Gespannt betrachten Jan und Daniel das Miniaturmodell der Kulmbacher Innenstadt. "Was steht da, Papa?", ruft Jan, und zieht an der Hand seines Papas, damit der die Finger auf die Punkte vor der Kirche am Stadtrand legt. "Da steht Unsere Liebe Frau", liest Georg Kellerer die Braille-Schrift vor, "so heißt die Kirche."
Georg und Bianca Kellerer leben mit ihren Söhnen Jan und Daniel in Kulmbach. Braille-Schrift gehört bei ihnen zum Alltag, denn beide sind blind, und haben Braille schon in der Schule gelernt. "Wer später im Leben erblindet, hat oft Schwierigkeiten, die Schrift noch zu lernen, hat nicht mehr so die Sensibilität in den Fingerspitzen", erklärt Manfred Voit. Er ist Leiter der Bezirksgruppe Oberfranken des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbunds. "So geht es etwa mir. Ich setze mehr auf akustische Hilfen."

Braille-Schrift am Computer

Mit Hilfe der Braille-Schrift lesen die Kellerers auch Texte am Computer. "Dazu haben wir die Braille-Zeile auf unserer Tastatur", erklärt Bianca Keller. "Das ist eine zusätzliche Zeile mit beweglichen Stiften, die den Text Zeile für Zeile in Braille anzeigen." Auch bei ihrer Arbeit als Bürokraft in der Kulmbacher Polizeiinspektion nutzt sie die Braille-Zeile. Zuhause beschriftet sie etwa Gewürzdöschen mit Prägebändern in Braille. "Ich mag das lieber, als mir Aufschriften und Texte von einem Gerät vorlesen zu lassen." Der Vorteil des Braille-Lesens sei, dass auch die Schreibweise korrekt übermittelt werde, sagt Manfred Voit. "Bei Namen weiß man ja vom reinen Hören oft nicht, wie sie geschrieben werden."
Das Modell der Kulmbacher Innenstadt in Braille zu beschriften, findet Bianca Kellerer gut. "Schön, dass man hier an Blinde gedacht hat. Aber interessant ist das natürlich eher für Besucher als für das tägliche Leben hier in Kulmbach." Wünschen würden sich die Kellerers Beschriftungen in Braille auch zum Beispiel auf Knöpfen in Aufzügen. "Nicht mal im Klinikum gibt es das", sagt Bianca Kellerer. "Auch nicht im Fritz. Dabei würde das wirklich helfen, sich zurecht zu finden."
Auch mehr Ampeln mit Signalton fänden Georg und Bianca Kellerer gut. "Bisher gibt es vier in Kulmbach. Zwei vor dem Bahnhof, eine in der Fußgängerzone, und eine bei der Nikolaikirche." Aber es gebe schon noch ein paar knifflige Ecken in der Stadt, wo eine Blindenampel nützlich wäre. "Schwierig ist zum Beispiel die Schauer-Kreuzung", sagt Georg Kellerer. "Es würde auch schon sehr helfen, wenn die Fußgängerunterführung dort in einem besseren Zustand wäre", sagt Bianca Kellerer. Sie geht zu Fuß zur Arbeit, begleitet von Labrador Ronja. "Dort liegen leider oft Scherben herum. Ronja kann sich da leicht verletzen." Auch werden in den Stadtbussen die Haltestellen nicht angesagt. "Wir müssen dann den Busfahrer bitten, uns zu sagen, wann unsere Haltestelle kommt", erklärt Georg Kellerer. "Aber mich hat der Fahrer auch schon mal vergessen."

Keine Durchsagen am Bahnhof

Am Bahnhof sieht es nicht besser aus. "Meist fahre ich mit einer Mitfahrgelegenheit zur Arbeit nach Hof", erzählt Georg Kellerer. "Aber wenn ich mit dem Zug fahren muss, wird's schwierig." Ansagen, welcher Zug einfährt, oder ob ein Zug Verspätung hat, gebe es nicht, sagt Bianca Kellerer. "Und am Bahnsteig markieren nur Linien den Sicherheitsabstand zum Gleis, keine fühlbaren Noppen oder Rillen."Für Verbesserungen hat sich Bianca Kellerer schon oft eingesetzt. "Ich habe schon mehrmals Blindenampeln beantragt, etwa auf meinem Arbeitsweg." Doch ihre Anträge wurden abgelehnt. "Das Argument war: Der Bedarf sei nicht da, ich wäre die Einzige, die das bräuchte. Das hört man in einer kleinen Stadt wie Kulmbach leider oft."
Anders sieht das zum Beispiel in Bayreuth aus, erzählt Manfred Voit. "Dort gibt es an der zentralen Omnibus-Haltestelle ein Infoschild in Braille-Schrift und in tastbaren lateinischen Buchstaben. Vom Bahnhof zum Rathaus gibt es ein Leitsystem, mit fühlbaren Rillen im Boden und Blindenampeln."
Seit Daniel, mit seinen acht Jahren der ältere der beiden Söhne, in der Schule ist, liest er den Eltern oft vor. "Er hat sich total gefreut und gesagt: Jetzt kann ich was, was bei uns sonst keiner kann", erzählt Bianca Kellerer. "Aber so sehr die Kinder uns auch helfen - sie können und sollen uns nicht die Augen ersetzen", fügt Georg Kellerer hinzu. "Außerdem werden sie ja irgendwann erwachsen, und führen ihr eigenes Leben." Wichtig sei für Blinde und Sehbehinderte vor allem Selbstständigkeit, erläutert Manfred Voit. "Immer jemanden fragen oder um Hilfe bitten zu müssen, ist keine gute Lösung."