So einen Medienrummel hat es am Amtsgericht wohl noch nicht gegeben: Zahlreiche Fernseh- und Radioteams waren gestern zum Auftakt eines Prozesses gekommen, der für Schlagzeilen sorgt. Es geht um den Tod der achtjährigen Vanessa, die wenige Tage nach dem tragischen Unglück, das sich am 22. Juli 2014 im Himmelkroner Freibad ereignet hatte, im Klinikum Bayreuth verstorben war.


Fahrlässige Tötung?

Angeklagt sind der frühere Bademeister und eine Übungsleiterin, die an jenem Tag eine Kinderturngruppe des TSV Himmelkron ins Freibad begleitet hatte. Beide müssen sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Hätten sie das Unglück verhindern können? Eine Frage, über die Richterin Sieglinde Tettmann erst nach einigen weiteren Verhandlungstagen urteilen wird.


Bademeister spricht von Hexenjagd

Die beiden Beschuldigten sahen sich, als sie am Donnerstag den Gerichtssaal betraten, einem Blitzlichtgewitter gegenüber. Er sehe sich einer Hexenjagd ausgesetzt, fühle sich diffamiert, ließ der Bademeister in einer Erklärung mitteilen, die sein Verteidiger Oliver Heinekamp (Bayreuth) verlas.
Den Prozessbeobachtern wurde schnell deutlich, dass nicht nur Vanessas Eltern, sondern auch die beiden Angeklagten unter dem Tod der Achtjährigen leiden. Die Übungsleiterin brach am Ende ihrer Ausführungen in Tränen aus - die Verhandlung musste unterbrochen werden. Tränen waren zuvor auch bei der Mutter geflossen, als Staatsanwalt Daniel Götz die Anklageschrift verlesen hatte.


Ohne Schwimmhilfen

Die Staatsanwaltschaft wirft der Betreuerin der Turngruppe vor, sich nicht ausreichend über die schwimmerischen Fähigkeiten Vanessas informiert zu haben. Das Kind war Nichtschwimmer, hielt sich laut Götz aber ohne Schwimmhilfen im Schwimmerbereich auf.


Leblos am Beckengrund

Gegen 18.20 Uhr war das Mädchen leblos am Grund des Beckens entdeckt worden. Es wurde sofort reanimiert, im Klinikum Bayreuth in ein künstliches Koma versetzt. Sechs Tage später verstarb Vanessa, weil das Gehirn minutenlang nicht mit Sauerstoff versorgt worden war.

Bei gebotener Aufmerksamkeit wäre der Betreuerin das Untergehen des Kindes aufgefallen, so der Staatsanwalt. Vanessa hätten schon zu dem Zeitpunkt gerettet werden können, als sie noch nicht bewusstlos war. Götz: "Die dann rechtzeitig eingeleiteten Rettungsmaßnahmen hätten eine Sauerstoffversorgung des Gehirns wieder hergestellt. Der Tod war daher sowohl objektiv als auch subjektiv vorhersehbar und vermeidbar."


Zeitung gelesen?

Schwere Vorwürfe werden auch gegen den Bademeister erhoben. Dieser sei seiner Aufsichtspflicht nicht nachgekommen, habe im Büro Zeitung gelesen, heißt es in der Anklageschrift. Wäre er seinen Pflichten nachgekommen, hätte er erkannt, dass das Mädchen untergeht. Auch er hätte Vanessa retten können, so der Staatsanwalt.


Verteidiger: Nur Freispruch möglich

Bereits vor Prozessauftakt hatten die Anwälte der Angeklagten, Oliver Heinekamp und Ralph Pittroff (Kulmbach), in einer Pressemitteilung deutlich gemacht, dass ihre Mandanten sich für unschuldig halten. Sie hatten sich auf einen vom Gericht beauftragten Gerichtsmediziner berufen, der meine, Vanessa könne "für Außenstehende mehr oder weniger unbemerkt untergegangen" sein. Selbst wenn der Bademeister und die Betreuerin am Beckenrand gestanden hätten, sei es nahezu ausgeschlossen gewesen, dass sie einen Unglücksfall bemerkt hätten. "Vanessas Abtauchen hat ausgesehen wie eine normale Tauchübung." Man habe es, so die Anwälte, mit einem tragischen Unfall zu tun, an dem die Angeklagten im strafrechtlichen Sinne nicht schuld sind. Damit sei eigentlich nur ein Urteil möglich, in dem die Angeklagten freigesprochen werden.


"Mädchen für alles"

Der Bademeister ließ gestern durch seinen Verteidiger mitteilen, dass er im Freibad "Mädchen für alles" gewesen sei. Er sei nicht nur für die Aufsicht zuständig gewesen, habe während des Badebetriebes etwa auch die Toiletten kontrollieren müssen. Er habe sich immer bemüht, alles im Auge behalten. Zum Unglückszeitpunkt habe er keine Zeitung gelesen, sondern einen Katalog über Schwimmhilfen, den er einer Besuchern geliehen hatte, ins Kassenhäuschen zurückgebracht. Als er die Situation erfasst habe, sei er ans Becken gerannt und habe sich an der Herz-Druck-Massage beteiligt. Vanessas Tod belaste ihn sehr. Der 63-Jährige befindet sich in psychiatrischer Behandlung.


Ein Vorwurf an die Eltern

Sie habe alle Eltern darauf hingewiesen, dass Nichtschwimmer Schwimmflügel tragen müssen, so die Übungsleiterin. Vanessa habe keine Schwimmhilfe dabei gehabt, sogar erklärt, dass sie das Seepferdchen-Abzeichen abgelegt habe. Das habe sie geglaubt. Das Mädchen sei mehrere Züge geschwommen, mit der Taucherbrille an der Abgrenzungskette zwischen Schwimmer- und Nichtschwimmerbereich getaucht. "Die Eltern hätten mich informieren sollen, dann wäre das anders ausgegangen."

Die 52-Jährige teilte mit, dass es in Himmelkron schwer sei, immer alle Personen im Becken im Blick zu haben. Deshalb habe sie den Standpunkt öfters gewechselt. Als sie Hilferufe gehört habe, sei sie ins Becken gesprungen und habe Vanessa aus dem Wasser gezogen. Die 52-Jährige glaubt, dass das Mädchen beim Tauchen die Beckentiefe unterschätzt hat. Sie sei wohl "lautlos abgetaucht". Deshalb habe das niemand bemerkt.


Kind verloren, Ehe zerbrochen

"Vanessa konnte nicht schwimmen", sagte die Mutter, die wie der Vater als Nebenkläger auftritt. Der Vater sagte als Zeuge aus, dass er dies der Übungsleiterin 2013 mitgeteilt habe. 2014 habe er sie nicht mehr extra darauf hingewiesen. Die Eltern haben nicht nur ihr Kind verloren. Nach dem tragischen Unglück ist, wie der Vater erklärte, die Ehe zerbrochen.

Die Verhandlung wird am 22. Februar fortgesetzt.