Kulmbach
Brandstiftung

Kulmbacher erleben Nacht "wie im Horrorfilm"

Treppenhaus verqualmt, Fluchtweg versperrt: Als in der Fischergasse ein Kinderwagen brannte, gerieten die Hausbewohner in Panik.
Feueralarm in der Fischergasse 10 in Kulmbach: Die Bewohner des Mehrfamilienhauses hatten panische Angst - das Treppenhaus total verqualmt, der Fluchtweg ins Freie versperrt. Keiner der acht Bewohner wusste damals, dass mitten in der Nacht ein Kinderwagen in ihrem Haus brannte. Mohssen Assanimoghaddam (dpa)

Feueralarm in der Fischergasse 10: Die Bewohner des Mehrfamilienhauses hatten panische Angst - das Treppenhaus total verqualmt, der Fluchtweg ins Freie versperrt. Keiner der acht Bewohner wusste damals, dass mitten in der Nacht ein Kinderwagen in ihrem Haus brannte.

"Es war wie ein Horrorfilm", sagte am Freitag eine Zeugin vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts Bayreuth. Niemand ahnte, dass der Brandstifter im Nachbarhaus wohnte: ein polizeibekannter junger Mann, der schon dreimal vorher - unter anderem 2017 in der Sutte 3 - Kinderwagen abgefackelt hatte.

Kinderwagen abgefackelt: dramatische Ereignisse in Kulmbacher Mehrfamilienhaus

Die dramatischen Ereignisse in der Nacht zum 2. August 2020 schilderte der Einsatzleiter dem Gericht. Die um 0.15 Uhr alarmierte Feuerwehr sei mit sechs Fahrzeugen und 32 Mann ausgerückt. Den Brand habe eine Polizeistreife, die sich in der Nähe befand, bereits gelöscht. "Es waren Hilferufe zu hören. Ich habe zwei Trupps mit Atemschutz zur Personenrettung reingeschickt, die sich im verrauchten Treppenhaus in den zweiten und dritten Stock vorkämpften", so der Zeuge. Draußen hätten Feuerwehrleute im Korb der Drehleiter die Hausbewohner beruhigt, die dann mit Rettungshauben über dem Kopf nach draußen gebracht wurden. "Wir mussten sie rausholen, die kriegen sonst Panik."

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"Ich war die Letzte, die sie rausgeführt haben. Man hat gar nichts gesehen", sagte eine Frau (74). Sie habe immer noch Alpträume von der schrecklichen Nacht. Ihre Nachbarin (67) hatte sich auf dem Balkon in Sicherheit gebracht: "Ich hatte keine Möglichkeit, allein aus dem Haus zu kommen." Beide mussten eine Nacht im Krankenhaus verbringen. Die dritte Zeugin (73) durfte um halb drei wieder in ihre Wohnung zurückkehren: Zu dem Zeitpunkt hatte die Feuerwehr das Treppenhaus entraucht. Aber der schwarze Ruß und der Gestank blieben noch wochenlang, bis renoviert werden durfte. Der Schaden betrug über 5000 Euro.

Der 24-jährige Angeklagte hatte zu Prozessbeginn keine Angaben zur Sache gemacht, da er wenig bis keine Erinnerung mehr an die Nacht habe. Denn er sei betrunken gewesen - 1,6 Promille wurden gemessen. Gestern gab Verteidiger Ralph Pittroff für seinen Mandanten eine Erklärung ab. Es war eine Art Geständnis. Der Angeklagte, so der Kulmbacher Rechtsanwalt, gehe aufgrund der Aussagen der Polizisten am ersten Verhandlungstag davon aus, "dass sich der Sachverhalt so zugetragen hat". Im Nachbarhaus sei ihm der Kinderwagen der Ex-Freundin seines Bruders aufgefallen, der das gemeinsame Kind nicht sehen dürfe. Es sei eine Spontantat gewesen. Als es brannte, sei er gleich weggelaufen.

Spontantat? Angeklagter legt eine Art Geständnis ab

Wenig später wurde der Mann im Grünzug geschnappt. Die Polizei hatte ihn gleich im Verdacht. Bei seiner ersten Vernehmung gab er die Tat zu, ebenso beim Ermittlungsrichter. Gegen ihn wurde ein Verfahren wegen Sachbeschädigung und gefährlicher Körperverletzung eingeleitet. "Das war für mich zutreffend", sagte gestern der damalige Pflichtverteidiger, der von seiner Schweigepflicht entbunden worden war.

Doch beim Ermittlungsrichter brachte sich der 24-Jährige selbst in große Schwierigkeiten. Er räumte laut Protokoll ein, dass er sich der Gefahr bewusst gewesen sei, dass jemand durch das Rauchgas hätte sterben können. Plötzlich stand ein versuchter Mord im Raum. "Das war eine Zäsur in der Vernehmung", meinte der ehemalige Pflichtverteidiger. Der Ermittlungsrichter habe eine "rhetorische Frage" gestellt: Ob dem Mann klar sei, dass jemand umkommen könne, wenn es nachts brennt. Und dies habe der Angeklagte bejaht.

Der damalige Staatsanwalt gab an, dass dem Angeklagten nichts in den Mund gelegt worden sei. Er selbst und der Ermittlungsrichter hätten sich überrascht angeschaut und wegen der unerwarteten Antwort gewundert.

Schwierige Beratungen

Ob die Anhaltspunkte ausreichen, den 24-Jährigen wegen versuchten Mordes zu verurteilen, muss letztlich die Kammer klären. Es dürften schwierige Urteilsberatungen werden. Zumal bereits in der Anklageschrift davon ausgegangen wurde, dass die Fähigkeit des Angeklagten, das Unrecht seiner Tat zu erkennen, aufgrund seiner Alkoholisierung und seines psychischen Zustands im Übergangsbereich zwischen einer ausgeprägten Lernbehinderung und einer leichtgradigen Intelligenzminderung erheblich reduziert war.

Über die tatsächliche Gefahr für die Hausbewohner referierte Bernd Schwarze vom Institut für Rechtsmedizin Erlangen. Der Experte für Forensische Toxikologie befasste sich mit einer möglichen Rauchgasvergiftung der schlafenden Bewohner. Das bei Bränden in Innenräumen entstehende Kohlenmonoxid sei hochgiftig. Es sei bereits lebensgefährlich, das geruchslose Gas bei einer Konzentration von 0,8 Prozent zehn Minuten lang einzuatmen.

Für das betreffende Treppenhaus mit einem Volumen von 128 Kubikmetern schätzte Schwarze die Kohlenmonoxid-Konzentration auf weniger als 0,5 Prozent. So wie der Brand abgelaufen ist, sei die Gefahr "sehr gering" gewesen. Hätten auch die Reifen des Kinderwagens, die Pinnwand und die Briefkästen gebrannt, wäre die Brandmasse verdreifacht worden. Dann wäre es womöglich nicht so glimpflich abgegangen.

Am Montag geht der Prozess weiter

"Realistisch gesehen, war das Leben der Bewohner nicht akut gefährdet", stellte Vorsitzender Richter Bernhard Heim zusammenfassend fest. "Aber den Leuten hat"s auch so schon gereicht." Der Prozess wird am Montag fortgesetzt.