Kulmbach
Gericht

Nach tödlichem Raser-Unfall in Selb: Täter erhält Bewährungsstrafe

Der Todesraser aus Selb hat einen 19-Jährigen auf dem Gewissen. Die Familie des Opfers wollte ihn im Gefängnis sehen. Das Landgericht Hof entschied anders.
Das Auto als Waffe: Ein Raser hat im Februar in Selb einen 19-Jährigen aus Kulmbach getötet. Symbolfoto: vbaleha/Adobe Stock

Ein 19-jähriger Kulmbacher wurde am 6. Februar 2019 tot gefahren. Ein Raser erfasste ihn, als der junge Mann mit einer Gruppe in Selb unterwegs war. Man wollte den Abschluss des dreiwöchigen Blockunterrichts feiern. Es sollte ein fröhlicher Abend werden - der in einem Drama endete. Jetzt fiel das Urteil. 

In der Wittelsbacherstraße überquerte der 19-Jährige als Erster die Fahrbahn. Nach Angaben seiner Freunde war zu diesem Zeitpunkt kein Auto zu sehen. Doch plötzlich war der Audi da. Er raste über die dortige Kuppe und "hob fast ab", wie ein Zeuge sagte. Er habe den Fußgänger regelrecht "abgeschossen". Der Kulmbacher Schüler starb an der Unglücksstelle.

Update vom 30.09.2020, 14.20 Uhr: Urteil gefallen - Raser kommt mit Bewährungsstrafe davon

Nach einem tödlichen Raserunfall in Oberfranken kommt der Fahrer mit einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten davon. Das Landgericht Hof verurteilte den 21-Jährigen am Mittwoch (30. September 2020) nach Jugendstrafrecht wegen Gefährdung des Straßenverkehrs mit fahrlässiger Tötung. Der Angeklagte sei "grob verkehrswidrig und rücksichtslos" gefahren, sagte der Vorsitzende Richter. Doch seine Raserei werde nicht als illegales Autorennen angesehen. (Az. 283 Js 2302/20 jug.)

Nach Auffassung des Gerichts fuhr der damals 20-Jährige im Februar 2020 mit mindestens 78 Stundenkilometer durch Selb (Landkreis Wunsiedel). Seine riskante Fahrweise habe einer Gruppe Berufsschüler imponieren sollen. Dabei erfasste der Deutsche einen 19-Jährigen frontal, der noch an der Unfallstelle starb.

Dem ursprünglichen Mordvorwurf der Staatsanwaltschaft folgte das Gericht nicht, weil es keinen bedingten Tötungsvorsatz des Fahrers erkennen konnte. Der Staatsanwalt und der Anwalt der Opfer-Familie hatten vier Jahre Gefängnis gefordert, der Verteidiger eine Geld- oder Haftstrafe von höchstens sieben Monaten.

19-jähriger Kulmbacher von Raser tot gefahren: War es ein illegales Straßenrennen?

Vor dem Unfall hatten sich der Angeklagte, der am Dienstag wieder mit Fußfesseln aus der Untersuchungshaft in den Gerichtssaal geführt wurde, und ein 18-jähriger BMW-Fahrer nach Auffassung der Staatsanwaltschaft ein illegales Autorennen geliefert. Bei zwei Stadtrunden mit überhöhter Geschwindigkeit seien die Raser auch der elfköpfigen Schülergruppe aufgefallen. In der dritten Runde war der Audi dann allein in der Wittelsbacherstraße.

Dass sich der Audifahrer beim leuchtend-bunten Regenbogenhaus - mitten in Selb - an die mögliche Höchstgeschwindigkeit herangetastet hatte, bestätigte der Kfz-Sachverständige. Der Bayreuther Dekra-Ingenieur Florian Schacher war die Strecke, die vor der Unfallstelle einen leichten Rechtsknick macht, mit 90 und 100 Stundenkilometer abgefahren. Dafür hatte die Polizei die Wittelsbacherstraße und die Seitenstraßen abgesperrt. "Es bedarf einer gewissen Risikobereitschaft", sagte er. Nach Schachers Angaben bewegte er sich dabei im Grenzbereich. "Mehr als 100 km/h hätte ich mir nicht zugetraut. Denn die Vorderachse hob schon leicht ab."

Aufgrund des Schadensbilds und der Entfernung von mehr als 50 Meter, die der getötete Schüler vom Anstoßpunkt entfernt lag, ermittelte der Gutachter eine Kollisionsgeschwindigkeit von 80 bis 90 km/h - zugunsten des Angeklagten gerechnet. Auf Nachfrage von Nebenklägeranwalt Frank Stübinger aus Kulmbach, der die Familie vertritt, räumte der Sachverständige ein, dass man im anderen Fall zehn bis 15 km/h dazurechnen könne.

Keine Bremsspuren am Unfallort

Die Fahrversuche hätten weiter ergeben, so Schacher, dass der Angeklagte den Fußgänger 25 Meter vor der Kollision erkennen konnte. "Mit zulässigen 50 km/h und einer Notbremsung wäre er gerade so zum Stehen gekommen." Allerdings stellte der Unfallanalytiker keinerlei Bremsspuren vor der Kollision fest, sondern nur Driftspuren durch die Schrägstellung der Reifen bis zur Sekundärkollision mit zwei geparkten Autos.

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Der junge Mann sei von dem Auto "weit links, im Bereich des Scheinwerfers" erwischt worden, erklärte der Gutachter. Hätte der Audifahrer einen Meter nach rechts gesteuert, wäre er an dem Berufsschüler vorbeigekommen, ohne ihn zu berühren.

Nur eine Kleinigkeit lag zwischen Leben und Tod. Laut den Zeugen rannte der Schüler um sein Leben und hatte die Straße fast überquert. Nach den Berechnungen des Sachverständigen war der beleuchtete Audi ab der Kuppe gut erkennbar. Er bezifferte die Entfernung zur Unfallstelle auf 50 bis 60 Meter. Dafür braucht ein Auto mit 90 km/h nicht mehr als zwei Sekunden.

Nach Gutachten doch keine Mordanklage

Im Anschluss an das Gutachten erteilte das Gericht einen rechtlichen Hinweis. Bei ihrer "vorläufigen Bewertung" rückte die Jugendkammer von der Mordanklage ab. Man habe zwar die objektive Gefährdung durch das Fahren mit hohem Tempo, aber keinen Anhaltspunkt für einen Tötungsvorsatz. Daher komme fahrlässige Tötung und Straßenverkehrsgefährdung in Betracht.

Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe, Johanna Heider, stellte fest, dass der Angeklagte zum Zeitpunkt der Straftat mit 20 Jahren gerade noch Heranwachsender war. Die Sozialpädagogin des Landratsamts Wunsiedel sprach sich für die Anwendung von Jugendstrafrecht aus. Das wäre viereinhalb Monate später nicht mehr möglich gewesen - denn dann wurde der Audifahrer 21.

Zum Anklagepunkt des verbotenen Autorennens äußerte sich das Gericht nicht. Die Aussagen des Beifahrers und des BMW-Fahrers bei der Polizei seien nicht verwertbar, hieß es. Denn den beiden Zeugen seien Suggestivfragen gestellt worden. Man habe ihnen die Antworten in den Mund gelegt.

Aussagen der Zeugen nicht verwertbar

Es dürfte die Strategie der Nebenklage sein, eine Verurteilung wegen eines illegalen Rennens zu erreichen - und damit ein höheres Strafmaß. Denn wer sich laut Gesetz als Autofahrer im Straßenverkehr mit nicht angepasster Geschwindigkeit und grob verkehrswidrig und rücksichtslos fortbewegt, um eine höchstmögliche Geschwindigkeit zu erzielen, und dabei den Tod eines anderen Menschen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe von einem bis zu zehn Jahren bestraft.

Am Dienstag durfte der Angeklagte den Hofer Schwurgerichtssaal als freier Mann verlassen. Auf Antrag seiner Verteidiger Klaus Wittmann, Ingolstadt, und Regina Rick, München, wurde der Haftbefehl außer Vollzug gesetzt. Die Polizisten, die ihn ins Justizgebäude gebracht hatte, nahmen ihm die Fußfesseln ab.

Der Prozess wird nächsten Mittwoch mit den Plädoyers fortgesetzt.