Die Bilder schutzsuchender Menschen in ukrainischen Städten werfen auch bei uns die Frage auf: Wo gäbe es im Fall eines Falles Unterschlupf? Seit dem Ende des Kalten Krieges gibt es laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Deutschland keine öffentlichen Schutzräume wie etwa Luftschutzbunker mehr. Im Jahr 2007 hatten Bund und Länder beschlossen, diese nicht weiter zu erhalten. Die Mauer war gefallen, der Ost-West-Konflikt beendet. Das Szenario eines konventionellen Krieges schien nicht mehr zeitgemäß. Und jetzt? Hat das Innenministerium eine Bestandsaufnahme und mögliche Reaktivierung der Bunkeranlagen angekündigt. In Bayern gab es rund 500 öffentliche Schutzräume. Sie wurden längst aufgegeben, abgerissen oder einer anderen Nutzung zugeführt.

Datenbank mit alten Anlagen

Und wie sieht es mit Schutzräumen im Raum Kulmbach aus? Auf der Internetseite geschichtsspuren.de der Interessengemeinschaft für historische Militär-, Industrie- und Verkehrsbauten gibt es eine bundesweite Datenbank, die die zwischen 1955 und 2007 in Deutschland vorgehaltenen Zivilschutzanlagen dokumentiert. Sucht man dort nach Kulmbach, erscheint der Hinweis: "Keine Datensätze gefunden".

Marcel Hocquel, Mitglied der Führungsgruppe Katastrophenschutz am Landratsamt, kann das bestätigen. "Öffentliche Zivilschutzräume im Landkreis gibt es nicht", sagt er. Und gab es in der jüngeren Vergangenheit wohl auch nicht, zumindest sei hierzu nichts bekannt. Zwar wisse man von vereinzelten Anlagen, aber die seien nie offiziell als Schutzräume deklariert worden und gehen eventuell auf private Initiativen zurück.

Keller und Tiefgaragen

Was wäre überhaupt als Schutzanlage geeignet? Schaut man sich die Geschichtsspuren-Datenbank an, werden dort unter anderem für Hof, Bayreuth, Bamberg und Coburg ehemalige Räumlichkeiten gelistet. Das können Keller wie an der Uni Bayreuth oder im Coburger Landratsamt sein. Zu letzteren heißt es: "Das neue Gebäude der Kreisverwaltung wurde auf der Belüftung des Schutzraumes gebaut, der Schutzraum dient aktuell als Archiv." Oder aber Tiefgaragen wie in Bayreuth, die beim Bau entsprechend konzipiert wurde.

Ein "fataler" Zufluchtsort

Käme also vielleicht die Tiefgarage unter dem Eku-Platz als Zufluchtsort in Frage? "Sie wäre als Schutzeinrichtung fatal", warnt Jonas Gleich, Pressesprecher der Stadt Kulmbach. "Einerseits kann sie im Falle einer großen Belastung oder eines gezielten Angriffes einstürzen, bei einem oberirdischen Brand würde das Feuer den Sauerstoff aus der Tiefgarage sogartig nach außen ziehen, sodass dort untergebrachte Menschen schnell ersticken würden."

Gleich bringt ebenso wie Marcel Hocquel die alten Stollen im Burgberg oder auch Felsenkeller ins Spiel, die überall im Landkreis existieren. Bislang habe es von Seiten der Regierung noch keine Abfrage oder Planungen zu möglichen Zivilschutzeinrichtungen im Landkreis gegeben, heißt es aus dem Landratsamt. "Ich rechne aber schon mit entsprechenden Hinweisen in den nächsten Wochen", so Hocquel.

Förderprogramm für Sirenen

Während man in Sachen Schutzräume noch am Anfang steht, ist man beim Thema Alarmierung schon weiter. Resultierend aus den Erfahrungen der Flutkatastrophe im vergangenen Sommer in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, die das zum Teil mangelhafte Alarmierungssystem aufgezeigt hat, wurden Förderprogramme zur Verbesserung der Warninfrastruktur aufgelegt. Dabei geht es vor allem um die Anschaffung von Sirenen, die mit auf- und abschwellendem Heulton vor besonderen Gefahren warnen können. Davon gab es bislang nur zwei im Landkreis, in Gössenreuth und Lanzendorf, da dort bei Störfällen in einem Unternehmen Katastrophenwarnungen möglich sein müssen. Der Rest der insgesamt 128 Sirenen sind überwiegend Anlagen, die nur die Feuer-Alarmierung mit dem dreimaligen 15-Sekunden-Dauerton von sich geben können.

Drei Gemeinden haben aufgerüstet

Drei Gemeinden im Landkreis haben nun im Rahmen des Sonderförderprogramms aufgerüstet und insgesamt fünf Sirenen angeschafft, die auch vor besonderen Gefahren warnen können. Marcel Hocquel geht davon aus, dass andere Gemeinden nachziehen werden und im Zuge der Umrüstung auf digitale Alarmierung noch die eine oder andere Sirene entsprechend ertüchtigt wird. Und auch der Landkreis hat zwei weitere mobile Anlagen beschafft. Das Landratsamt verfügt damit als Katastrophenschutzbehörde über insgesamt drei mobile Warneinrichtungen. Eine ist auf einem Feuerwehrfahrzeug im Oberland stationiert, die anderen beiden können bei Bedarf gezielt im Landkreis eingesetzt werden.

Luftschutzbunker: So war es im Zweiten Weltkrieg

Im Zweiten Weltkrieg wurden in Kulmbach zahlreiche Luftschutzbunker angelegt, weiß Erich Olbrich vom Kulmbacher Stadtarchiv. Für die BR-Serie "Entdeckertouren" hat er dieses Thema bereits im Februar 2018 aufgegriffen. Im Stadtgebiet wurden etwa 60 Felsenkeller - vor allem im Bereich Obere Stadt und Festungsberg - als Zufluchtsorte erschlossen. Die Einteilung der Einwohner auf die jeweiligen Keller wurde auf roten Zetteln vermerkt, die in jedem Haus hingen. Darüber hinaus bekam die Stadt im letzten Kriegswinter 1944/45 den Auftrag, im Nordhang des Rehbergs drei Luftschutz-Stollen anzulegen. Diese Bunker im Bereich des Kressensteins, der Pestalozzistraße, der Karl-Jung-Straße und der Friedhofstraße konnten ebenso wie der angefangene Schutzraum in der Blaicher Straße nicht mehr fertiggestellt werden. Einige Meter dieser Stollen existieren heute noch, die Zugänge sind aber zum Teil zugemauert.

Schutzräume gab es laut Erich Olbrich außerdem noch in Unterpurbach unter der Sauermann-Fabrik und in Mainleus an der Main-Brücke beim heutigen Anker-Denkmal. Möglicherweise hatte auch die Kulmbacher Spinnerei an ihren Standorten in Kulmbach und Mainleus eigene Bunker.

In der Mittelau in Kulmbach waren noch Jahrzehnte nach dem Kriegsende Wegweiser zu den Luftschutzräumen an den Hauswänden zu finden, die mittlerweile übermalt worden sind.