Wie schnell es doch gehen kann! Noch am 7. September galt der Landkreis Kulmbach als coronafrei - als einziger Landkreis in Bayern. Nur wenig mehr als eine Woche später ist die Region ein Hotspot, in dem die Zahl der Neuinfektionen so hoch ist, dass das Landratsamt Kulmbach eine Allgemeinverfügung mit Kontaktbeschränkungen verhängt. 54 Menschen haben sich mit dem Covid-19-Erreger infiziert. Mancher mag dabei sein, der sich in den letzten Monaten stets der Gefahr bewusst gewesen ist, seine Atemmaske getragen, Abstand gehalten und große Menschenansammlungen gemieden hat. Und nun doch das Virus in sich trägt. So schnell kann es gehen!

Wie rasch der Erreger, ausgehend von einigen wenigen Fällen, eine große Zahl von Menschen erreicht, verdeutlicht eine Grafik, die das Landratsamt Kulmbach angefertigt hat, auf eindrucksvolle Weise. Anhand dieser Grafik wollen auch wir noch einmal erläutern, wie schnell sich auch Menschen, die vorsichtig und vernünftig sind, anstecken können - und wie schnell aus einigen wenigen sehr viele positive Fälle werden.

Die Verantwortlichen im Landkreis Kulmbach gehen davon aus, dass eine private Feier von jungen Leuten hauptursächlich war für eine größere Zahl von Infektionen. Zumindest lässt sich ein Teil der Fälle bis dorthin zurückverfolgen.

Schuldhaftes Verhalten sei dabei nicht zu erkennen gewesen, wurde in den letzten Tagen mehrfach betont. Keine Verletzung von Vorschriften, kein Verstoß gegen Quarantäne-Auflagen. Vermutlich ein klassischer Fall von "dumm gelaufen". Nicht nur für die Gäste der Feier.

Dumm gelaufen zum Beispiel für die Arbeitskollegen von Fall 1. Der infiziert sich, merkt davon aber nichts. Er geht zur Arbeit, steckt dort unwissentlich einen Kollegen an.

Dumm gelaufen auch für viele Menschen im Umfeld von Fall 2: Der infiziert unwissentlich nicht nur zwei Angehörige und diverse Kollegen. Als Gast einer privaten Feier trägt er das Virus auch weiter in verschiedene Richtungen. Die Folgen sind enorm. Insgesamt fünf Schulklassen im Landkreis Kulmbach werden in Quarantäne geschickt; auch in Schulen im Nachbarlandkreis werden Menschen positiv getestet, die mit Fall 2 Kontakt hatten. Etliche weitere Kontaktpersonen müssen sich testen lassen und werden bis zum Vorliegen des Testergebnisses in Quarantäne geschickt.

Auf ähnliche Weise trägt Fall 3 den Erreger weiter. Zu einer Person, mit der er sich zum Essen trifft - und die wiederum Kontakt mit 33 Sportkameraden hat, die nun als Kontaktpersonen 1. Grades gelten. Eine davon wird positiv getestet. Eine private Feier trägt ebenfalls dazu bei, dass der Erreger weitergegeben wird. Die Statistik wächst um 35 weitere unmittelbare Kontaktpersonen und zwei positive Fälle.

Fall 4 geht nicht feiern. Aber die Person hat Familie, erbringt Dienstleistungen für andere, übt ein Ehrenamt aus und trifft sich in der Freizeit mit anderen Menschen. Die Bilanz: zwei weitere positive Fälle.

Auch für Fall 5 bleibt eine Corona-Infektion nicht ohne Folgen. Er hat Urlaub gemacht, hat sich in Sicherheit gewiegt. Immerhin lag das Urlaubsziel nicht in einem Risikogebiet. Dennoch: Ein Test nach der Rückkehr fällt positiv aus. Zwei Kontaktpersonen werden ebenfalls positiv getestet.

Insgesamt sind die Folgen beachtlich. Getestet wird quasi am Fließband. Rund 1200 Proben seien innerhalb von 16 Tagen in der zentralen Abstrichstelle des Landkreises Kulmbach im ehemaligen Verwaltungsgebäude des BRK in der Flessastraße genommen worden, heißt es aus dem Landratsamt. Bis in die Nachtstunden sind Mitarbeiter des Gesundheitsamtes auch am Wochenende aktiv, telefonieren die Betroffenen ab, versuchen, Kontaktpersonen zu ermitteln.

Beachtlich sind die Folgen auch für die Carl-von-Linde-Realschule und das Berufliche Schulzentrum, wo nicht nur die erwähnten fünf Schulklassen in Quarantäne müssen, sondern auch insgesamt 20 Lehrer, die für den Präsenzunterricht ausfallen.

Die guten Meldungen in diesen Tagen: Sofern die Infizierten überhaupt Krankheitssymptome aufweisen, sind diese leicht bis mittelschwer. Niemand muss bisher in einer Klinik behandelt werden. Noch ist man im Landkreis optimistisch, dass sich die Lage bald wieder entspannt. Vorläufige Kontaktbeschränkungen sollen dazu beitragen.

An die Menschen in der Region appellieren die Mitarbeiter des Krisenstabs dringend, die AHA-Regel einzuhalten: Abstand, Hygiene, Alltagsmaske.

( Wir wollen hier die Anonymität gewährleisten. Deswegen sprechen wir von den beteiligten Personen ausschließlich in der maskulinen Form. )