Mit "Crusade" fing alles an. 1975 war es, als Roland Bless und Ingo Reidl, zwei Gymnasiasten aus Bietigheim, mit ein paar Freunden im Keller der Pauluskirche in Bietigheim probten. Ein gewisser Hartmut Engler nahm damals bei Reidl Klavierunterricht. Er kam zum Vorsingen - der Rest ist Geschichte. Aus "Crusade" wurde Pur, die erfolgreichste deutschsprachige Popformation. Nun steht die nächste Tour an. Die BR hat Sänger Hartmut Engler zum Gespräch gebeten.

Herr Engler, das neue Album "Achtung!" ist raus, die erste Tour-Etappe durch die großen Hallen der Republik beendet. Bis zur Fortsetzung der Konzertreihe am 2. April bleibt Zeit zum Entspannen. Was passiert bei Pur in den Pausen? Trifft man sich als Band oder ist jeder froh, mal für sich zu sein?
Hartmut Engler: Wir haben über Monate durchgearbeitet, viel Promotion gemacht, ich selber hatte zwischendurch "Sing meinen Song" in Südafrika: Da ist man urlaubsreif und muss sich erst einmal zu Hause und im Privatleben wieder einrichten. Jetzt war ich sogar ein bisschen Urlaub machen in fernen Ländern und auf der Deutschen liebster Insel, auf Mallorca. Wieder daheim, beginnt für mich schon die Vorbereitung auf die nächsten Auftritte. Momentan bin ich auch noch mit Heilfasten und Interviews beschäftigt.

Was von beidem zehrt mehr?
Definitiv das Fasten (lacht). Ich mache das zwei Mal im Jahr, und es bekommt mir ganz gut. Ich bin, was das Körpergewicht angeht, der Jojo-Effekt-Typ. Speziell vor einer Tournee versuche ich, so fit wie möglich zu sein.

Das neue Album ging von Null auf Eins. Haben Sie das so erwartet? Und fühlt es sich anders an als beim ersten Album an der Chartspitze?
Die erste Mal war einfach toll, weil es die Premiere war, die man als Band an der obersten Position feiert und auch die entsprechenden Verkaufszahlen dahinter stehen. Das ist bewegend, und zwar auch deshalb, weil man weiß: Jetzt verläuft das Musikerleben vermutlich etwas anders. Uns ist das ja des Öfteren gelungen, uns ganz oben zu platzieren. Und trotzdem ist es nach drei Jahren Abstinenz nicht eben selbstverständlich, dass es auch heute immer noch funktioniert. Da ist die Freude umso größer. Die Reaktionen aus unserem Umfeld lassen darauf schließen, dass wir uns in unserem Band-Dasein eher im zweiten Frühling als Spätherbst befinden.

Wie sieht musikalische Arbeit bei Hartmut Engler aus? Setzen Sie sich, wie von den Abba-Jungs Björn und Benny bekannt, in eine Gartenhütte und lassen sich im Grünen inspirieren?
Eine solche Hütte gibt es wirklich. Ein Pavillon in meinem Garten, 25 Meter von meinem Haus entfernt. Ich habe hauptsächlich Bäume um mich, Ponys und Ziegen, ein Entenpaar und Eichhörnchen. Eine ruhige Atmosphäre. In der Hütte gibt es keinen Internet- oder Telefonanschluss. Sobald ich da runtergehe, weiß ich: Heute arbeite ich an den Songs. Ich bin da konsequent, ich tue das auch nur da.

Dann entstehen Lieder wie "Lichter aus". Ist eine fröhliche Nummer geworden, aber für viele so etwas wie die Hymne auf die Flüchtlingsthematik.
Ich habe versucht, in die Musik, die mir etwas zu Dancefloor-mäßig rüberkam, noch einen ernsteren Inhalt reinzupacken, damit es nicht zum reinen Partysong wird. Plötzlich war dieses Bild von Lampedusa gegenwärtig, von den Menschen, die dort gestrandet sind. Man muss wissen: Als ich den Text geschrieben habe, vor fast zwei Jahren, war die Situation mit den Flüchtlingen noch nicht annähernd so prekär wie jetzt. Es geht darum, dass wir in Europa eine Party feiern - und viele andere bleiben ausgesperrt. Es ist ein Partysong, der genau diese Dauerpartystimmung kritisiert.

In der Künstler-Riege gibt es einige Vertreter, die sich mit ihrem Engagement und auch ihrer Meinung offensiv aus der Deckung gewagt haben - denken wir nur an Til Schweiger, aber auch Herbert Grönemeyer und Heinz-Rudolf Kunze. Ist dieser Weg in die Öffentlichkeit auch der Ihre?
Ich mache das eher eine Nummer kleiner und privater. Es gibt bei mir in meiner Heimat Bietigheim-Bissingen auch jede Menge Flüchtlinge. Aber ich bin absolut bereit, meinen Beitrag zu leisten - ob finanziell oder anders. Ich selber bin Flüchtlingskind. Mein Vater wurde 1945 aus Ungarn vertrieben, meine Mutter aus dem Sudetenland. Damals hat man 14 Millionen geflohene Menschen integrieren müssen, weil es nicht anders ging. Vielleicht müssen wir heute erst an diesen Punkt kommen, wo wir einsehen, dass es eben gehen muss.

Die Landtagswahlen in Ihrer Heimat standen vor der Tür, Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen hat deutlich gesiegt. Ihre Einschätzung?
Ich habe so viele Jahre CDU-Regierungen erlebt. Ich denke, Grün-Rot hat bewiesen, dass das Land nicht im Chaos versinkt. Im Gegenteil, es hat sich einiges zum Besseren gewandelt. Dieser neue Spirit kommt auch bei der Betrachtung der Flüchtlingsproblematik zum Tragen. Ich bin der Meinung, es wäre gut, wenn es noch eine weitere Legislaturperiode so bleiben würde.

Wo verorten Sie sich politisch?
Ich habe vor Jahren meinen Freund Rudolf Scharping von der SPD direkt im Wahlkampf unterstützt, aber auch schon grüne Volksvertreter.
Sie sind Ihrer Heimat immer treu geblieben. Gab es Überlegungen, den Sitz zu verlagern, etwa nach Berlin und damit - jedenfalls gefühlt - näher an den Puls der deutschen Musikszene?
Nein. Ich bin so schnell in Berlin zur Besprechung mit meiner Plattenfirma, die Welt ist klein geworden. Die Frage ist doch: Wo will man den Teil des Lebens, den man privat nennt, verbringen? Da wüsste ich keine schöneren Lebensumstände als zu Hause. Hier ist die Familie, hier sind die engsten Freunde, ich fühle mich wohl. Das ist mein Rückzugsgebiet. Ich glaube, in einer Metropole würde ich schnell Platzangst bekommen.

Für "Sing meinen Song" waren Sie in einer Weltstadt, nämlich in Kapstadt. War das eine Art Erweckung? Hat die Republik einen anderen Hartmut Engler kennengelernt - oder den wahren, der Sie schon immer sind?
Definitiv war das eine Situation, in der man sich nicht verstellt hat. Bei Promotion-Auftritten ist man versucht, möglichst viel Werbung reinzupacken. Wenn ich da fünf Minuten lang die Trommel für das Album rühre, dann kommt dabei weniger rüber, was für ein Typ Mensch ich bin. Ich selber sehe mich ja anders, als es das öffentliche Bild von mir suggeriert. Nach der Sendung war die öffentliche Wahrnehmung aber wirklich ungewöhnlich. Dabei bin ich so. Beim Live-Konzert kann ich mich ja auch nicht zwei Stunden verstecken und verstellen.
Sie haben das Ganze auch musikalisch umgemünzt in ein Duett mit Xavier Naidoo. Was sagen Sie zum Hickhack um seine Nominierung zum Eurovision Song Contest und dann den Rückzieher der ARD-Verantwortlichen nach dem Protest?
Ich habe es am Rande mitbekommen. Ich habe seine Wahl musikalisch begrüßt, weil es keinen Künstler in Deutschland gibt, der besser singt. Dann kam ja prompt das "Kommando zurück". Wir haben schnell in einem Statement klargemacht, dass er ein guter Freund ist, ein fabelhafter Künstler und Mensch. Wenn man jemanden an vier, fünf Äußerungen festmacht, die man vielleicht mal genauer erklären müsste - die wirken sicher merkwürdig, so aus dem Zusammenhang gerissen -, dann wird es ihm einfach nicht gerecht.