Über drei Monate ist es nun her, dass sich in Ludwigschorgast eine Tragödie ereignet hat: Es war der 20. Juli, an dem der kleine Paul aus der Kindertagesstätte ausgebüxt und in einem Wasserauffangbecken auf einem Nachbargrundstück ertrunken ist. Der Tod des Zweijährigen hat die Menschen in der Region erschüttert. Eine Frage, die sich alle stellen: Wie konnte das geschehen?

"Es ist ein bedrückendes Gefühl"

Die Erzieherinnen, die Pauls Gruppe betreut hatten und nach dem Unglückstag krankgeschrieben waren, sind wieder im Dienst, auch die Kinder, die ihre Eltern nach dem tragischen Vorfall erst einmal zuhause gelassen hatten, sind nach den Sommerferien wieder in die Kita zurückgekehrt. Wer glaubt, Alltag sei eingekehrt, liegt aber falsch, denn die Frage nach dem Warum quält nach wie vor nicht nur die Angehörigen des verstorbenen Jungen, sondern auch viele Eltern. Ist jemand mit verantwortlich für das Unglück? Kann jemand zur Rechenschaft gezogen werden? Antworten darauf gibt es bis dato nicht, und das können viele nicht verstehen. "Wir fragen uns, wann man endlich etwas darüber erfährt, was die Ermittlungen der Polizei ergeben haben", sagt eine Mutter, die wie jeder, der zur Kita kommt, täglich mit der Tragödie konfrontiert wird. Denn Kerzen, Blumen, Plüschtiere und kleine Engel sind auch heute noch vor dem Tagesstätteneingang zu sehen und erinnern an den 20. Juli. "Es ist nach wie vor ein bedrückendes Gefühl", betont die Mutter im Gespräch mit unserer Zeitung. Sie hofft, dass bald Gewissheit herrscht, geklärt ist, warum der kleine Paul sterben musste.

Wird es je mals eine Antwort geben?

Ob es jemals eine Erklärung geben wird? Nach dem Tod des Jungen hatten die Ermittler das Areal rund um die Kita unter die Lupe genommen. Sie standen vor der Frage, ob es dem Zweijährigen irgendwie gelungen ist, über den Zaun zu klettern, haben nach einem Loch im Maschendrahtzaun gesucht, durch das Paul hätte hindurschlüpfen können. Ob es eine Verletzung der Verkehrssicherungspflicht gegeben hat, die Tagesstätte nicht richtig abgesichert war? Eine Frage, die bis dato unbeantwortet ist, wie auch die, ob die Erzieherinnen, die die Kindergruppe um den kleinen Paul betreut hatten, ihre Aufsichtspflicht verletzt haben. Gegen sie wird wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung ermittelt.

Zeugenvernehmung ist abgeschlossen

In vier bis sechs Wochen sei mit den ersten Ergebnissen zu rechnen, hatte Leitender Oberstaatsanwalt Martin Dippold Mitte August auf Nachfrage der Bayerischen Rundschau gesagt. Heute, zwei Monate später, macht er deutlich, dass die Vernehmung der Zeugen abgeschlossen, jedoch noch keine Entscheidung darüber getroffen worden sei, ob der Todesfall strafrechtliche Folgen haben wird. "Die Ermittlungen haben sich nicht einfach gestaltet und brauchen einfach ihre Zeit", sagt Dippold, der davon ausgeht, dass im kommenden Monat die Entscheidung fallen wird, ob Anklage erhoben wird oder nicht.

Der Todesfall in Mindelheim

"Wird sind gespannt, was am Ende rauskommt", sagt die Ludwigschorgaster Mutter, die in dieser Woche wie viele vom Tod eines Jungen im Allgäu erfahren hat, bei dem es auf den ersten Blick Parallelen zum Ludwigschorgaster Unglück gibt. In Mindelheim war im März ein Zweijähriger beim Besuch einer Kita-Gruppe auf einem Spielplatz durch eine Absperrung geklettert und in einen Fluss gefallen. Ersthelfer hatten das Kind wie in Ludwigschorgast aus dem Wasser geborgen, Wiederbelebungsversuche scheiterten aber. Der Junge starb in einer Münchner Klinik.

Wegen fahrlässiger Tötung verurteilt

Für die zwei Mitarbeiterinnen der Mindelheimer Einrichtung, die die Gruppe betreut hatten, hatte das strafrechtliche Konsequenzen. Weil sie ihrer Aufsichtspflicht nicht ausreichend nachgekommen waren, wurden sie wegen fahrlässiger Tötung zu Geldstrafen verurteilt. Das Urteil ist rechtskräftig, nachdem die Einspruchsfrist gegen die Strafbefehle abgelaufen ist.

"Ein Vergleich ist nicht möglich"

In Mindelheim ist der Junge bei einem Ausflug abhanden gekommen, in Ludwigschorgast ist Paul aus dem Kita-Gelände ausgebüxt. Ob es auch hier einen Schuldigen geben wird? Der Kulmbacher Rechtsanwalt Alexander Schmidtgall, der die Erzieherin vertritt, die speziell für die Betreuung von Paul zuständig war, warnt davor, die Tragödien zu vergleichen. "Das kann man nicht, denn jeder Fall ist anders gelagert", sagt Schmidtgall, der schon vor Wochen vor Vorverurteilungen gewarnt hatte. Man müsse abwarten, was die Ermittlungen ergeben, ob seiner Mandantin oder einer ihrer Kolleginnen ein Verstoß gegen die Sorgfaltspflicht vorgeworfen werden könne. Es sei auch die Frage, "ob ein möglicher Fehler ursächlich für den Tod des kleinen Jungen war", so der Jurist, der sich zum aktuellen Stand des Verfahrens nicht äußern kann: "Ich habe noch keine Akteneinsicht bekommen."