Grün und saftig stehen sie da, die Wiesen in der Region. Der Regen im Mai hat das Grünland gut gedeihen lassen. Beste Voraussetzungen für den ersten Silageschnitt der Landwirte in diesen Tagen und Wochen. "Die erste Mahd des Jahres bringt besonders eiweißreiches Futter für die Tiere", sagt Harald Köppel, Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbandes in Kulmbach. Leider, so muss er gleich einschränken, fällt dieser optimale Zeitpunkt fürs Mähen oft mit dem Setzen der Kitze zusammen. Und das kann fatal werden, denn Rehgeiße legen ihre Jungen zum Schutz vor Fressfeinden oft in waldnahen Wiesen ab. Ein Kitz kommt ohne Fluchtinstinkt zur Welt und drückt sich bei Gefahr auf den Boden. Diese Überlebensstrategie schützt es zwar vor Greifvögeln, aber nicht vor dem Mähwerk.

Damit die Futterwiesen nicht zur Todesfalle für die Jungtiere werden, braucht es eine enge Kooperation von Jägern und Landwirten. Diese funktioniert im Landkreis Kulmbach in vorbildlicher Weise, wie Harald Köppel betont. "Wir reden miteinander und nicht übereinander." Und auch der Vorsitzende des Jagdschutz- und Jägervereins Kulmbach, Peter Müller, bestätigt: "Da ist viel Verständnis füreinander da. Die Zusammenarbeit von Jägern, Landwirten und Waldbauern im Landkreis ist sehr gut. Man bespricht sich und sucht nach vernünftigen Lösungen." So auch, um den Mähtod von Rehkitzen zu vermeiden.

Achtsamer Umgang mit der Natur ist wichtig für Jäger und Landwirte

"Kein Landwirt hat ein Interesse daran, ein Kitz über den Haufen zu fahren", sagt Peter Müller. Schon nicht aus Eigeninteresse, denn ein totes Tier im Schnittgut würde das Futter verderben und hätte schwerwiegende Folgen für den eigenen Viehbestand. Und selbstverständlich haben Tierschutz und der achtsame Umgang mit der Natur einen hohen Stellenwert für beide Gruppen - Jäger wie Landwirte.

So bringen Jäger Rehkitze fachgerecht in Sicherheit. Es darf nicht "nach Mensch" riechen, sonst nimmt es die Ricke nicht mehr an.

Tatsächlich sind Landwirte sogar gesetzlich dazu verpflichtet, dafür zu sorgen, dass kein Tier bei den Mäharbeiten gefährdet oder gar getötet wird. Im Klartext bedeutet das: sie müssen den örtlich zuständigen Jagdpächter über den Mähtermin informieren - und zwar rechtzeitig.

Das Vorwarnsystem muss funktionieren, die Kommunikation zwischen Jägern und Bauern gut und verlässlich sein. Flexibilität ist dabei auf beiden Seiten gefragt. "Es muss ja manchmal schnell gehen, je nach Wetterlage", weiß Peter Müller. Und dann kann es auch passieren, ergänzt sein Stellvertreter im Jagdschutz- und Jägerverein Kulmbach, Otto Kreil, dass trotz aller Vorkehrungen mitten im Mähvorgang eine Rehgeiß aus dem Feld läuft - ein untrügliches Zeichen dafür, dass da irgendwo auch ein Kitz liegt. "Dann sollte der Landwirt sofort stoppen und schnell mit dem Handy seinen Jäger anrufen", so Kreil.

Vorwarnsystem soll Rehkitze vor dem Tod bewahren

Kitzrettung beginnt jedoch meist mit präventiven Maßnahmen. Vergrämungsmethoden wie das Aufstellen von Wildscheuchen ein bis zwei Tage vor dem Mähen sollen zum Beispiel den Rehen den Aufenthalt in den Wiesen verleiden und sie dazu bringen, ihre Kitze herauszuholen. Oder: Der Jäger kann mit einem sogenannten Kitzfiep, einer Art Hundepfeife, das Muttertier anlocken.

Die wohl bekannteste Methode ist das Abgehen der Wiesen mit einem Hund an der langen Feldleine. Da ein Rehkitz jedoch fast geruchlos ist, nehmen nur sehr gut ausgebildete Hunde deren Witterung auf. Und dann gibt es mittlerweile eine Reihe von High-Tech-Hilfsmitteln wie Drohnen und Wärmebildsuchgeräte, die Jäger und Landwirte bei ihrer Arbeit unterstützen. "Die Technik wird immer ausgereifter", weiß Burkhard Hartmann, Kreisvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Jagdgenossenschaften im BBV Kulmbach. "Doch das A und O bleibt die Kommunikation zwischen Landwirt und Jäger. Das ist unsere stärkste Waffe", sagt Otto Kreil.