Am Tag nach dem unfassbaren Tod eines zweijährigen Jungen in Ludwigschorgast in einem Wasserauffangbecken rätseln Betroffene und Ermittler weiter: Wie konnte das Kind unbemerkt vom Gelände der Kindertagesstätte verschwinden und auf das nahe gelegene Grundstück gelangen, wo es ertrank? Und warum bemerkte offenbar niemand rechtzeitig, wie der Kleine im Wasser um sein Leben rang, so dass alle Hilfsmaßnahmen letztlich zu spät erfolgten?

Die Kripo ermittelt

Die Polizei konnte auf diese Fragen gestern keine Antworten geben. Die Ermittlungen der Kripo dauern an, sagte Pressesprecher Matthias Potzel vom Polizeipräsidium Oberfranken auf Anfrage unserer Zeitung. Nachdem es am Dienstag hieß, das Grundstück, aus dem der Junge ausgebüxt ist, sei sicher, werde natürlich auch noch mal überprüft, ob es in der Zaunabsperrung Lücken gegeben habe. Ob die Aufsichtspflicht verletzt worden ist, ob es gar strafrechtliche Konsequenzen für die Mitarbeiter geben wird? Laut Potzel sind das Fragen, die später in enger Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft geklärt werden.

Kerzen und Blumen

Vor dem Eingang zur Kindertagesstätte lagen gestern Blumen, vereinzelt waren auch Kerzen aufgestellt worden. Das Mitarbeiterteam wollte sich zum Vorfall nicht äußern und verwies auf die Pressestelle des Erzbistums Bamberg. Dessen Sprecher Harry Luck bat um Verständnis, dass er momentan - und mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen - keine detaillierte Auskunft geben könne. Er bekundet, man werde sich mit aller Kraft dafür einsetzen, die Ursache für das Unglück zu ergründen. "Wir alle sind erschüttert und bedauern unendlich, was geschehen ist. Was wir tun können ist, engstens mit den Ermittlungsbehörden zu kooperieren und sie nach Kräften zu unterstützen."

"Gedanken sind bei den Eltern"

In Ludwigschorgast herrschte am Tag nach der Tragödie Trauer. "Das Dorf steht unter Schock, und das wir wohl auch noch eine Zeit so bleiben", stellte ein Einheimischer fest, der den ertrunkenen Buben gekannt hat. "Es ist eine Tragödie, die mir sehr nahe geht. Meine Gedanken sind bei den Eltern, die unsägliches Leid ertragen müssen, aber auch bei den Erzieherinnen. Ich mag mir nicht vorstellen, wie belastend die Situation für sie ist."

"Es war fürchterlich"

Dass das Leid der Eltern, Kinder und des Mitarbeiterteams groß ist, das weiß die Grafengehaiger Pfarrerin Heidrun Hemme, die am Dienstag mit dem örtlichen Pfarrer Michal Osak und weiteren Kräften der Feuerwehr die seelsorgerische Betreuung übernommen hatte. Heidrun Hemme, die über die Integrierte Leitstelle informiert worden war, war als Erste in der Kindertagesstätte eingetroffen und hatte sich dort um die Eltern des Jungen gekümmert. Wie die Situation war? "Es war einfach fürchterlich, nur dazustehen und nichts tun zu können als abzuwarten und sich den Kopf zu zermartern, warum das schlimme Unglück geschehen ist", sagte Hemme.

"Unbeschreibliches Leid"

Wie man es in so einer bedrückenden Situation schafft, der Mutter und dem Vater Trost zu spenden? "Es ist ein unbeschreibliches Leid. Da gibt es keinen Trost. Man kann den Betroffenen nur das Signal geben, dass man für sie da ist, dass man versucht, die Situation mit ihnen auszuhalten." Jeder Hinterbliebene reagiere in solchen Ausnahmesituation anders: "Die einen wollen reden, die anderen beten, andere wollen nur ihre Ruhe haben", erläutert die Pfarrerin, die deutlich macht, dass auch jeder Seelsorger für sich einen Weg finden muss, um mit so einer belastenden Situation umzugehen. Sie habe eine Strategie entwickelt, wisse, wo sie Hilfe bekomme: " Meine Adresse ist Gott."

"Kinder ertrinken leise"

Die genauen Todesumstände sind noch zu klären. Dennoch gibt es aus vielen ähnlichen Unglücksfällen die Erkenntnis, das offenes Wasser gerade für Kleinkinder eine mitunter tödliche Gefahr darstellt. Und offenbar geschieht das häufig unbemerkt. "Kinder ertrinken leise", stellt der Deutsche Kinderschutzbund fest. Für ein Kind unter drei Jahren genüge eine Wassertiefe von gerade mal fünf Zentimetern, um ertrinken zu können. Damit seien Planschbecken, Wasserspiele im Garten und sogar Vogeltränken potenzielle Todesfallen. Die Unfallstatistik besagt: Ertrinken ist bei Kindern die zweithäufigste unfallbedingte Todesursache, bei Säuglingen und Kleinkindern sogar die häufigste. Die allermeisten sterben daheim in der Badewanne oder im Gartenteich. Gerichtsmediziner unterscheiden zwischen "typischem" und "atypischem" Ertrinken. Das typische Ertrinken sei etwa die Folge der Erschöpfung eines (ungeübten) Schwimmers an der Wasseroberfläche. Charakteristisch dafür sei, dass die Person sich gegen das Abgleiten in die Tiefe wehrt. Dabei würden sich Phasen der Inspiration (Einatmen von Luft) und Aspiration (Einatmen von Wasser) abwechseln.

Keine Abwehrreaktionen

Beim atypischen Ertrinken gehe der Betroffene mehr oder minder sofort unter; es finde auch keine relevante inspiratorische Phase, also ein bewusstes mehrmaliges Luftholen an der Wasseroberfläche, statt. Dafür könne es unterschiedliche Ursachen geben, unter anderem könne im Zustand der Bewusstlosigkeit durch den Atemreflex Wasser eingeatmet werden. Der Körper spüre, dass der Kohlendioxidgehalt im Blut zu hoch wird, und tue das automatisch. Wenn die Aspiration von Wasser dominiert, sei der Erstickungsablauf kürzer als beim typischen Ertrinken. Es gebe hierbei auch keine Abwehrreaktionen, ein Sich-Stemmen gegen das Untergehen, begleitet von Platschen und Hilferufen. Es geschehe lautlos.