Der Sieben-Tage-Inzidenz-Wert des Landkreises Kulmbach rutschte am Freitag erstmals seit Mitte Februar wieder unter die 100er Marke. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, könnten damit weitere Lockerungen und Öffnungen verbunden sein. Am heutigen Montag kehren die Grundschüler im Landkreis in den Wechsel-Präsenzunterricht zurück. Voraussetzung dafür waren fünf aufeinanderfolgende Tage mit einer Inzidenz von unter 165. Für weiterführende Schulen gilt nach wie vor der Inzidenz-Grenzwert von 100. Bleiben die Zahlen in Kulmbacher weiter darunter, könnten ab 17. Mai auch alle anderen Klassen im Wechselunterricht in die Schule kommen. Dafür braucht es aber die Genehmigung durch das Gesundheitsministeriums.

Während die einen die Schulöffnungen kaum abwarten können, kann es den anderen nicht langsam genug gehen. Wie in vielen Dingen gehen auch in Sachen Schulbesuch die Meinungen in der Bevölkerung auseinander. Zwei Mütter äußern sich zu diesem Thema.

Pro Schulöffnung

Letzte Woche geriet Jasmin Ramming in Rage. "Alles macht auf, aber an die Schulkinder denkt keiner." Die Mutter von zwei Kindern in der 3. Klasse Grundschule und 7. Klasse Gymnasium versteht nicht, weshalb deutschlandweit die Notbremse bei den Schulöffnungen bei 165 liegt, Bayern aber mit der 100er-Inzidenz einen Sonderweg gehen musste. "Es ist schon positiv, dass zumindest ab dieser Woche für die Grundschüler die 165er-Marke jetzt auch in Bayern zur Anwendung kam - aber warum müssen die Schüler an den weiterführenden Schulen bis nach den Pfingstferien warten?" Und was passiere, wenn die Werte wieder nach oben gingen?

Die Kinder hätten langsam keine Motivation mehr, die Luft sei raus. "Für was sollen wir denn Vokabeln lernen?", sage beispielsweise ihre Tochter, der Ansporn etwa durch Prüfungen fehle. "Die Kinder brauchen dringend Kontakt zu anderen Schülern und auch zu den Lehrern." Insbesondere in der Pubertät hinge die Stimmung zu Hause ohnehin schon an einem seidenen Faden, man müsse als Lehrerersatz die Kinder motivieren. Dabei war Jasmin Ramming anfangs ganz positiv eingestellt, habe sich mit ihrer Familie an alles gehalten. "Es geht auch nicht darum, auf den Distanzunterricht zu schimpfen - die Lehrer geben sich alle Mühe", sagt die Fotografin. Aber inzwischen fehle es ihr an Perspektiven.

Auch die Fünftklässler stünden quasi an einem Neuanfang und bräuchten Unterstützung, "jede Klasse hat die Berechtigung, gleich behandelt zu werden."

Natürlich teilt Jasmin Ramming die Sorge vor Ansteckungen, aber zugleich stellt sie sich die Frage: "Weshalb wurden die Lehrer geimpft, wenn die Schulen nicht öffnen?" Sie habe Angst vor psychischen Schäden bei den Kindern, vor einem Abstieg in der Schule, nicht mehr das aufholen zu können, was nicht bei den Kindern ankam. Letztendlich fordert sie ein Stück weit mehr Normalität, das sei wichtig für die Entwicklung eines Kindes. "Die Kinder haben keine Lust mehr, nur noch zu Hause zu sitzen, sie wollen in die Schule, wollen ihr normales Leben zurück." Ihre jüngste Tochter wolle am liebsten die Uhr zurückdrehen.

Dabei täten ihr die Familien, die durch Corona geliebte Menschen verloren hätten, unendlich leid. "Aber ich fühle auch mit meinen Kindern und mit den vielen, in denen das soziale Umfeld vielleicht nicht so passt." Die Situation sei für Kinder und Eltern belastend, daher plädiere sie dafür, die Schulen früher zu öffnen.

Contra schnelle Schulöffnungen

Ich kann die Problem der Kinder nicht in Abrede stellen, sie stehen genau wie wir Eltern vor enormen Herausforderungen", meint hingegen Verina Reuß. Sie hat drei Kinder, davon besuchen zwei die Schule - in der 3. und 5. Jahrgangsstufe. Sie ist jedoch der Meinung, dass es sich lohne, noch ein paar Wochen durchzuhalten. "Der Sommer wird gut werden und wir werden wieder eine echte Perspektive für das neue Schuljahr haben."

Die Entscheidung von Ministerpräsident Markus Söder, an dem Inzidenz-Grenzwert von 100 festzuhalten, fand sie gut. "Ich halte ihn für jemanden, der auf das Prinzip Vorsicht setzt, und dafür schätze ich ihn." Die Inzidenz-Schwelle von 165 für Grundschüler halte sie für zu hoch, sie sei ohnehin umstritten gewesen. Und ob die 100 ausreiche, das könnten nur Epidemiologen beantworten. "Ich bin zumindest dafür, dass der Patient stabil ist, wenn Maßnahmen abgestellt werden."

Die Lehrerin könne aber die Not und den Wunsch der Eltern und Kinder nach einer Schulöffnung sehr gut nachvollziehen. "Die Motivation im Homeschooling lässt spürbar nach und das Fehlen der sozialen Kontakte hinterlässt tiefe Spuren." Unsere Kinder müssten in dieser Zeit viel entbehren. Die Zahlen würden jedoch sinken und wir befänden uns auf der Zielgeraden. Wenn man neuesten Forschungen folge, stünde zu Beginn des neuen Schuljahres ein Impfstoff zur Verfügung, der Hoffnung auf einen gelungenen Neustart gebe. "Vorschnell zu öffnen kann diese Erfolge dennoch schnell zunichte machen."

Testungen und Hygienekonzepte alleine würden nicht ausreichen, um die Schulen als Infektionstreiber effektiv zu verhindern. Kinder würden dann das Virus nach Hause tragen, wo sich ungeimpfte Eltern und Großeltern infizieren könnten. Verina Reuß: "Ich frage mich: Was macht dies mit einer Kinderseele?"

Auch die Folgen von LongCovid könnten vor allem bei jungen Menschen große gesundheitliche Probleme nach sich ziehen, diese Sorge spüre sie bei den Schülern und Schülerinnen sehr genau. Darüber hinaus sei Wechselunterricht kein normales Schulleben. "Sollen wir also die jüngsten Erfolge durch zu schnelles Öffnen in Gefahr bringen? Oder lohnt es sich, noch ein bisschen durchzuhalten?" Verina Reuß jedenfalls wünscht sich, "dass wir nicht in Lethargie verfallen und unseren Kindern Mut zusprechen." Den Zeitpunkt für eine weitere Öffnung der Schulen sehe sie (noch) nicht gekommen.