"Wir werden sehen, ob sich der Besuch gelohnt hat. Wir hoffen jedenfalls, dass wir ihr ein paar Eindrücke mitgeben konnten." Heiko Kaiser aus dem kleinen Mainleuser Ortsteil Appenberg hatte am Donnerstagvormittag hohen Besuch. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CSU) war auf Tour durch den Landkreis Kulmbach und traf sich mit Kaiser und weiteren jungen Landwirten auf seinem Feld bei Appenberg. Dort sprach Klöckner mit dem Bauern-Nachwuchs über dessen Wünsche und Sorgen.

"Ist toll hier", sagt die 48-Jährige, als sie gegen 9.15 Uhr ihrem Wagen entsteigt und sich umblickt. Kein Wunder: blauer Himmel, ein Sonnenblumenfeld in der Nachbarschaft. Strohballen sind in einem Kreis drapiert und dienen als Sitzgelegenheit. Landwirtschafts-Idylle pur.

Sie hat sogar das richtige Schuhwerk an - aber eher zufällig. "Ich bin gestürzt und muss flache Schuhe tragen", erklärt sie. Auf dem unebenen Untergrund ist das aber sicher besser als ein hoher Absatz.

Ein klein wenig brauen sich aber dann doch Gewitterwolken über der Ministerin zusammen - denn die Nachwuchs-Bauern haben einiges auf dem Herzen. Es geht ums Geld, um den Klimawandel, um den schlechten Zustand des Waldes, um Dumpingpreise bei Lebensmitteln und vieles mehr.

Dabei drängt die Zeit. Eigentlich ist eine gute Dreiviertelstunde für das Gespräch anberaumt. Das ist natürlich nicht zu schaffen. Zu viel gibt es zu bereden, ehe die Ministerin nach Kulmbach weiterfährt, wo sie noch die Firma Raps und das Max-Rubner-Institut besucht und sich mit Vertretern der Uni trifft.

Es sind die ganz normalen Alltagssorgen, mit denen die jungen Landwirte die Ministerin konfrontieren.

Heiko Kaiser verweist Julia Klöckner auf die geringen Niederschläge und die damit einhergehende niedrige Bodendurchfeuchtung.

Milchviehhalter Andreas Popp aus dem Weismainer Ortsteil Wunkendorf befürchtet gar ein Ende der Nahrungsmittelerzeugung, "weil das nicht mehr rentabel ist". Früher sei das anders gewesen: "Wer vor 20 Jahren einen Milchviehbetrieb gebaut hat, der hat gewusst, man hat sein Auskommen."

Der Strukturwandel macht auch Stefan Scherzer zu schaffen. Er ist Gemüsebauer, betreibt mit der Firma Scherzer & Boss Gewächshäuser - unter anderem in Feulersdorf (Gemeinde Wonsees). "Und dieser Strukturwandel geht einher mit dem Druck durch den Lebensmitteleinzelhandel. Der Preis ist immer das stärkste Argument." Aspekte wie die Regionalität seien zweitrangig.

Johannes Gick aus Königsfeld (Landkreis Bamberg) hat Probleme mit den Fichtenbeständen. "Mittlerweile gehen hektarweise Bäume kaputt." Er befürchtet den Verlust der Kulturlandschaft. Ein Grund für die vielen kaputten Bäume sei der Borkenkäfer, mittlerweile zähle man die dritte Population. "Und wir rechnen mit einer vierten."

Manuel Faßold aus Rothwind klagt über Bürokratie. "Ich versuche seit zweieinhalb Jahren, eine Güllegrube zu bauen." Dabei sind es Details, an denen es hakt. "Wenn so was an einer Schieber-Zulassung scheitert, dann ist das katastrophal."

Und was sagt die Ministerin, die die Anliegen der Jungbauern eifrig mitnotiert hat, zu all dem? Für sie ist klar, dass sich mit Blick auf den Klimaschutz etwas ändern muss. "In jeder Branche, für alle Berufe." Man müsse die Emissionen reduzieren. Allerdings, so sagt sie auch, müsse es eine Junglandwirte-Förderung geben, "wenn es die Betriebe weiter geben soll."

Festgelegten Preisen für landwirtschaftliche Produkte erteilt sie dagegen eine Absage. "Wir sind in einer freien Marktwirtschaft." Angebot und Nachfrage würden den Preis regeln. Kein Verständnis hat sie dagegen für Lebensmittel zu Ramschpreisen. "Da kann kein Tierwohl drinstecken." Und: "Zwei Kilo Äpfel für 1,11 Euro darf es nicht geben."

Und ihr ist die Lage des deutschen Waldes bewusst: "Dramatisch, was dort läuft. Der Wald ist im Dauerstress. So schlimm war es noch nie." Dabei sei er für eine positive Beeinflussung des Klimawandels unerlässlich. "Da sind wir auf den Wald angewiesen."

Sie wies zudem darauf hin, dass bei massiven Problemen durch Käferholz Unterstützung durch die Bundeswehr angefordert werden kann. "Die Bundeswehr hilft beim Schälen der Rinden." Andere Länder würden dieses Angebot schon nutzen.

Die Bundeslandwirtschaftsministerin war auf Einladung von MdB Emmi Zeulner (CSU) in den Landkreis gekommen. An dem Treffen nahmen auch MdL Martin Schöffel und stellvertretender Landrat Jörg Kunstmann (beide CSU) teil.

Weiter ging die Tour nach Kulmbach.

"Publizieren Sie nicht nur in Fachmagazinen. Die Musik spielt in den Leserbriefspalten. Stimmung wird im Internet gemacht. Wenn Sie sich nicht zu Wort melden, werden Fakten nach Bauchgefühl gemacht." Ernährungs- und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner appellierte bei einem Treffen mit Uni-Vertretern an die Wissenschaftler, nicht nur im Stillen zu forschen, sondern die Stimme öffentlich zu erheben.

Ziel: Vierstellige Studentenzahl

Die Ministern informierte sich über den Aufbau des Kulmbacher Campus mit dem Schwerpunkt auf Ernährung und Lebensmittel. Nach Ansicht von Ministerin Klöckner ist die Wissenschaft aus diesen Bereichen nicht mehr wegzudenken. Forderungen, beispielsweise nach der Reduzierung von Pflanzenschutzmitteln, seien schnell gestellt. "Aber für eine Lösung brauchen wir die Wissenschaft."

Dazu komme, dass das Thema Essen eine Herausforderung für das Gesundheitssystem sei: Ernährungsbedingte Krankheiten seien "echt enorm".

Gründungsdekan Stephan Clemens stellte die Uni-Pläne vor und wies darauf hin, dass langfristiges Ziel eine vierstellige Zahl von Studenten sei.

Bedeutender Arbeitgeber

Zuvor war die Bundesministerin zu Gast bei Gewürzspezialist Raps und verschaffte sich einen Eindruck von der Innovationskraft des regional bedeutenden Arbeitgebers. Nach einer kurzen Begrüßung durch Florian Knell, Geschäftsführer der Raps-Gruppe, ging es für die Gruppe auf eine Reise durch die Gewürzproduktion.

Klöckner betonte, wie wichtig es gerade in Krisensituationen sei, die Lieferketten zur Versorgung der Bevölkerung aufrecht zu erhalten. Raps sei als Zulieferer Teil der systemrelevanten Branche, die vom internationalen Handel lebe, um anschließend regional zu veredeln.

Geschäftsführer Florian Knell freute sich über die Anerkennung der Bundesministerin. Als mittelständisches Unternehmen mit klarem Bekenntnis zur Heimatregion sei die Unterstützung der Regierung für die Zukunft des Lebensmittelstandorts Kulmbach von großer Bedeutung.

Im Max-Rubner-Institut hob die Bundesministerin die große Bedeutung der dort geleisteten Forschungsarbeit für den Verbraucherschutz hervor. "Die Verbraucher müssen sich darauf verlassen können, dass das, was auf ihre Teller kommt, sicher ist. Das, was angeboten wird, muss ganz klar für unsere Gesundheit unbedenklich sein. Dazu leistet unser Max Rubner-Institut in Kulmbach einen wichtigen Beitrag." Auch im Rahmen der nationalen Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten leiste der Standort einen entscheidenden Beitrag.

Lebensmittel gesünder machen

"Innovation und Forschung helfen, Lebensmittel gesünder zu machen. Unser Institut erforscht neue Rezepturen und Herstellungsverfahren, damit weniger Zucker, Salz und Fette verwendet werden, aber der Geschmack und die Sicherheit der Produkte erhalten bleiben." Davon profitierten insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen, die keine eigene Forschungsarbeit leisten könnten, so die Ministerin weiter. Eine Herausforderung ist etwa, Salz bei Kochschinken oder Brühwürsten zu reduzieren soll.

Die Wissenschaftler erproben hier neben dem Einsatz von Salzersatzstoffen auch den von Stoffen, die die Geschmacksempfindung für den fünften Geschmack Umami (neben süß, salzig, bitter, sauer) stimulieren sollen und so das Empfinden der Salzigkeit verstärken.

Anlässlich des Besuchs im Max Rubner-Institut fordert der Bund Naturschutz (BN) von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) nicht nur eine verpflichtende Haltungskennzeichnung für Fleisch. "Das von Klöckner in die Wege geleitete freiwillige Tierwohllabel für Schweinefleisch ist völlig unzureichend, um den Verbraucher zu mehr Durchblick an der Fleisch-und Wursttheke zu verhelfen," so Richard Mergner, BN-Landesvorsitzender, in einer Pressemitteilung. "Menschenrechtswidrige Arbeitsbedingungen, Regenwaldvernichtung durch importiertes Gen-Sojafutter und artgerechte Tierhaltung bleiben im Dunkeln."

Zu den Forderungen des BN an Julia Klöckner gehören auch ein Bekenntnis der Bundeslandwirtschaftsministerin zur Ablehnung der Gentechnik im Essen, zum Stopp des geplanten Handelsabkommens mit Südamerika "Mercosur" und ein klares Eintreten zu Gunsten bäuerlicher Betriebe bei den laufenden Verhandlungen um die künftige gemeinsame Agrarpolitik (GAP).

Verpflichtende Kennzeichnung

"Ob Fleisch und Wurst von einem ein Schwein stammen, das auf Vollspalten über dem Gülleablauf gehalten wurde oder das einen abgedeckten Lagerplatz, eventuell sogar mit Stroheinstreu hatte, sollte endlich verpflichtend gekennzeichnet werden", so Marion Ruppaner, BN-Agrarreferentin. Und weiter: "Was bei den Eiern möglich war, muss es künftig auch bei Fleisch aller landwirtschaftlichen Nutztiere geben. Durch die Einführung einer verbindlichen Haltungskennzeichnung bei Eiern (,Kauf kein Ei mit der 3') haben die europäischen Verbraucher die Käfighaltung von Legehennen durch ihr Einkaufsverhalten vom Markt zurückgedrängt."

"Die Risiken der neuen Gentechnik, die von Klöckner beworben wird, sind ähnlich denen, die bereits seit 30 Jahren diskutiert und von der großen Mehrheit aller Bundesbürger abgelehnt werden", so Richard Mergner. "Deswegen muss die Bundeslandwirtschaftsministerin ebenso wie die bayerische Staatsregierung ein klares Bekenntnis zur Regulierung der neuen Gentechnikverfahren gemäß dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) abgeben", fordert Mergner. Der EuGH habe in seinem Urteil vom Juli 2018 festgestellt, dass auch die neuen Verfahren dem Gentechnikrecht unterliegen.

"Überfällig ist auch, dass Klöckner endlich die EU-Richtlinie über unlautere Handelspraktiken in der Lebensmittelkette umsetzt, und die desaströse Billigpreispolitik im Lebensmittelhandel einschränkt", fordert Mergner. Und keinesfalls dürfe das Handelsabkommen mit den Mercosurstaaten von Deutschland unterzeichnet werden, denn dadurch drohten insbesondere bei Rindfleisch, aber auch bei Geflügelfleisch und Zucker erhebliche Wettbewerbsverzerrungen und Marktverwerfungen zu Lasten der Bauernfamilien.

Die europäische Überschussproduktion von Fleisch und Milch habe ihre Ursache auch in der Billigeinfuhr von meist gentechnisch verändertem Soja und anderen Futtermitteln nach Europa.

Schon heute führten der Soja-Anbau und die großen Rinderherden beispielsweise in Brasilien zu massiver Abholzung des Regenwaldes, Landkonflikten und zu einer Verschärfung der Klimakrise.

Von Ministerpräsident Markus Söder fordert der BN-Vorsitzende ein entschiedeneres Vorgehen gegen Agrarkapitalismus und mehr Einflussnahme im Bundeskabinett: "Wenn Ministerin Klöckner Ende August ihre EU-Agrarministerkollegen zu einem informellen Treffen nach Koblenz einlädt, dann muss die CSU vorher als Koalitionspartner im Bundeskabinett klarmachen, dass es ein ,weiter so' mit der Förderung für landwirtschaftliche Industriebetriebe mit den größten Flächen nicht länger geben darf. Der BN fordert, dass im Rahmen der neuen Förderperiode der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) die pauschalen Flächenprämien schrittweise reduziert und in der darauffolgenden Förderperiode vollständig abgeschafft werden", betont Mergner.