Semester Lehramt studiert". Seit 2015 ist sie hier, ihre Deutschkenntnisse sind auf B2-Niveau, bald schon auf C1, und dennoch müsste sie zunächst das einjährige Studienkolleg absolvieren. "Das dauert für mich zu lange, ich werde nun eine Ausbildung machen", sagt die Mutter zweier Kinder.

Doch ist es für ukrainische Geflüchtete tatsächlich so einfach, in Deutschland einen Studienplatz zu ergattern? "Nein", sagt Thorsten Parchent vom International Office der Universität Bayreuth, das Angebot der KMK-Konferenz sei eher als eine symbolische Geste zu verstehen.

Um an einer deutschen Universität zu studieren, müssen die Bewerber mindestens das Sprachniveau B1 mitbringen, 99 Prozent davon hätten nicht die Sprachkompetenz. Ukrainer müssten demnach ebenso wie alle anderen Bewerber, deren Hochschulzugangsberechtigung nicht den bayerischen Anforderungen entspreche, zunächst einen Deutschkurs und dann das einjährige Studienkolleg mit den entsprechenden Prüfungen absolvieren. "Die Kultusministerkonferenz hat das sehr unglücklich kommuniziert."

An der Uni Bayreuth gibt es laut Thorsten Parchent derzeit deutlich über 120 Bewerbungen von Drittstaatsangehörigen, davon etwa 70 Prozent Ukrainer. Der Besuch des Studienkollegs ist für Universitäten in Bayern nur in München möglich. "Aufgrund der Wohnsituation sind wir aktuell angehalten, nur diejenigen nach München zu schicken, die dort auch Verwandte haben." Der Rest müsse zunächst hier den notwendigen Deutschkurs absolvieren.

Gerade in Bezug auf die Wohnsituation für Studierende hat Abiturientin Katharina Piel Bedenken, dass es für ihren Jahrgang am Ende nicht nur weniger Studienplätze oder Chancen geben könnte, "sondern dass auch weniger Plätze in Studentenwohnheimen zur Verfügung stehen."

Luca-Fynn Schieblich, Schüler der Q11, sieht das Thema ebenfalls zwiegespalten. "Es herrscht Krieg, da gibt es vielleicht wichtigere Dinge als Schule und einen Abschluss zu schaffen, andererseits können die Schüler in Deutschland ja nichts für den Krieg und müssen büffeln, das ist ein bisschen unfair."